NHM-Chef Köberl kritisiert Lunaceks Personalentscheidungen

Am 31. Mai endet die Amtszeit von Christian Köberl als Generaldirektor des Naturhistorischen Museums (NHM) Wien. Sein Vertrag wurde von der mittlerweile zurückgetretenen Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek (Grüne) nicht mehr verlängert – sehr zur Enttäuschung Köberls, der im APA-Interview kein gutes Wort über den Bestellvorgang hat und auch sonst nicht mit Kritik an der Kulturpolitik spart.

APA: Sie haben sich in einer ersten Reaktion “sehr enttäuscht” über die Nicht-Verlängerung Ihres Vertrags durch Kulturstaatssekretärin Lunacek gezeigt und Zweifel an einer objektiven Entscheidungsfindung geäußert. Hat sich Ihre Meinung mit zeitlichem Abstand geändert?

Christian Köberl: Meine Meinung über die Qualität der Entscheidungsfindung hat sich keinesfalls geändert, ganz im Gegenteil. Aufgrund der Entwicklungen – Stichwort: Rücktritt von Art-for-Art-Geschäftsführer Axel Spörl – sind die Personalentscheidungen von Frau Lunacek doch zu hinterfragen. Es ist für mich eine Genugtuung zu sehen, dass Frau Lunacek nicht einmal bis zum Ende meiner Amtsperiode im Amt geblieben ist. Das zeigt ja auch, welche Qualität ihre Arbeit hatte. Im konkreten Fall hat sich nichts am Interessenskonflikt geändert, dass der Vorgesetzte der dann erfolgreichen Bewerberin in der Bestellungskommission saß.

APA: Kulturminister Werner Kogler (Grüne) erklärte soeben in der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ, dass “ein objektiver Bestellungsvorgang jedenfalls gewährleistet wurde”, da sich Johannes Vogel, Generaldirektor des Naturkundemuseums in Berlin und damit Vorgesetzter der letztendlich zu Ihrer Nachfolgerin gekürten Kandidatin “im Hinblick auf Katrin Vohland der Stimme enthalten hat”. Was sagen Sie dazu?

Köberl: Ich halte das für lächerlich. Wenn ich vier Monate in einer Kommission sitze und dort natürlich mit diskutiere und Stimmung mache und mich bei der Letztabstimmung der Stimme enthalte, dann halte ich das für eine äußerst fragwürdige Stellungnahme. An einer Universität wäre aus gutem Grund ein Berufungsverfahren mit dem Vorgesetzten eines Bewerbers in der Kommission völlig unmöglich und daher auch klagbar.

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APA: Sie haben ja auch eine Anfechtung der Entscheidung überlegt?

Köberl: Ich vermute, es ist den Aufwand nicht wert. Mir wurde gesagt, dass das eine politische Entscheidung sei, die nur schwer anzugreifen ist. Ich nehme die Sache nun zur Kenntnis und sehe den positiven Aspekt, dass ich in Zukunft wieder mehr Zeit für die Forschung haben werde. Aber die Enttäuschung bleibt. Weil die Zeichen, die man vorher bekommen hat, andere waren und ich nach wie vor keinen objektiven Grund sehe; weil mir in allen Verfahren attestiert wurde, dass ich das Museum sehr gut geführt habe und ich sehr erfolgreich war. Da stellt sich die Frage: Warum löst man so jemanden ab? Das ist für mich nach wie vor nicht einzusehen.

APA: Das Kuratorium des NHM hat den gleichzeitigen Wechsel beider Geschäftsführer als “unnötiges Risiko” bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Köberl: Ja, natürlich ist das ein großes Problem. Weil es immer schwierig ist, wenn niemand hier ist, der Kontinuität gewährleistet. Es macht natürlich Sinn, wenn in der Geschäftsführung immer eine Person mit der nächsten Person überlappt. Das ist tatsächlich ein unnötiges Risiko, das hier eingegangen wird.

APA: Wie gestaltet sich die Übergabe an Ihre Nachfolgerin, Frau Vohland?

Köberl: Wir haben vergangene Woche ein Gespräch gehabt. Es ist natürlich nicht viel Zeit, wenn nur 2,5 Monate vor Vertragsende die Entscheidung bekannt gegeben wird und das mit dem Lockdown im Rahmen der Coronakrise zusammenfällt. Daher ist es sehr schwierig, eine Übergabe zu machen.

APA: Sie haben nun zehn Jahre ein Bundesmuseum geleitet, können aber als Wissenschafter auch eine gewisse Außensicht einbringen. Wie beurteilen Sie denn die Kulturpolitik, speziell in Bezug auf die Museen?

Köberl: Der große Erfolg der vergangenen Jahrzehnte war die Ausgliederung der Bundesmuseen. Das hat dazu geführt, dass die Häuser selbstständig und einfacher agieren können. Was es oft schwierig macht, ist die zunehmende Bürokratie. Es gibt immer mehr Berichte, Controlling und Revisionen. Die Annahme, dass jeder automatisch ein Betrüger ist und erst das Gegenteil beweisen muss, ist schon typisch österreichisch. Und es gibt Dinge, die doch einfacher gehen müssten: Zum Beispiel müssen wir als Verwalter einer Sammlung und eines Gebäudes, die der Republik Österreich gehören, für das Gebäude Miete zahlen. Dazu gibt das Finanzministerium dem Kulturministerium Geld, das uns Geld für die Miete gibt, die wir der Burghauptmannschaft geben, die das Geld dem Wirtschaftsministerium gibt, das wiederum dem Finanzministerium Geld zurückgibt. Man nennt das Vollkostenrechnung, aber das macht doch keinen Sinn.

APA: Zudem wird Ihre Miete inflationsangepasst, während Ihr Budget unverändert bleibt.

Köberl: Die fehlende Inflationsanpassung der Basisabgeltung ist tatsächlich ein Problem, weil alle Rechnungen steigen, egal ob Personal, Energiekosten oder Miete. Da muss man dann immer jammern und alle paar Jahre wird – ähnlich wie beim Sonnenkönig – etwas ausgeteilt. Dann bekommen diese und jene ein bisschen etwas, jene die sich brav verhalten haben, bekommen ein bisschen mehr. So kann es doch nicht sein, das ist doch keine Objektivität, das ist die Verteilung der Pfründe. Hier würde ich mir mehr Objektivität von der Kulturpolitik erwarten. Auch das über einen Kamm Scheren der Bundesmuseen ist zu hinterfragen. Wir sind nicht gleich, wir haben völlig unterschiedliche Anforderungen. Natürlich gibt es zwischen manchen Kunstmuseen ähnliche Bedürfnisse, aber das Naturhistorische und das Technische Museum und die Nationalbibliothek haben andere Arten von Sammlungen, andere Strukturen und dadurch völlig andere Anforderungen.

APA: Was würden Sie sich von der Kulturpolitik wünschen?

Köberl: Egal, wer Minister ist und welche Partei am Ruder ist: In den vergangenen Jahren wird immer wieder versucht, etwas von der Autonomie der Museen an das Ministerium zurückzuholen, sei es in Form von Leistungsvereinbarungen oder Verträgen. Und dann geistert schon seit Jahren das Gespenst einer Holding herum, die nur viel kostet und eine weitere Verwaltungsebene bedeutet, aber sonst für nichts gut ist. In diesem Sinne würde ich mir von der Kulturpolitik wünschen, dass die ausgegliederten Anstalten in Ruhe arbeiten können und nicht permanent versucht wird, mit allen möglichen Vorschriften hineinzuregieren.

APA: Sie haben seit 20. Mai wieder offen – wie läuft es?

Köberl: Die Zahlen schauen gar nicht so schlecht aus, ich habe Schlimmeres befürchtet. Am ersten Tag waren es 220 Leute, am zweiten Tag über 300 und am Wochenende rund 700 Besucher. Üblicherweise haben wir am Wochenende rund 3.000 Besucher täglich, und werktags 1.500 an schlechten Tagen. Wir spüren nicht nur die fehlenden Touristen, sondern auch die Schulgruppen, die nicht kommen dürfen.

APA: Was ärgert Sie rückblickend am meisten?

Köberl: Dass der gemeinsam mit dem Kunsthistorischen Museum projektierte neue Eingangsbereich mit Sonderausstellungssälen unter dem Maria-Theresien-Platz nicht realisiert werden konnte. Das wäre schon eine tolle Sache. Österreich ist angeblich eine Kulturnation. Die Touristen kommen ja nicht wegen unserer tollen Sozialpartnerschaft, sondern weil sie die schönen Gebäude sehen wollen, die Geschichte, die Museen, die Theater, die Konzerte. Man lebt davon, aber warum dann die Regierung die Kultur immer ganz ans Ende verräumt und stiefmütterlich behandelt, verstehe ich nicht. Die 100 Mio. Euro für ein solches Projekt werden permanent in irgendwelchen Tunneln irgendwo in Österreich verbaut. Aber hier hätte man die Möglichkeit, im Zentrum der Stadt zwischen zwei der größten Kulturinstitutionen ein Zeichen zu setzen. Auch im Haus selbst hätte ich gerne noch im ersten Stock die zoologische Sammlung ein wenig modernisiert. Und ich hätte es gerne geschafft, eine botanische Schausammlung einzurichten, die es seit rund 30 Jahren nicht mehr gibt, obwohl wir eine der größten botanischen Sammlungen der Welt haben.

APA: Was ist Ihnen in den vergangenen zehn Jahren besonders gelungen?

Köberl: Wir sind sehr stolz, dass wir fast das gesamte Erdgeschoß modernisiert haben, vom Meteoritensaal, über das digitale Planetarium, die neue anthropologische Schausammlung, und die neugestaltete prähistorische Schausammlung, die Einrichtung eines eigenen Kabinetts für die Venus von Willendorf und die prähistorischen Goldfunde und der neue Dinosaurier-Saal. Wir hatten auch eine Vielzahl an wirklich spannenden Ausstellungen. In Erinnerung geblieben ist mir etwa eine Schau an der Grenze zwischen Biologie und Kunst über Synthetische Biologie, oder jene über das Geschäft mit dem Tod und die Ausstellung über die Entstehung des Weltalls und natürlich meine letzte große Ausstellung zum Thema “Mond”.

APA: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Köberl: Ich werde mich wieder an der Uni einleben, wo ich ja die ganze Zeit eine Arbeitsgruppe hatte und auch – zumindest wenige Stunden – unterrichtet habe. Ich werde mich mehr um meine wissenschaftliche Forschung kümmern. An der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bin ich Vorsitzender von drei Kommissionen und kann mir durchaus vorstellen, dort meine Tätigkeit zu vertiefen und mich noch mehr zu engagieren als bisher. Ich denke nicht, dass mir in nächster Zeit langweilig werden wird.

(Das Gespräch führte Christian Müller/APA)

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