Nie ohne Hut und Bart obendrauf

Schon als kleiner Bub hat Johann Hofer (74) aus Altenberg Rehlocker, das sind Pfeiferl, mit denen Wild angelockt wird, gebastelt. Seit 43 Jahren ist er nun passionierter Jäger und verarbeitet, was die Natur so hergibt. Daraus stellt er Vielfältiges von der Dachssalbe bis Schuheinlagen her. Und mit seinen Gamsbärten hat der umtriebige Pensionist heuer gleich drei erste Preise bei der Olympiade gemacht.

Nie ohne Hut, hier mit Rentier-Bart © Wagenhofer

Text und Fotos: Melanie Wagenhofer

„Mich sieht man nie ohne Hut“, sagt Johann Hofer. Und das mit gutem Grund, zeigt er damit doch auch seine selbstgebundenen Bärte her, die ihn als Jäger mit stolzer Trophäe ausweisen. Dass sich bei ihm alles um die Jagd dreht, erkennt man auch am reich mit Trophäen bestückten Vor- und am Jagdzimmer, das zugleich Arbeitszimmer ist. Kleinere, zarte Bärte stehen hier neben wuchtigen großen; Bärte von der Gams, vom Dachs oder auch vom Fuchs.

„Leib- und Seele-Trophäe“ vom finnischen Rentier

Den mit den ungewöhnlich langen weißen Haaren, seine „Leib- und Seele-Trophäe“, gebe es nur dreimal in Österreich: Hofer hat das Rentier selbst in Finnland geschossen. „Am Eismeer haben wir mit den Wölfen bei minus 20 Grad im Freien übernachtet“, erinnert er sich. Diesen und die beiden allerersten Gamsbärte aus eigener Produktion würde der Hobbybartbinder, den Jagdreisen auch schon nach Kroatien, Slowenien, Schweden oder Ungarn geführt haben, niemals verkaufen. Und damit die Leidenschaft auch ihre Ordnung hat, hat er in einem Aktenschrank unzählige Mappen hängen, feinsäuberlich beschriftet mit Begriffen wie Jagdrecht, Einkauf oder Jagdreisen.

2013 hat der Johann Hofer eine Gams geschossen und dann noch eine, die Haare — bei der Gams nimmt man sie vom Rücken– aufgehoben und beschlossen, dass daraus eine Hutzier werden muss. Und zwar eine selbstgebundene. Bei vier Bartbindern hat er gelernt, ihnen über die Schulter geschaut und mitgearbeitet und einen treuen und verlässlichen Partner fürs Bartbinden in seinem Spezl Johann Mulser aus Gutau gefunden. 2014 hat das Duo dann seine ersten beiden Gamsbärte bei der alle vier Jahre in Goisern stattfindenden Bartbinder-Olympiade zur Schau und zur Beurteilung gestellt und gleich gute Plätze gemacht. Neben den professionellen Bartbindern, die von überall her kommen, zu bestehen, ist schon was. Drei Tage braucht Hofer heute für einen Bart — da müssen die Haare aber schon gewaschen und getrocknet sein — , über hundert hat er in den letzten fünf Jahren gebunden und beim letzten Bewerb heuer in Goisern quasi den Bartbinder-Olymp erklommen: drei erste Plätze.
Zum Binden werden die Haare vom noch warmen Tier abgenommen, in Zeitungspapier eingerollt, mit Wasser gewaschen und zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet. Dann wird sortiert, unbrauchbare Haare ausgemustert und die anderen nach Länge in kleine Büschel zusammengebunden und „gstösslt“. Als Werkzeug dienen ein Kamm, ein Glas, ein Bürsterl und eine Kombizange zum Fädeln. „Und gute Augen braucht man“, ergänzt Hofer. Die wahre Kunst sei es, die Haare dann so anzuordnen, dass der Bart ein gleichmäßiges, fülliges Rund ergibt in der Barthülse: längere außen, je weiter nach innen umso kürzer. Da müssen auch die Zeichnungen und Farben der Haare, der sogenannte Reim, bis ins kleinste Detail stimmen. So ein ansehnlicher Bart kann schon einmal aus 8000 Haaren bestehen. Nur die Wintergams, auch Bartgams, genannt, liefert geeignetes Material, Bärte werden sonst auch aus Haaren von Dachs, Mufflon oder Hirsch gebunden. „So einen normalen bürgerlichen Bart vom Dachs, den man wochentags trägt und auch bei der Jagd, bekommt man ab 300 Euro“, erklärt Hofer, „den viel größeren und kostbareren Sonntagsbart ab 2000.“ Wer sich mit Kleinerem zufriedengibt, der kann sich auch ein Dachsradl an den Hut heften.

Jäger seit 1545: Auf der Pirsch mit Erzherzog

Schon als Bub habe er sich für die Natur sehr begeistert und intensiv damit befasst, etwas aus dem zu machen, was sie so hergibt, erzählt Hofer. So hat er etwa die erwähnten Rehlocker aus Horn und Holz gebaut. Die Jagerei habe in seiner Familie eine sehr lange Tradition: „Eine Urkunde, die sich heute noch im Besitz meiner Familie befindet, belegt, dass meine Vorfahren schon 1545 mit Erzherzog Ferdinand, der in Reichenau ein auch nach ihm benanntes Stammwirtshaus hatte, auf die Jagd gegangen sind“, erzählt Hofer. Die Liebe zur Jagd und das Wissen darüber wird von Generation zu Generation weitergegeben. „Ich bin als Jäger mit Leib und Seele Naturregulator“, betont Hofer.

Mit der Jagd und den Trophäen am Hut ist die Arbeit beim „Gassner in Edt“, so der Hausname, aber noch lange nicht getan. Der Dachs etwa liefert Johann Hofer die Basis für wertvolles Dachsfett, das er selber erzeugt und mit dem er drei Apotheken beliefert. „Dafür muss es zu 100 Prozent rein sein.“ Dem Dachs wird dafür der Bart gerupft oder die Haut abgeschwartelt, also abgezogen, das Fett, das darunter liegt, heruntergeschnitten und nach den Regeln der heiligen Hildegard von Bingen verarbeitet. „Man kann es löffelweise einnehmen, so hilft es gegen Lungenkrankheit, Magenverstimmung und Durchfall, oder man reibt sich damit ein“, so Hofer. Auch Murmelfett wird auf dieselbe Art und Weise erzeugt. Die Zähne und Knochen von diversen Tieren werden zu Schmuck verarbeitet: Dachskrallen, Fuchs-, Murmel- oder Hirschzähne werden zur schönen Verzierung für Schmuckstücke, die als Anstecker am Hut oder am Dirndl glänzen. Aus Dachsfell entstehen Bett- und Schuheinlagen oder Nierengürtel, die jede Kälte fernhalten und entzündungshemmend wirken sollen. „So hält man es im Winter auf dem Hochstand beim Fuchspassen aus“, sagt Hofer. Wenn er nicht am Hof mithilft oder im Jagdzimmer beschäftigt ist, dann geht der pensionierte Nebenerwerbslandwirt und LKW-Fahrer leidenschaftlich gern mit seiner Frau Marianne tanzen: „145 Tage im Jahr sind wir auf Tanzveranstaltungen unterwegs.“ Dafür nimmt er den Hut ausnahmsweise ab.