Nikolaus Bachler findet Gergiev-Entlasstung „ganz unmöglich“

Nikolaus Bachler hat gerade sein erstes „eigenes“ Osterfestspielprogramm in München vorgestellt. So es Schicksal und Pandemie wollen, wird es 2023 auch genau so stattfinden. Im Gespräch mit der APA erklärt er, warum er die Pandemie bei seiner Planung nicht berücksichtigt hat und warum der Reiz für ihn in der Kürze des Festivals liegt.

APA: Herr Bachler, sie haben gerade ihr erstes eigenes Programm vorgestellt. Trägt es schon komplett ihre Handschrift, oder sind noch Einflüsse der Pandemie zu bemerken?

Nikolaus Bachler: Nein, man kann ja auch gar nicht pandemisch planen. Man plant Kunst, Theater und Musik, und wenn die Situation sich ändert, dann müssen wir darauf reagieren. Übrigens hat sie das auch heuer nicht. Wir machen jetzt „Lohengrin“ und die Konzerte so, wie sie gedacht waren.

APA: Und mit Christian Thielemann ist auch alles gut zum Abschied?

Bachler: Absolut! Wir arbeiten gut zusammen, selbstverständlich. Er und das Orchester bereiten sich den Abschied ja selber, und ich werde alles dazu tun, um das zu unterstützen und zu ermöglichen.

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APA: Die ganze Branche arbeitet dank der Pandemie seit zwei Jahren im Ausnahmezustand. Was hat man Ihrer Meinung nach daraus gelernt?

Bachler: Meiner Meinung nach nichts. Was kein positiver Befund ist (lacht). Alle sind in Warteposition. Ich glaube schon, dass es Veränderungen geben wird, aber die kommen erst noch. Erst wenn die scheinbare Normalität zurückkehrt, wird man sehen, dass Dinge anders werden. Übrigens nicht nur in der Kunst, sondern auch in Wirtschaft und Industrie. Es wird Folgen haben, aber die kann man jetzt noch nicht absehen.

APA: Auswirkungen auf das allgemeine Reiseverhalten sieht man aber trotzdem schon bei Publikum wie Künstlerinnen und Künstlern. Die Anreise wurde oft genug zum Problem. Wäre da die Idee eines festen Residenzorchesters nicht doch die sicherere Bank gewesen?

Bachler: Schauen Sie, eine Idee muss ja auch immer einen Inhalt haben, und ich stehe inhaltlich zu meiner. Ob man jetzt eines oder drei Orchester hat, alle müssen anreisen. Da ist der Unterschied in der Logistik nicht so groß. Wie ich bereits sagte: man kann nicht auf eine Ausnahmesituation hinplanen, man muss dann damit umgehen. Salzburg und Dresden liegen ja auch nicht so weit auseinander. Leipzig und Salzburg nächstes Jahr übrigens auch nicht.

APA: Stimmt. Dresden und Leipzig liegen gerade einmal 100 Kilometer voneinander entfernt. Zurück nach Salzburg. Dort wird immer wieder mal über die Idee eines Zusammenschlusses mit den Sommerfestspielen gesprochen. Sie hingegen sehen die Besonderheit des Festivals in seiner Eigenständigkeit. Könnten Sie sich dann eine Vergrößerung vorstellen?

Bachler: Nein, weil ich die Konzentration auf eine kurze Zeit unglaublich schätze. Da ergibt sich auch für das Publikum etwas ganz anderes als wenn ich sage: „Wir machen jetzt sieben Wochen Festspiele.“ Und ich bin ohnehin der Meinung, dass es nicht auf die Größe ankommt. Es ist die Qualität die zählt.

APA: Und für die das Publikum viel bezahlen muss. Obwohl sie ja jetzt mit dem vergünstigten „Abo to go“ auf die jüngere Zielgruppe eingehen.

Bachler: Ich weiß schon was man sagt: „Das ist ein Thema für die jungen Leute.“ Aber es gibt auch ältere Leute, die wenig Geld haben. Und es gibt auch junge Leute, die viel Geld haben. Ich bestehe immer darauf, dass man sagt: wir machen unsere Kunst für die gesamte Bevölkerung, die sich dafür interessiert. Sich ausschließlich an eine Generation richten, das kann man glaube ich gar nicht. Das ist immer so ein Marketingargument.

APA: Finanziell müssen die Osterfestspiele stark auf eigenen Füßen stehen und haben ja auch den Ruf, das „teure Festival“ in Salzburg zu sein. Sehen Sie da eine Gefahr angesichts der wirtschaftlichen Degression?

Bachler: Das wird sicher schwierig, weil ich auch sehr daran interessiert bin, dieses Image des Teuren abzubauen. Natürlich müssen wir budgetieren und wir müssen unser Geld wirklich verdienen, um das mal deutlich zu sagen. Aber wir haben Gott sei Dank auch viele Mäzene. Aber grundsätzlich ist es schon so, dass man einen Ruf in der Welt hat und dass es möglich ist, zu uns zu kommen.

APA: In Anbetracht des aktuellen Weltgeschehens ist es aber nicht jedem möglich überall hin zu kommen. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter hat jüngst Valery Gergiev als Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker entlassen, weil dieser sich nicht gegen die russische Invasion positioniert hat. Wie finden sie diese Entscheidung?

Bachler: Ganz unmöglich. Herr Reiter hat Herrn Gergiev engagiert und vor Kurzem noch wegen seiner Verlängerung bejubelt und gesagt, das wäre ein Glück für München. Und es hat sich so gesehen, was das betrifft, nichts verändert. Es hat Herr Putin einen grässlichen Krieg vom Zaun gebrochen, aber ich halte es für absolut hypokrit jetzt zu sagen: „Wir waschen uns rein indem wir den Mann rausschmeißen, den wir gerade noch unter den gleichen Bedingungen geholt haben.“

APA: Wie sehen Sie denn allgemein den aktuellen Umgang mit russischen Künstlern? Anna Netrebko ist ja ebenfalls stark in Kritik geraten.

Bachler: Diese Hexenjagd halte ich für fatal, dass Künstler jetzt Statements abgeben müssen. Dass viele Häuser jetzt so eine moralische Haltung an den Tag legen wollen finde ich grauenhaft.

APA: Sie würden Anna Netrebko also engagieren?

Bachler: Wir können ihr aktuell programmatisch nichts anbieten, aber grundsätzlich ja.

(Das Gespräch führte Larissa Schütz/APA)

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