Rettungsaktionen für heimische Zuckerproduktion gefordert

Nach dem angekündigten Aus für die Agrana-Zuckerfabrik in Leopoldsdorf im Marchfelde mehren sich die Solidaritätsbekundungen aus der Politik mit den Rübenbauern. Die Situation sei nicht einfach, jedoch müsse man sich dafür einsetzen die Zuckerproduktion in der Region zu halten, hieß es von ÖVP und SPÖ. Auch die Rübenbauern selbst meldeten sich zu Wort.

“Die Bauern wollen die Flächen bewirtschaften, man muss sie aber auch lassen. Sie brauchen Verlässlichkeit und notwendige Rahmenbedingungen,” sagte LHStv. Stephan Pernkopf (ÖVP). Eine nationale Kraftanstrengung und ein Schulterschluss von Wirtschaft, Bauern und Konsumenten seien zudem notwendig, stellte er fest. “Denn klar ist auch: Wenn der Zucker nicht in Österreich produziert wird, wird er aus anderen Erdteilen importiert werden, wo möglicherweise sogar Regenwald dafür gerodet wurde. Das kann niemand wollen.” Pernkopf stellte sich damit hinter die heimische Zuckerproduktion und bekundete seine Solidarität mit den Rübenbauern.

In dieselbe Kerbe schlug der Bauernbund und warnte vor Zuckerimporten aus Südamerika. “Wir müssen alles tun, um diese wertvolle Kulturpflanze und die gesamte Zuckerproduktion in Österreich zu erhalten”, so Präsident Georg Strasser (ÖVP). Die Selbstversorgung Österreichs mit Zucker müsse gewährleistet bleiben, forderte Strasser am Mittwoch weiter. Zudem müsse die Zuckerfabrik mit ihren Arbeitsplätzen für die Marchfeldregion in Niederösterreich erhalten bleiben.

Auch der Bürgermeister von Leopoldsdorf Clemens Nagel sowie die Dritte Landtagspräsidentin Karin Renner und die Nationalrats-Abgeordnete Katharina Kucharowits (alle SPÖ) forderten am Mittwoch eine “gemeinsame, überparteiliche Kraftanstrengung”. In einer gemeinsamen Pressekonferenz sprachen sie zwar von einer “fast unlösbaren Aufgabe”, sie betonten aber: “Die Hand bleibt ausgestreckt.”

Die vom Agrana-Konzern ausgesprochene Möglichkeit, die Schließung zu überdenken, wenn bis Mitte November die Zuckerrüben-Anbaufläche von derzeit rund 26.000 auf 38.000 Hektar erhöht wird, bezeichnete Nagel als “sehr dünnen Strohhalm”. Dennoch setzen sowohl der Bürgermeister als auch Renner und Kucharovits ihre Hoffnungen darauf, dass der von Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) angekündigte runde Tisch zu einem Erfolg führt. Eine Lösungsmöglichkeit sehen sie darin, den Rübenbauern mit Flächenförderungsmodellen unter die Arme zu greifen und für die 150 betroffenen Voll- sowie 100 saisonalen Kampagnenarbeitsplätze Arbeitszeitmodelle zu überlegen.

Der Bürgermeister gestand zu, dass die Situation mit gesunkenen Zuckerpreisen und der Rübenrüsselkäfer-Plage für die Bauern nicht einfach sei. Er habe schon vor Monaten Vorschläge gemacht, um die Fabrik zu retten. Er habe aber die große Hoffnung, dass im Landwirtschaftsministerium jetzt die Brisanz der Lage erkannt worden sei, sagte Nagel. Renner übte in diesem Zusammenhang leise Kritik daran, dass Köstinger erst jetzt zu dem Gipfel eingeladen habe. Alle drei SPÖ-Vertreter bezeichneten es aber als dringend nötig, jetzt mit einem überparteilichen Schulterschluss “die Katastrophe” doch noch abzuwenden.

Nagel richtete auch einen Appell an die soziale Verantwortung des Agrana-Konzerns und Kucharovits mahnte Solidarität mit den 150 Beschäftigten ein. Die Zuckerfabrik sei der letzte klassische Industriebetrieb im Marchfeld und es bestehe die Angst, dass nun 72 Hektar Industriegelände als Ruine zurückbleiben. Eine Schließung wäre auch irreversibel – wenn die Fabrik einmal geschlossen werde, könne sie nicht mehr aufgesperrt werden. Die Mitarbeiter seien großteils hoch spezialisierte Facharbeiter. Für sie und deren Familien wäre das auch eine persönliche Katastrophe, wenn deren Lebensgrundlage verloren ginge. Der niederösterreichische Landesrat Stephan Pernkopf (ÖVP) habe jedenfalls bereits die volle Unterstützung der Landesregierung zugesagt, berichtete Nagel.

“Ein schwerer Schlag” wäre die Schließung auch für die Gemeinde Leopoldsdorf, bekräftigte der Bürgermeister. Die Zuckerfabrik sei seit rund 120 Jahren Garant für Arbeit und Wohlstand. Mit dem Aus würden der Gemeinde bis zu 300.000 Euro an Kommunalsteuern oder fünf Prozent ihrer Einnahmen verloren gehen. Zusätzlich zu den Verlusten durch die Coronakrise würde das eine “enorme Aufgabe” für die Gemeinde bedeuten, sagte Nagel. Welche Leistungen die Gemeinde dann einschränken müssten, konnte er noch nicht voraussagen.

Der Verband der Rübenbauern fordert einen letzten Anlauf zur Rettung der Agrana-Zuckerfabrik in Leopoldsdorf in Niederösterreich. Diese soll im Dezember nach der heurigen Rübenkampagne zugesperrt werden, sollte die Rübenanbaufläche nicht wieder auf zumindest 38.000 Hektar anwachsen, teilte der Agrana-Konzern am gestrigen Dienstag mit. Heuer lag die Fläche bei 26.000 Hektar.

“Die Tür ist noch nicht ganz geschlossen”, gab Rübenbauernpräsident Ernst Karpfinger am Mittwoch die Hoffnung noch nicht auf. Damit die Bauern ausreichend Rübenflächen mit der Agrana kontrahieren, “benötigen wir aber unbedingt begleitende Maßnahmen von der Politik”, so die Forderung.

Indes kündigte Agrarministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) einen runden Tisch wegen des drohenden Endes der Agrana-Zuckerfabrik in Leopoldsdorf im Marchfelde für kommenden Donnerstag (3.9.) an. Gemeinsam mit den Bauern und anderen Stakeholdern soll eine Lösung gefunden werden, so Köstinger. Die Agrana betreibt auch in Tulln ein Zuckerwerk.

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