New York feierte Friedl vom Gröller mit größter Filmschau

Friedl vom Gröller ist eine Frau, die ihr Leben dem Porträt verschrieben hat. Die Wiener Fotografin und Filmemacherin ging mutig dorthin, wo sich nur wenige trauen, und wandte ihren Blick nicht nur nach Außen, sondern immer schon auch auf sie selbst. In New York wurde ihr die bisher größte Filmschau gewidmet. In einem Gespräch mit der APA sprach sie über Tabus und „unübersetzbare Kunst“.

Es gibt einen unerschrockenen Kurzfilm von Friedl Kubelka vom Gröller mit dem Titel „Passage Briare“. Eine kleine Gasse in Paris, in der die Künstlerin zuerst als Komplizin hinter der Kamera steht, und sich dann neben einen Fremden setzt. Sie tut dann etwas völlig Unerwartetes, was für die meisten Menschen wohl ein Tabu wäre. Sie nimmt ihre Zahnprothese aus dem Mund und lacht in die Kamera. Sie wirft die Hände über dem Kopf zusammen und vergräbt ihr Gesicht verlegen in ihren Knien. Dann lacht sie wieder. Es ist ein wirklich schöner Film dieser furchtlosen Chronistin des Älterwerdens, in der Fotografie als Friedl Kubelka und im Film unter dem Pseudonym Friedl vom Gröller bekannt.

„Diese Scham hat ein Ventil gebraucht“, sagt sie über diese „Zahnfilme“, wie sie sie liebevoll nennt. Die Bilder waren nie für andere Augen bestimmt. Selbst ihr Ehemann, Georg Gröller, hat nichts von der Prothese gewusst, ein Mann, der nicht davon gelaufen ist, als sie ihm die Filme zeigte. Er liebt sie so, wie sie ist, mit oder ohne Zähne. „Das war eine tolle Erfahrung“, so die 75-jährige Künstlerin. „Dann lernt man auch, dass die Welt nicht untergeht, auch wenn man einem anderen Menschen die ungeheuerlichsten Fantasien erzählt.“

Sie ist für einen Monat nach New York City gekommen, wo sie eine Künstlerresidenz im Deutschen Haus der NYU hat, ein Teil des MehrWERT-Preises, den sie bei der Viennale im Jahr 2019 für ihren Film „l’avenir? de F.v.G.?“ gewonnen hat. Ihr Leben hat sie den Gesichtslandschaften von Menschen verschrieben, wie den zwei Frauen in diesem stummen Film, Corinne und Aisha, die mit ihren Fingern und Händen sprechen. „Ich mache in meinem ganzen Leben nichts anderes, als mich für Menschen zu interessieren“, sagt die in London geborene Wienerin.

Während dem Gespräch schweift ihr Blick immer wieder zum Fenster, wo sich ein Kran wie ein „Dinosaurier“ bewegt. Sie ist fasziniert und würde es am liebsten mit der Kamera, die in ihrem Wohnzimmer steht, festhalten. Oder ein Papier, das wie eine „Möwe“ davon fliegt. Sie sieht Dinge, die anderen nie auffallen würden. Aber der Blick der Künstlerin schweift nicht nur nach außen. Er schweift auch schonungslos nach innen. Er schweift auch auf sie selbst.

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In ihren „Jahresporträts“ hat sie sich ein Jahr lang jeden Tag selbst fotografiert und das alle fünf Jahre wiederholt. Sie wollte zum „Subjekt und Objekt“ in einem werden. Am 22. März 1972 hat sie das erste gemacht. In Erinnerung an einen verstorbenen Freund, und in Erinnerung an ihn fängt sie deshalb immer am 22. März damit an. Auch in diesem Jahr, in dem sie ihre 11. Serie begonnen hat.

Sie ist erfrischend unprätentiös. „Am Anfang wollte ich hübsch sein“, sagt sie. „Dann nicht mehr. Dann wollte ich wissen, wie ich älter werde und wollte mir nicht mehr schmeicheln.“ Etwas, das sie natürlich kann als professionale Fotografin. „Das Altern ist mit so viel Scham behaftet – und das wollte ich durchbrechen.“

Subtile Details in ihren anarchischen Selbstporträts weisen auf den bedingungslosen Lauf der Zeit hin. Die Länge ihrer Haare, die Beschaffenheit ihres Körpers, die hart verdienten Lebensfalten, oder die Geburt ihrer Tochter. Es ist, als ob sie schon früh verstanden hätte, dass ein einzelnes Bild die Persönlichkeit eines Menschen nicht widerspiegeln kann. „Ein Foto kommt einer Lüge gleich“, sagt sie. „Ich habe 10 bis 15 Jahre die Einbildfotografie abgelehnt!“ Ein neues Buch, das über ihre Arbeit erschienen ist, trägt passender Weise den Untertitel: „One is not Enough“. Ihre Schüler haben sie dafür „nicht immer geliebt“, erzählt sie, und schmunzelt.

Diese Methode erreichte ihren Höhepunkt mit dem „Tausendteiligen Porträt“. Sie hat ihre Mutter Lore Bondy „denkend“ fotografiert, und das 1.000 Mal unter den gleichen Konditionen. „Ich halte es für meine beste künstlerische, fotografische Arbeit“, sagt sie, „weil ich da etwas Unübersetzbares geschaffen habe“.

Von diesem „Unübersetzbaren“ hat sie das erste Mal in einer Vorlesung ihres Ex-Ehemannes, dem österreichischen Avantgardefilmer Peter Kubelka gehört, mit dem sie 27 Jahre liiert war. Weil er gesagt hat: „Ich verwende den Film wie kein anderes Medium das kann, denn das, was ich mache, ist unübersetzbar in Sprache und unübersetzbar in Malerei.“ Das hat sie in ihre Fotografie eingearbeitet.

Andere mögen sie als „Vorreiterin des Selfies“ sehen in einer von Instagram kuratierten Welt, aber sie selbst tut das nicht. „Auf Instagram werden die Fotos zum Leben. Bei mir liegt der Schwerpunkt auf dem Leben selber.“ Sie hat nicht Unrecht.

Die 65 Filme, die jetzt in den Anthology Film Archives in Lower Manhattan gezeigt wurden, sind voll mit sinnlichen, weichen, intimen Momenten. Sie sind stumm, und knüpfen an die Traditionen des französischen Autorenfilms und des Avantgardekinos an. Die meisten wurden auf einer einzigen Rolle 16-mm-Schwarz-Weiß-Film gedreht, was bedeutet, dass sie drei Minuten lang sind. Manche dieser Kurzfilme sind geradezu provokant monoton, später interagiert vom Gröller als Kamerafrau mit den Gefilmten und hält deren Reaktionen auf eine Ohrfeige oder einen Kuss fest. In „Le Baromètre, Laurent, Herachin“ lud sie drei Fremde in ihre kleine Wohnung in Paris ein. Sie überraschte diese Männer mit einem Striptease und zeichnete ihre Reaktionen auf. In einem fröhlichen Film („Spitting“) spuckt ein Mann Kirschenkerne in die Kamera. In einem anderen liefern sich der legendäre Jonas Mekas und Peter Kubelka ein Blickduell mit der Kamera.

Zwischen den Kurzfilmen werden Porträts eingeblendet, die sie von anderen gemacht hat, aber auch ihre erotischen Selbstporträts, darunter Arbeiten mit dem Titel „Pin-up“ (beide 1974), die damals radikal und mutig waren. Es wird ihr öfters gesagt, sagt sie, aber sie selbst sieht sich erstaunlicherweise gar nicht als „mutige“ Frau. Natürlich ist sie das und sie ist auch eine Frau, die nichts beschönigt. „Meine Pin-ups habe ich nicht aus feministischen Gründen gemacht, obwohl es vielleicht letztendlich eine feministische Tat war. Ich wollte meinem Freund gefallen.“ Obwohl sie wenig Geld hatte, hat sie eine Postkarte drucken lassen von einem ihrer Schwarz-Weiß-Fotos, hat ihren Namen hinten drauf geschrieben und diese Postkarte verteilt. „Das war feministisch“, sagt sie, „aber die Fotos sind aus Liebe entstanden und aus dem Bedürfnis nach Liebe gemacht.“

Auch wenn sie es als junge Frau in der Wiener Kunstszene der 1970er und 1980er Jahre „in den Künstlerkreisen, im Hawelka, viel leichter gehabt hat als die Burschen“, so hat sie doch eine gewisse Rolle dort einnehmen müssen. „Man ist wie eine Muse gewesen. Wie bei den Surrealisten: die Frauen sollten hübsch und möglichst nicht aufmüpfig sein.“

Sie war es trotzdem auf ihre Weise. Sie ist ihren eigenen Weg gegangen, auch wenn sie versuchte, ihre Depressionen, mit Schokolade zu behandeln. Irgendwann in ihrem Leben ließ sie sich zur Psychoanalytikerin ausbilden, eine Tatsache, die auch deutlich wird, wenn man mit ihr spricht. Sie bezeichnet ihre Kunst als „Projektive Identifikation“, ein Begriff, der aus der Psychoanalyse stammt. „Wenn die Brust vor Wut zerspringt, dann wird das ausgespuckt auf das Gegenüber, dann ist man davon befreit und man kann es am anderen betrachten. Das ist natürlich furchtbar zerstörerisch für einen anderen Menschen. Aber in der Kunst, glaube ich, ist es produktiv.“

Und so hat sie ihr Inneres immer und immer wieder „ausgespuckt“ – auch auf den Spiegel. 1990 gründete sie die Schule für künstlerische Fotografie in Wien, und 2006 gründete sie die Schule für unabhängigen Film. Sie hat viele Filme gedreht – mehr als 120 – und obwohl diese Werke im Laufe der Jahre auf verschiedenen Kurzfilmfestivals und Vorführungen in den USA aufgetaucht sind, wurden noch nie so viele gezeigt wie jetzt. Und für eine Frau, die 20 Jahre lang aufgehört hat zu filmen, weil sie vielleicht unsicher war in ihrer Identität, „aufgrund der Machos, auch in Wien“, ist das keine Kleinigkeit.

Ihre Leidenschaft für das Filmen, die Zusammenarbeit mit sixpackfilm und Dietmar Schwärzler, der ihre beiden Bücher editiert hat, haben ihrem „Leben im Alter eine ganz unerwartete Wendung gegeben“. „Ich glaube, dass meine Identität als Filmemacherin in meiner Brust ziemlich gestärkt wurde durch diese Filmschau; dass ich gar nicht mehr umhin kann, zu sagen: Friedl, du bist wirklich eine Filmemacherin.“

(Das Gespräch führte Marietta Steinhart/APA)

(S E R V I C E – )

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