Nicht das Ei, bei der Henne ist ‘was faul

Oder: Wie man eine gute Mutter wird — Hanna Bergholms Horror-Debütfilm „Hatching“

Tinja hat ein schlechtes Vorbild in Sachen Muttersein, macht sich aber selbst viel besser darin.
Tinja hat ein schlechtes Vorbild in Sachen Muttersein, macht sich aber selbst viel besser darin. © Polyfilm

Der eigentliche Horror steht gleich zu Beginn im Mittelpunkt: die perfekte Familie! Sie posiert vor der Handykamera, es strahlen die weißen Kleider, es wallen die glänzenden, frisch durch den Lockenstab gedrehten Haare, das Licht, das durchs Wohnzimmer flutet, ist viel heller als sonst irgendwo. Und was gehört dann noch zur perfekten Influencer-Mama? Die Untertreibung. Sie zeige ja nur ihr ganz stinknormales Familienleben. Das haltet ihr für perfekt? A geh …

Stören darf diese Idylle nichts. Das bekommt ein fehlgeleiteter Vogel zu spüren. Super-Mutti (Sophia Heikkilä) dreht ihm kurzerhand den Kragen um, strahlt aber gleich darauf wieder mit der finnischen Sonne um die Wette.

Wie soll Tochter Tinja (Siiri Solalinna) da mithalten und der Mama gefallen? Regisseurin Hanna Bergholm zeigt in „Hatching“, was es für ein Kind bedeutet, unerfüllbaren Erwartungen gegenüberzustehen. Dass die Erzeugerin auch noch die sprichwörtliche „Ballett-Mama“ ist, deren eigene Karriere als Eiskunstläuferin einst durch einen Unfall beendet wurde, ist überdeutlich, wenn man sieht, wie sie ihren Nachwuchs drillt und quält beim Kunstturntraining.

Als Kontrast zum erbarmungslosen Egoismus der Mutter lässt Bergholm Tinja zur Mama werden. Als das Mädchen ein Ei im Wald findet, nimmt sie dieses kurzerhand in ihr Zimmer mit. Dort wächst und wächst es, bis schließlich ein Wesen schlüpft, um das sich die Zwölfjährige liebevoll kümmert — auch wenn ihr sein Verhalten mitunter Angst macht und sie verwirrt. Trotz all der augenscheinlichen Unterschiede zwischen der Neo-Mama und ihrem „Kind“ gibt es eine Bindung, die über das Sichtbare hinausgeht.

Bergholm beackert in „Hatching“ viele Felder: Wie liebt man jemanden, der so vollkommen anders ist, als man selbst? Wieviel Opferbereitschaft steckt in jeder Liebe? Und wie weit kann man dabei gehen?

Horror, (um) alltägliche Probleme zu sehen

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Neben diesen essenziellen Fragen, die nicht nur während des Erwachsenwerdens beschäftigen, birgt „Hatching“ genügend Spannung und Horror, Genre-Fans müssen keine Angst haben. Und wenn, dann nur vor den Träumen, die dem Film folgen könnten.

Bergholms Debüt zeigt, wie deutlich die Überspitzung durch Horror ein alltägliches Problem aufzeigen kann. Wie klar — in diesem Fall missbräuchliche — Strukturen werden, wie sie sich fortsetzen, oder durchbrochen werden können. Ein starker Film für Menschen, die nicht allzu schwache Nerven haben.

Von Mariella Moshammer

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