„Nie den Glauben an sich selbst verlieren“

Andreas Herzog über seine Biografie, Leberkässemmel und die Probleme im Fußball

Am Höhepunkt (o.): 1:0-Siegtreffer von Andi Herzog gegen Schweden in WM-Quali 1998.Im Karriere-Herbst (r.): Unglückliche Rapid-Rückkehr.
Am Höhepunkt (o.): 1:0-Siegtreffer von Andi Herzog gegen Schweden in WM-Quali 1998.Im Karriere-Herbst (r.): Unglückliche Rapid-Rückkehr. © APA/Jäger, APA/Artinger

VOLKSBLATT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Biografie zu schreiben?

ANDREAS HERZOG: Ich hab das vor Jahren schon im Hinterkopf gehabt, mich aber nicht dazu durchringen können. Dann ist der Verleger Egon Theiner an mich herangetreten, hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte und mich überzeugt. Und im Endeffekt bin ich froh, denn es hat schon Spaß gemacht, weil es noch einmal eine Aufarbeitung der letzten 50 Jahre war. Da waren schon schöne Geschichten dabei.

Apropos Geschichten: Haben Sie eine Lieblingsanekdote von den 103, die am Ende des Buches stehen?

Nein, da sind mehrere dabei (lacht). Eine könnte ich da jetzt nicht herausheben.

Was ist die wichtigste Botschaft, die der Leser mitnehmen soll?

Dass du, wenn du etwas mit Leidenschaft und extrem gern machst, dran bleibst und nie den Glauben an dich selbst verlierst. Wenn dir etwas Spaß macht, dann gibt es nichts Schöneres als dein Hobby zum Beruf zu machen. Das ist bei mir zum Glück passiert.

Was würden Sie sportlich gesehen als Ihren schönsten Moment bezeichnen?

Das war die Quali mit Österreich für die WM 1998 und dann auch der Meistertitel 1992 mit Bremen. Der war für mich auch als Mensch wichtig, hat mir nochmal einen richtigen Schub gegeben.

Und was war die größere Enttäuschung – die WM 1998 oder das Rapid-Gastspiel?

Die 98er WM war für mich vom ganzen Drumherum die größte Enttäuschung. Denn wenn du ewig auf etwas hinarbeitest und denkst, ‘so jetzt ist die Zeit’ und dann sitzt du auf der Bank. Eine schwierige Zeit, aber das habe ich ja auch beschrieben, dass ich teilweise ausgezuckt bin. Ohne den Toni Polster als Zimmerkollegen wäre das wahrscheinlich anders ausgegangen.

Der Titel des Buches lautet ja treffend „Mit Herz & Schmäh“. Da drängt sich die Frage auf: Kommt der Schmäh im heutigen Fußball zu kurz?

Naja, es ist schon so, dass jedes Wort, das du sagst oder was du außerhalb des Platzes machst sofort in die Medien kommt, Social Media wird extrem aufgebaut. Und auch diese Freiheiten, die du früher am Platz teilweise gehabt hast, das wird jetzt mit den ganzen taktischen Vorgaben schon schwieriger.

Weil Sie es ansprechen, Sie üben im Buch auch Kritik am Ausbildungssystem, dies sei zu wenig individuell. Wie wäre es dem jungen Andi Herzog in einer Akademie ergangen?

Puh, das weiß ich nicht. Ich hab halt schon die Zeit genossen, in der wir vor dem Training schon herumgekickt haben, nach dem Training haben wir noch weiter kicken können. Jetzt ist es schon sehr strukturiert und da geht viel an Eigeninitiative, an Kreativität verloren. Und das fehlt dann auch auf gewissen Positionen, wo es dann auch schwierig wird, dass du im Profibereich auf internationalem Niveau richtig gut bist. Wir brauchen auch nicht drumherumreden – wir haben in Österreich auf den Außen keine Dribbler, haben keinen Mittelstürmer mehr. Klar, jetzt den Kalajdzic, aber der ist auch aus dem Nichts gekommen.

Wie könnte man das ändern?

Es ist jahrelang gut gegangen, der Nachwuchsfußball hat einen Aufschwung genommen, der österreichische Fußball überhaupt mit dem Pressing von Salzburg, mit dieser Philosophie. Aber jetzt ist es umso wichtiger, dass man die Kleinen wieder Fußballspielen lässt, dass sie dribbeln lernen. Das hat vor kurzem auch Hermann Gerland in einem Interview gesagt. Jetzt sehen selbst die Deutschen, dass sie über Jahre ein paar Fehler in der Ausbildung gemacht haben.

Gibt es aktuell einen Spieler in Österreich, der mit Ihnen vergleichbar ist?

Nein, die Zeiten haben sich geändert. Ich will aber nicht vergleichen, jeder hat seine eigene Persönlichkeit, seinen eigenen Spielstil. Es soll jeder seinen eigenen Weg gehen.

Kommen wir zurück zum Buch. Was würden Sie als Trainer einem Ihrer Spieler sagen, wenn er sich wie Franz Weber und Sie zwei Stunden vor dem Duell von Rapid gegen Inter Mailand eine Leberkäsemmel gönnen würde?

Zuerst würde ich ihn fragen, ob er nicht ganz dicht ist. Aber auf der anderen Seite: Wenn wir mit der Admira einmal gegen Inter spielen, dann würde ich ihm die Semmel zahlen (lacht).

Noch so eine Geschichte sind die gescheiterten Verhandlungen mit Lille, als sie kurzerhand einen Freund mitgenommen haben, heute sind die Spieler oft gar nicht mehr bei solchen Gesprächen dabei.

Ich muss ehrlich sagen, mir wäre es damals auch lieber gewesen, es hätte jemand anderer als ich geredet (lacht), das ist schon logisch. Aber ich glaube trotzdem für eine Entwicklung ist es auch wichtig, dass du ein Gefühl bekommst für den neuen Verein. Wenn das nur mehr über die Berater abläuft, schickt der dich irgendwo hin und der Spieler fühlt sich dort gar nicht wohl. Es ist schon ein bisschen wie eine Menschenschacherei — und es wird nicht besser. Jetzt fangen Sie teilweise schon bei den 13, 14-Jährigen mit den Managern an.

Es ist einfach zu viel Geld im Fußball im Spiel, oder?

Ja, um das geht es. Natürlich, ich profitiere ja auch davon, aber die Schraube sollte wieder ein bisschen zurückgedreht werden. Damit der Sport, die Liebe zum Fußball, das Spielen an sich wieder im Vordergrund steht. Manchmal kommt mir vor, dass es bei jungen Burschen das Ziel ist, Profi zu werden, um viel Geld zu verdienen und nicht, um Spaß am Fußball zu haben und aus diesem Spaß den Beruf zu machen.

Sie haben unter vielen Trainergrößen gespielt. Wie würden Sie sich selbst als Coach beschreiben?

Ich bin schon einer, der den Spielern einen Freiraum schenken will, aber ich darf halt nicht davon ausgehen, dass alle den Fußball mit so viel Leidenschaft und Herz interpretieren wie ich, dass sie sich auch extrem viele Gedanken machen. Da bin ich auch schon draufgekommen, dass die heutigen Generationen ein bisschen anders ticken. Also man muss die richtige Mischung finden zwischen Vorgaben und Regeln, aber auch gewissen Freiheiten. Denn am Spielfeld müssen sie es mit ihren kreativen Fähigkeiten umsetzten, da will ich ihnen auch nicht alles vorgeben.

Sie standen drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag gegen den LASK erstmals in der Startformation von Rapid, gibt es sonst noch prägende Erinnerungen an OÖ?

Ich kann mich noch an das Länderspiel gegen Slowenien erinnern. Da haben wir glaub ich 0:2 verloren. Ich hab in einen ‘Gestreckten’ reingehauen und mir eine Rissquetschwunde am Rist zugezogen. Ich bin sofort ausgetauscht worden. Da hab ich den Schuh ausgezogen und dem Gegenspieler nachgeschossen vor lauter Zorn, weil der weiße Socken ganz blutig war (lacht).

Wenn Sie in 20 Jahren in der Pension der Biografie ein weiteres Kapitel hinzufügen würden, wie soll die Überschrift lauten?

(denkt nach) ‘Herzog wird Nationaltrainer der Malediven’ (lacht). Der Trainerjob ist schon sehr intensiv, in ein paar Jahren zum Ausklingen auf einer schönen Insel, vielleicht schaff ich das noch.

Davor soll aber noch eine andere Trainerstation dazwischen sein oder? Ich meine das ÖFB-Team.

Ich habe mich im Sommer entschieden, ein längerfristiges Projekt mit der Admira anzugehen, deshalb habe ich da jetzt auch gar keine anderen Gedanken.

Abschlussfrage: Fährt Österreich nach 1998 nächstes Jahr wieder einmal zu einer WM?

Ich glaub schon, ich hab’ ein gutes Gefühl.

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