Nikolaus Harnoncourt: Meine Familie

Es ist mehr als eine Biografie über den 2016 verstorbenen Nikolaus Harnoncourt, nämlich eine in fünf Kapiteln aufgerollte liebenswürdige Chronik über seine Familie, die Künstlergattin Alice Harnoncourt als Herausgeberin in bewundernswerter Präzision zusammengestellt hatte. Das Material lieferte größtenteils der Meister selbst. 1953 bis 2011 forschte Harnoncourt nach den Quellen seiner Vorfahren De la Fontaine, einem alten luxemburgisch-lothringischen Geschlecht, zurückreichend bis ins 13. Jahrhundert und gesammelt für ein mit Akribie geführtes „Familienbuch“. Der Stammbaum seiner Eltern zeigt detailliert die weite Verzweigung der Familie. Die Erinnerungen und Reflektionen lesen sich kulturhistorisch recht spannend und führen in die damalige Zeit und das Leben des großen Musikers. In eine Zeit, belastet von den Folgen des Zweiten Weltkrieges und dem Erziehungskodex seines Adelsstandes, in eine Welt politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, aber lebenslang geprägt von der Musik. Die „Urtexte“ in dem Buch mit mehreren Fototeilen und eigenhändigen Beschriftungen der Bilder aus Harnoncourts Feder erwecken zudem den Eindruck einer jahrzehntelangen Liebe und Herzlichkeit, die die berühmte Familie durch das Band der Musik zusammengehalten hat. Der geistreiche Witz und gesunde Humor einer künstlerischen Frohnatur kommen dabei nicht zu kurz und werden nicht nur die musikalischen Leser unterhalten.

G. Szeless

Nikolaus Harnoncourt: Meine Familie. Residenz Verlag, 256 S., € 26