Neues Buch: Stefanie Reinsperger ist „Ganz schön wütend“

Sie hat einen kometengleichen Aufstieg hingelegt. Bereits mit ihrer ersten Rolle am Burgtheater machte Stefanie Reinsperger Furore, wechselte dennoch ans Volkstheater und von dort ans Berliner Ensemble, spielte 2017 und 2018 die Buhlschaft im Salzburger Festspiel-„Jedermann“ und ist seit 2020 „Tatort“-Kommissarin. Dass die gebürtige Badenerin nun ein Buch geschrieben hat, ist zweifach außergewöhnlich: Die Schauspielerin ist erst 34. Und sie ist „ganz schön wütend“.

So hat Reinsperger ihr heute im Molden Verlag erscheinendes Buch auch benannt: „Ganz schön wütend“. Sie wolle „ehrlich sein, ehrlich zu mir, aber natürlich ehrlich zu euch“, schreibt sie im Vorwort. „Ich bin eine sehr körperliche Spielerin. Ich liebe es, meinen Körper als Instrument, als Werkzeug zu benutzen und zur Verfügung zu stellen. Körper im Raum, die sich zueinander verhalten, ins Verhältnis setzen und deren Aktionen etwas beim anderen bewirken – das ist für mich Theater und Spiel. Und ich habe lang gebraucht, diesen meinen Körper, meinen Wutkörper nicht nur zu akzeptieren und anzunehmen, sondern vor allem zu lieben. Mit allem, was ich habe.“

Es geht also um „Furor, Leidenschaft, Wahnsinn, Wut und Wucht“, die sie in ihr Spiel legt. Um Spielwut. Und um die Wut, die sie aufgrund von Erlebnissen in ihrem Alltag entwickelt hat. „Nichts von dem, was ich schreibe und erlebt habe, ist neu. Das kann mir keiner erzählen. All das passiert jeden Tag jemandem in dieser unserer Gesellschaft. Und das macht mich wütend! Und ich möchte mir das nicht mehr gefallen lassen. Wir werden uns das nicht mehr gefallen lassen! Ja?“

Es geht um die Reaktionen der Menschen auf ihre körperliche Erscheinung. „Mich macht nicht mehr wütend, dass mich Menschen ‚dick‘ nennen, mich macht wütend, dass wir immer noch und nur die negativen Dinge mit diesem Wort assoziieren. Können wir das Wort ‚dick‘ bitte endlich rehabilitieren. Es gibt doch sehr wohl schon im Sprachbereich auch Möglichkeiten, das Wort als etwas Tolles zu sehen. Es gibt viele Menschen, die dicke Bücher großartig finden. Eine dicke Scheibe Käse, eine dicke Wolldecke, ein dickes Konto, ein dicker Kuss – scheint auch immer auf positive Reaktionen zu stoßen“, schreibt sie und bekennt: „Ich habe längst aufgehört zu zählen, wie oft ich in der U-Bahn schon von unbekannten Menschen – einfach nur im Vorbeigehen, einfach so – als “fette Sau„ beschimpft wurde.“ Es sei „doch immer wieder erstaunlich, dass ein weiblicher, kräftiger, starker Körper als Makel wahrgenommen wird und ein männlicher, dicker Körper als Zeichen von Manneskraft gilt“.

Stefanie Reinsperger schreibt darüber, dass vor der Ausstrahlung des ersten „Tatort“ mit ihr als Kommissarin Rosa Herzog nicht die Freude überwiegt, sondern die Befürchtung, dass es viele Kommentare und Postings zu ihrem Aussehen geben werde. Und sie berichtet über „die schlimmste Erfahrung diesbezüglich“. Nämlich das Spielen der Buhlschaft im „Jedermann“. „Anscheinend haben es viele Menschen als einen irrsinnigen Angriff empfunden, dass ich diese Rolle angenommen habe, als Frau, die für viele Menschen nicht schön genug war, um diese Figur zu spielen. Wie konnte ich mir das nur anmaßen?“ Sie habe lange mit sich gerungen, darüber zu schreiben oder zu sprechen. „Aber wenn es etwas gibt, das ich bereue und mir vorwerfe, dann, dass ich darüber damals nicht gesprochen habe. Das hätte ich tun sollen.“

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Es sind hässliche, demütigende Szenen, die sie schildert. Es sei keineswegs leicht gewesen, diese zu verarbeiten. „Aber WIR werden dadurch stärker. Ich möchte sagen, mich haut so schnell nichts mehr um, das stimmt allerdings nicht und ich würde euch anlügen. Denn es gibt immer wieder Situationen, die mich sehr verletzen und mich aus der Bahn werfen. Allerdings dauert es inzwischen nicht mehr so lange, bis ich das überwunden und verarbeitet habe. Ich wachse daran. Jeden Tag ein bisschen mehr.“

Und dann gibt es sie – unterbrochen von schönen und witzigen Schwarz-Weiß-Porträtfotos von Sven Serkis – doch auch noch: Erinnerungen an Kindheit und Aufwachsen in Belgrad und London, an das Nachspielen der Lieblingsmärchen im Park, an den siebenmaligen Besuch des Musicals „Joseph and the Amazing Technicolored Dreamcoat“ im West End und den ersten Kurs im Unicorn Theatre als Vierjährige. „Ich wollte da nie wieder weg. Ich war so begeistert und glücklich. Die Wut- und Brüllanfälle auf dem Spielplatz und im Supermarkt legten sich, wurden immer weniger. Ich brüllte, schrie, weinte, lachte und gluckste jetzt in meinen Theaterstunden.“

In der Folge gibt es einige witzige Dialoge zwischen zwei Druckkochtöpfen zum Lesen, zwei Auszucker einer „großen blonden Frau mit Dutt“, einmal nach einer Vorstellung, bei der ein wichtiges Video ausfällt, ein anderes Mal in Bad Vöslau wegen des Kommentars eines Mannes über ihr Salzburger Kleid, Kommentare über ihre Wut gegen „dieses Scheiß-Coronski-Virus“, gegen diesbezügliche Regeln und gegen Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, gegen Femizide, Vergewaltigungen und männliche Übergriffe aller Art.

Gegen Ende gibt Stefanie Reinsperger einen Überblick über einige Rollen, die ihr angeboten wurden, und deren Zuschreibungen. Sie reichen von „Maria (33, eine wuchtige, brummige Erscheinung)“ und „Sarah (24, eine stark untersetzte Frau)“ bis zu „Julia (35, stark übergewichtig, fällt damit optisch aus dem Rahmen)“. Sie beschreibt ihr Aufbegehren gegen diese Art von Rollen. „Und wisst ihr, was das Schöne ist? Es wird umgeschrieben, mir wird zugehört, Texte werden geändert, es wird mir Verständnis entgegengebracht. Die Kommentare zum Aussehen der Figuren werden weniger bei Castings. Das ist toll, dass das immer mehr wegfällt und geändert wird. Gut so! Aber ich wünsche mir eine Zeit, in der diese Diskussionen gar nicht mehr nötig sind. In der es eine Empathie und ein Bewusstsein füreinander gibt, in der Rollen einfach Rollen sind. Menschen Menschen, Körper Körper. Alles andere macht mich wütend.“

(S E R V I C E – Stefanie Reinsperger: „Ganz schön wütend“, Mit Fotografien von Sven Serkis, Molden Verlag, 176 Seiten, 25 Euro)

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