Nicht Heldentum, nur Vernichtung

Naturhistorisches Museum: „Krieg. Auf den Spuren einer Evolution“

Schädel mit Kopfschüssen
Schädel mit Kopfschüssen © LDA

Von Renate Wagner

Es gibt Jahre, die scheinen gewisse Ereignisse anzuziehen: 1618 begann ein europäischer Krieg, den man später den „Dreißigjährigen“ nennen sollte. 1918 endete ein Krieg, der gar als „Erster Weltkrieg“ in die Geschichte einging. Gewaltige Gedenk-daten, denen das Naturhistorische Museum eine eindrucksvolle Ausstellung widmet, die als Kooperation mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) entstanden ist. Die Frage „Was ist Krieg?“ wird in vielen Einzelaspekten beleuchtet.

Menschliche Überreste stehen im Zentrum

Das Naturhistorische Museum ist gewissermaßen auch ein Ort der Archäologie — nur sind es diesmal nicht Tierknochen, die man der Nachwelt präsentiert, sondern Menschenknochen, die das tragisch-spektakuläre Zentrum der Ausstellung bilden. 1632 fand die Schlacht von Lützen (in der Nähe von Leipzig) statt, 6000 Männer starben, darunter auch (was für den Verlauf des Krieges bedeutend war) der Schwedenkönig Gustav Adolf II.. 2011 haben Forscher einen 55 Tonnen schweren Erdblock, sechs mal sieben Meter groß, aus dem Schlachtfeld herausgeholt und zeigen nun darin die Überreste von 47 Männern, die in eine Grube geworfen wurden.

Es gibt auch Knochen jener Soldaten, die 1809 bei der Schlacht von Aspern hier bei uns gefallen sind, Opfer der Napoleonischen Kriege. Das ist rund 210 Jahre her, aber da können noch die Forensiker tätig werden und aus den Knochen Informationen über einzelne Menschen — Größe, Alter, Krankheiten, Todesursache — hervorholen.

Das ist auch der Sinn der Ausstellung. Gemälde, Romane, Filme und vor allem die Propaganda haben Kriege künstlich zu etwas Großartigem, Heroischen hochstilisiert, und dieser Verzerrung steuert diese Ausstellung entgegen. Wenn hier Waffen aus allen Epochen herumliegen, dann nur zu dem Zweck, um klar zu machen, dass sie auf Zerstörung des Menschen abzielten. Kurz, Krieg ist nicht Heldentum, sondern nur Vernichtung. Abgesehen davon sind die Objekte natürlich historisch relevant und hoch interessant.

Eine Außenstelle hat das Naturhistorische Museum für diese Ausstellung im so genannten „Narrenturm“ eingerichtet, der sich am Gelände des alten AKH befindet. In diesem Rundgebäude, wo die Wiener in brutaleren Zeiten „Deppen schauen“ gingen, sind einzelne Zellen mit Objekten aus dem Ersten Weltkrieg bestückt. Der besonders tragische Aspekt bezieht sich auf die Soldaten, die als schwere Krüppel in den Alltag zurückkehren mussten, einbeinig, einarmig, mit entsetzlichen Kopfverletzungen, wobei der einzig positive Aspekt darin besteht, dass die berühmte Wiener Medizinische Schule mit Lorenz Böhler einen Meister der Unfallchirurgie besaß.

„Krieg“ ist, solange es Menschen gibt, ein Teil der Menschheitsgeschichte. Vielleicht kann man ihn, wie andere schwere „Krankheiten“, ausrotten.

Bis 28. April 2019