Niemand, der dich hütet

Eigenwillig und stark: Roman „Triceratops“ von Stephan Roiss

Stephan Roiss: Triceratops. Kremayr & Scheriau, 208 Seiten, 20 Euro
Stephan Roiss: Triceratops. Kremayr & Scheriau, 208 Seiten, 20 Euro ©

Einmal bricht der Knabe ein ungeschriebenes Gesetz. Er reagiert nicht auf das Weinen der Mutter. Sie zerschlägt mit den Händen das Fenster zum Garten. „Durch meine Schuld“, denkt der Knabe, der von sich im vergrößernden „Wir“ erzählt. Er fantasiert: „Zwei Hörner brachen aus unserer Kopfhaut, ein drittes Horn entwuchs dem Nasenrücken, und die Hinterseite unseres Schädels verformte sich zu einem breiten, massiven Schild. Unser Kopf wurde schwerer und schwerer, wir kippten vornüber, landeten auf allen Vieren, keuchten. Durch unsere große Schuld.“

Sprachliche Wucht

Triceratops (übersetzt „Dreihorngesicht“) ist bei Kindern einer der beliebtesten Dinosaurier. Ein nahezu unbesiegbares Tier, der mächtige Nackenschild schützt es vor Bissen in den Hals. „Triceratops“ heißt das Romandebüt des gebürtigen Linzers Stephan Roiss, das einer schamanistischen Traumreise in Kindheit und Jugend gleicht. Die Grundstimmung düster, selten grotesker Humor (bei den „Verrückten“!), dennoch möchte man dieses Buch ob seiner sprachlichen Wucht nicht aus der Hand legen. Es steht aktuell auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Warum das „Wir“? Ein Hinweis im Roman, im Naturkundehaus kleine Fische, die Schwärme bilden, um den Hai zu täuschen. Fast völlig auf sich gestellt, versucht der Knabe die Zeichen der Welt und der Erwachsenen zu deuten. Mit Vorliebe zeichnet er Monster, sucht auf fast schon rührende Weise Zuflucht bei Helden der Popkultur wie Wolverine oder K.I.T.T., dem Superauto.

Der Knabe bis in die Pubertät Bettnässer, ein elendes Jucken quält ihn jahrelang („Die Arme tief in einen Eisblock stecken, festfrieren und langsam absterben lassen“). Die Mutter ein Gerippe, schon immer peinlich auf ihre Figur bedacht. Psychisch labil, Aufenthalte in der Nervenklinik. Der Vater überfordert, dämpft seine Anspannung gerne mit Bier. Familiäres Anti-Idyll, eine der punktgenau eingefangenen Skizzen Roiss´: „Mutter las Beipackzettel und Kalorientabellen, Vater die Evangelien und Teletext.“ Verstörende Verhältnisse, die Alten hat der Krieg nachhaltig beschädigt.

Eine Entdeckung

Die Schwester zeichnet mit schwarzem Kugelschreiber Strukturen, hält ihre Welt durch Zählen zusammen. Ein „Geist“, sagt die Mutter über die Schwester. Eine Schreckenstat aus Verzweiflung. Die Frage: Wer passt eigentlich auf den anderen auf? Der Knabe in der Brennnesselhütte des Großvaters im Wald, am Ende ein Schimmer Hoffnung.

Eigenwilliger Text, stark und traurig und schön. Eine Entdeckung Christian Pichler

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