„Nicht alle haben gewunken“

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Text: Melanie Wagenhofer

Seite um Seite hat Putz Hunderte Namen von Oberösterreichern erstmals in diesem Zusammenhang dokumentiert: Name, Geburtsdatum, Adresse, Verhaftungsgrund, Religionsbekenntnis, wann die Person nach Dachau eingeliefert worden ist und wann sie (wenn sie es überlebt hat) wieder herausgekommen ist. Etwa ein Drittel der internierten Oberösterreicher musste ihr Leben in Dachau lassen. „AZR“ (Anm., „Asozialer“) steht da als Kürzel für die Häftlingskategorie, „Sch“ (Schutzhaft), „PSV“ (Polizist) oder „§ 175“ (Homosexueller). Erna Putz betont immer wieder, dass Häftlingsnummer und Geburtsdatum zu den eher gesicherten Informationen zählen, an der korrekten Schreibweise von Namen und Orten seien die Nazis offensichtlich nicht interessiert gewesen. Wie ein Gewitter seien die vielen Namen in den letzten Monaten auf sie herunter geprasselt, schwierig, das in so kurzer Zeit bis ins Detail zu verifizieren: „Eine Dimension, mit der ich nicht gerechnet habe und ein Versuch, einen ersten Blick darauf zu werfen.“ Putz ist es gewohnt, genau zu arbeiten, für ihre Jägerstätter-Biografie hat sie drei Jahre recherchiert. Jetzt ruft sie dazu auf, dabei mitzuhelfen, die Liste weiter zu vervollständigen: „Jeder, der etwas weiß“ solle am Gedächtnisbuch in Dachau mitwirken, mit dem Biografien von Betroffenen gesammelt werden. Und es sei auch Zeit, die anderen oö. KZ-Häftlinge, die in Ravensbrück, Mauthausen oder in anderen Lagern interniert wurden, zu würdigen. „Wahrscheinlich kamen Tausende Oberösterreicher durch Denunziation ins Konzentrationslager.“ Ihre „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1), wie sie diese Menschen nennt, wächst. Für viele Angehörige sei es eine große Erleichterung, genau zu wissen, was mit ihren Liebsten passiert sei und nicht jedes Opferschicksal auf den eigenen Verwandten zu beziehen. Putz: „Ich konnte in so manches Schicksal Licht bringen. Wissen Sie, was das für die Angehörigen bedeutet?“
Die vielen Italiener, die alljährlich zu den Feiern anlässlich des Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Ebensee anreisen, haben sie dazu motiviert, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Da habe sie sich irgendwann einmal die Frage gestellt, warum die Oberösterreicher solche Gedenkveranstaltungen nicht für Landsleute, die in Konzentrationslagern leiden und sterben mussten, abhalten. Sie erkundigte sich beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) nach Opfern und erhielt die Auskunft, dass rund 300 Oberösterreicher ins KZ Dachau verbracht worden seien. Putz fing an, selber Informationen zu sammeln und stieß auf ein ungeahntes Ausmaß an weiteren Fällen. Anhand von Daten des DÖW, Informationen aus Dachau, jeder Menge Literatur und mithilfe des renommierten Heimatforschers Gottfried Gansinger aus Ried im Innkreis hat sie Namen für Namen zusammengetragen, eine Excel-Datei angelegt, die Anfang Jänner dieses Jahres 1016 Personen enthält. Zweimal hat sie dafür auch schon den Weg nach Dachau auf sich genommen.

Mit dem Einmarsch war die Jagd eröffnet

Sofort nach dem von vielen euphorisch bejubelten Einmarsch kam die nationalsozialistische Gesinnung im Land aus ihren Löchern hervor gekrochen. Wer nicht auf der Seite der Nazis war, war in Gefahr. Schon in der Nacht von 11. auf 12. März 1938, der von den heimischen Nazis herbeigesehnten „Nacht der langen Messer“, wie sie es nannten, war man gegen Menschen mit anderer Gesinnung vorgegangen. „Grölend marschierten die Nazis durch Ohlsdorf“, erinnert sich Putz an Erzählungen ihrer Eltern. In Gmunden habe man einen Juden brutal durch die Stadt getrieben.
In einer ersten Verhaftungswelle traf es vor allem politisch Andersdenkende, Polizisten und Priester, viele wurden sofort ermordet — wie der Gefängnisdirektor von Garsten, wo Nazis in den Jahren zuvor eingesessen waren. Am 13. März 1938 wurde Gendarmerie-Oberst Alois Renoldner verhaftet, einen Tag später der damalige Linzer Bürgermeister, der Christlichsoziale Wilhelm Bock. Letzterer war am Fronleichnamstag 1938 beim ersten von insgesamt drei Transporten von Österreich nach Dachau dabei. Unter den KZ-Häftlingen befanden sich weitere prominente Politiker wie Landeshauptmann Heinrich Gleißner und Landesrat Felix Kern. Letzterer berichtet 1946 im Linzer Volksblatt davon, wie brutal er und die anderen Verhafteten schon beim Transport behandelt worden wären. Um das auszuhalten, habe er sich damals ein „Zwiedenken von Körper und Geist“ angewohnt. Auf dem Weg zum Zug habe es begonnen „mit dem berühmten ,Fußstellen‘, so dass viele vor dem Waggon zusammenstürzten, hernach die üblichen Schläge mit dem Gewehrkolben“. Die Fenster waren verhängt, es gab nur schwaches Licht. Die ganze Fahrt über zwang man die Häftlinge, unablässig ins Licht zu schauen. Franz Ohnmacht, Sekretär des Linzer Bischofs, Bundesrat und Vorsitzender der Katholischen Aktion, schikanierte man als Geistlichen besonders: So forderten ihn die SS-Leute spöttelnd dazu auf, doch über die Jungfräulichkeit Mariens zu predigen und als er anfing zu beten, drosch man ihm mit dem Pistolenlauf auf den Schädel. In Dachau mussten die Österreicher von 3.10 Uhr früh bis um sieben Uhr, wenn der allgemeine Appell stattfand, regelmäßig Strafe stehen. Es folgten ein zwölfstündiger Arbeitstag und eine unruhige, fünf Stunden dauernde Nacht, so Putz: „Man versuchte, die Häftlinge zu brechen.“ Ohnmacht, „wegen freimütigen Eintretens für ein freies und unabhängiges Österreich “ verhaftet, wurde im KZ im Rahmen von medizinischen Versuchen mit Spritzen mit Pferdetestosteron kaputt gemacht. Eineinhalb Jahre musste er in der Strafkompanie im Steinbruch arbeiten. 1943 wurde er nach fünf Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern freigelassen und war nicht einmal mehr fähig, seinen Namen zu schreiben. Wenige Jahre nach dem Krieg starb er an den Folgen der erlittenen Folter.
Heinrich Gleißner sei von einem ebenfalls inhaftierten politischen Mitstreiter auf der Lagerstraße nicht wiedererkannt worden, so schlimm hatte man ihn zugerichtet. „Dachau war auch Ausbildungslager der SS“, erklärt Putz. Dort seien blutjunge Männer brutalisiert worden, „Härtetraining“ habe man das genannt. Wer sich in den Augen der Nazis im Lager etwas zuschulden kommen ließ, kam in den Bunker, das KZ-Gefängnis. Dort fristete er sein Dasein im Dunkeln, zu essen gab es für die Insassen nur jeden dritten Tag etwas. Pfarrer Konrad Just aus Gramastetten, Wilheringer Ordensmann, ebenfalls 1938 verhaftet, musste diesen Zustand 49 Tage lang erdulden. Solidarisierung mit Häftlingen galt als schlimmstes Verbrechen, deshalb durften auch P. Engelmar Unzeitig — Mariannhiller Missionar aus Riedegg, der 1945 in Dachau starb — und ein Landsmann von ihm, der dort als SS-Mann im Einsatz war, nicht einmal miteinander sprechen. Auf kompliziertem Weg sei es diesem, so Putz, jedoch dann möglich gewesen, einen Zettel mit ein paar Worten an Unzeitigs Familie mitzunehmen. Um mit dem ihm bekannten Heinrich Gleißner kommunizieren zu können, schikanierte ihn ein SS-Mann, der aus dem gleichen Ort stammte wie dessen Ehefrau. So schaffte der SS-ler es, Grüße zu übermitteln.

Hohe Zahl an Geistlichen unter den KZ-Opfern

Auffällig ist die hohe Zahl an Geistlichen unter den KZ-Opfern in Dachau. Sie seien grundsätzlich sofort in die sogenannte Strafkompanie versetzt worden, was weniger Essen und noch mehr grundlose Schikanen bedeutete, so Putz. Insgesamt saßen in Dachau rund 4000 Geistliche ein, die Hälfte aus Polen, aus dem deutschsprachigen Raum stammten besonders viele aus der Diözese Linz. Während aus Wien neun Fälle bekannt sind, sind es in Linz, wo es damals nur halb so viele Katholiken gab, gleich 43 Priester und Ordensleute, 19 davon sind im KZ verstorben. Das habe am besonderen Ehrgeiz der Gestapo, die in Oberösterreich, dem Heimatgau des Führers, für Priester und Juden zuständig war, gelegen, vermutet Putz. Und man gab den Priestern die Schuld am geringen Erfolg der Nazis in manchen Gegenden und am Widerstand aus der Bevölkerung, was besonders im Innviertel spürbar gewesen sei. Gauleiter August Eigruber entschied persönlich über die Einweisung ins KZ.
Nicht selten wurde ein Priester nach einer Predigt verhaftet. In Friedburg sollen eine Handvoll Leute 1942 den Pfarrer Josef Forthuber sogar umgebracht und es als Selbstmord getarnt haben, nachdem dieser in einer Predigt den Krieg als sinnlos bezeichnet hatte. „Es waren meist die Leute aus dem eigenen Dorf, die die Betroffenen denunziert und so dafür gesorgt haben, dass Menschen Schlimmes angetan wurde. Da ist es heute noch schwierig, nachzufragen. Das ins Bewusstsein zu rücken, sich damit auseinanderzusetzen, ist ein schmerzlicher Prozess auf beiden Seiten, aber es wird Zeit, dass man auch hier der Menschen gedenkt, die Opfer des Nationalsozialismus wurden “, sagt Putz und hat damit auch eine Erklärung dafür gefunden, warum dieses Thema so lange keines war. Der Landwirt Ignatz Bachmayer aus Wolfsegg wurde vom Fleischer seines Heimatortes abgeholt, nachdem er am 10. April nicht zur Abstimmung über den Anschluss gegangen war, und landete im KZ. So etwas habe es nicht überall gegeben, das Verhalten der Menschen sei von Ort zu Ort unterschiedlich gewesen und es habe auch Spielraum gegeben, so Putz. Dem Bürgermeister von Ohlsdorf, der sich nach dessen Vertreibung für den beliebten örtlichen Pfarrer einsetzte, sagte man, dass er selber der nächste Fall fürs KZ sein würde, würde er noch einmal mit so einem Ansinnen vorsprechen. Pfarrer Karl Falkinger berichtete nach dem Krieg davon, dass man in Neukirchen am Walde großen Druck ausgeübt hätte, um an den Besitz der Kirche zu gelangen. Als ihn Nazis aus dem Ort schikanierten, stellten sich jedoch die Bauern gegen diese. Schließlich legte ihm die Gestapo nahe, Neukirchen zu verlassen, sonst werde er in Dachau landen: Falkinger ging nach Kirchschlag. Dort erklärte ihm der Bürgermeister, dass man Politik „hier nicht kenne“ und der Ortsbauernführer half ihm beim Abladen seiner Möbel…
Neben Geistlichen und Politikern traf es Juden, Bibelforscher (Zeugen Jehovas), Homosexuelle, Menschen mit Beeinträchtigungen und sogenannte „Asoziale“, eine Kategorie, in die Berufsverbrecher fielen und in der viel Willkür waltete. Putz: „Der ist nicht arbeitswillig, das hat dir jeder anhängen können.“ Oft waren es völlige Nichtigkeiten oder falsche Vorwürfe, die Menschen ins KZ brachten. Georg Neulentner, Kriegsinvalide aus dem 1. Weltkrieg, konnte nicht mehr als Bäcker arbeiten, weshalb er als Hausierer unterwegs war. Von den Nazis wurde er kurzerhand beseitigt, indem man den Vater von sechs Kindern als „Asozialen“ einstufte und ins KZ Dachau einlieferte. Seine Internierung kündigte ihm ein Amtsarzt sogar vorher an. Es kam nicht selten vor, dass man jemandem ganz offen mit der Einlieferung ins KZ drohte. Die Kinder Neulentners schaffte man in ein NS-Kinderheim, den kleinen Otto, der in seiner Entwicklung zurückgeblieben war, nach Hartheim. Gegen Ende des Krieges brachte man die Kinder zurück zu ihrer Mutter. Die Nazis versuchten, Spuren verwischen. Neulentner starb 1941 in Buchenwald. Die Urne lehnte seine Frau mit den Worten ab, das sei ja sowieso nicht die Asche vom Georg. Nach dem Krieg wurde der Familie Opferfürsorge mit dem Argument verweigert, man habe zu spät angesucht. Als 2005 „Asoziale“ als NS-Opfer anerkannt wurden, erhielt ein Sohn eine Entschädigung.
Oft ging es den Nazis auch darum, jemanden aus dem Weg zu räumen, um an seinen Besitz zu gelangen. Mehrere Ordensmänner aus dem Stift Engelszell fielen diesem Ansinnen des Bürgermeisters und des Ortsgruppenleiters von Engelhartszell zum Opfer: Die Gestapo verhörte die 73 Personen, die damals dem Konvent angehörten, eine Woche lang und zwang Einzelne dazu, Dokumente, die falsche Anschuldigungen enthielten, zu unterzeichnen. Putz: „So kam man auf krummen Wegen zu Geständnissen und hatte einen Vorwand für die Enteignung.“ Daraufhin wurden fünf Patres verhaftet und nach Dachau gebracht, man warf ihnen unter anderem Homosexualität vor. Der Trappist Gottfried Becker verhungerte am 7. Oktober 1942 im KZ Dachau, den Hungertod starben auch drei Laienbrüder aus dem Trappistenkloster ebendort.

Jeden Tag um 15 Uhr erzeugt das Geläut einer Glocke auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau eine besondere Stimmung. Sie wurde in den 1960ern von ehemaligen österreichischen KZ-Häftlingen gestiftet und wird auch im Mittelpunkt der Gedenkreise am 13. März stehen, für die sich rund 150 Menschen aus Oberösterreich auf den Weg nach Dachau machen: Angehörige von Opfern und verschiedener Religionsgemeinschaften, darunter auch der Linzer Bischof Manfred Scheuer und Alt-LH Josef Pühringer. „Wir gedenken damit der Oberösterreicher, die von den Nazis in Konzentrationslager verschleppt worden sind. Etwa ein Drittel von ihnen hat die Internierung nicht überlebt“, erklärt Putz. Dabei sollen aber nicht die Schrecken im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen, die dort gelitten haben und die Wertschätzung ihnen gegenüber. Das Interesse an der besonderen Reise ist groß: Die Plätze seien sehr schnell ausgebucht gewesen, noch viel mehr Menschen hätten mitgewollt, so Putz. Vielleicht ist das der Anfang eines neuen Gedenkens, das sich Erna Putz von Seiten ihrer Landsleute wünscht.

Quellen: Gottfried Gansinger: Nationalsozialismus im Bezirk Ried im Innkreis. Widerstand und Verfolgung 1938-1945. Studien Verlag.

Do kumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich 1934-1945. Bd.1 und 2.