Nitschs 6-Tage-Spiel: Umsetzung „ohne Verwaschung“

Auch die Besucher bekamen bei einer Schüttaktion Blutspritzer ab © APA/Hermann Nitsch GmbH, Foto FE/Hermann Nitsch GmbH,Foto FEYERL

Intensive Aktionen, viel Blut und Akteure und Akteurinnen, deren Kleidung sich rot färbte, haben den zweiten und vorerst letzten Tag der Zweitfassung des Sechs-Tage-Spiels im niederösterreichischen Prinzendorf gekennzeichnet. Auch das Publikum ließ sich bei einer Schüttaktion mit Blut bespritzen und bewies die Anziehungskraft, die das Werk des im April verstorbenen Aktionskünstlers Hermann Nitsch auch posthum entfaltet. Tag drei soll nächstes Jahr stattfinden.

Mit schönerem Wetter als noch bei Tag eins grüßte der Sonntag das internationale wie österreichische Publikum. Idyllisch wirkte denn auch der Innenhof von Nitschs Schloss, in dem schon am Vormittag Bänke, Tische und Speisen bereitstanden. Dass es sich hier nicht um einen gewöhnlichen Sonntagsausflug handelt, sondern um eine Aufführung von Hermann Nitschs Hauptwerk – daran erinnerte zunächst nur ein von Blumen umringtes Kreuz auf rotgefärbtem Boden.

Später sollten im Hof riesige Schüttbilder mit ineinander verlaufenden, bunten Farben entstehen. Darüber hinaus wurde er Schauplatz einer für Nitsch charakteristischen Aktion, in der nicht nur Menschen an Kreuze – immer wieder spielte der Aktionist mit der christlichen Symbolik -, sondern auch tote Schweine an Menschen gebunden wurden. Bei lautem Glockengeläut warfen in Blut getunkte Akteure nicht nur Eingeweide, sondern auch Tomaten und Weintrauben, von denen man für das Fest je drei Tonnen anschaffte, durch die Lüfte.

„Bombastisch“ sei es bisher gelaufen, freute sich Nitschs mit Blutsprenkeln übersäter Pflegesohn und Regisseur Leonhard Kopp. Die neue Fassung der Partitur, die Nitsch vorgegeben hatte, habe man „eins zu eins umgesetzt, ohne Verwaschung.“ „Ich habe das Gefühl, dass wir es in seinem Sinne gemacht haben“, zeigte sich auch die Künstlerwitwe und Organisatorin Rita Nitsch überzeugt. „Ich glaube, dass er zufrieden wäre.“ Das Spiel lauge jedenfalls aus, sagte der Sohn des verstorbenen Künstlers: „Man ist schon am Limit“.

Ernst wurde es am Vormittag des zweiten Tages auf Nitschs „Schüttboden“. Die Zutaten für die dort veranstaltete Ausweidungsaktion: Ein totes Schwein, dessen Bauchraum bereits aufgeschlitzt und hohl war, eine an ein Kreuz angebundene Frau, die darunterlag, und eine Schar an Akteuren, die das Tier immer wieder mit Blut und Eingeweiden füllten. Eine Räucherprobe und der allgegenwärtige Geruch von Fleisch und Blut sowie die an- und abschwellenden, lärmähnlichen Töne des Orchesters vervollständigten das Erlebnis, war es doch Nitschs Ziel, sein Orgien-Mysterien-Theater mit allen Sinnen erfassbar zu machen.

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Gewährte man den gedrängt stehenden Besuchern hier noch einen gewissen Abstand, wurden sie bei der darauffolgenden Schüttaktion mitten ins Geschehen versetzt. Akteure, die bereits bei den Bayreuther Festspielen in Nitschs Auftrag am Werk waren, verschütteten Blut auf horizontale und vertikale Leinwände. Kein Ärgernis, sondern einzigartiges Erinnerungsstück sei die am Ende blutbespritzte Kleidung, lautete der Tenor unter den Zusehern. Brachte die Premiere des Sechs-Tage-Spiels vor 24 Jahren noch umfangreiche Kritik, äußerte heuer lediglich die FPÖ Niederösterreich im Vorfeld angesichts der „Lebensmittelverschwendung“ Unmut. Später, als das trocknende Blut bereits einen braunen Ton angenommen hatte, wurden Farben hinzugeschüttet, die den penetranten Blutgeruch im warmen Schüttboden etwas linderten.

Im nächsten Jahr soll, so Rita Nitsch, Tag drei über die Bühne gehen, in den nächsten Jahren Tag vier bis sechs folgen. Ob Prinzendorf in Zukunft immer wieder Bühne seiner Aktionen werde, wie es sich der Künstler gewünscht hatte, hänge von den Finanzen ab. „Wenn es mir finanziell möglich ist, werde ich weiter versuchen, Ausschnitte oder auch mehrere Tage von seinem Sechs-Tage-Spiel in regelmäßigen Abständen zu spielen“, sagte Nitsch zur APA.

Schließlich änderte das Orchester seine Lautstärke und machte den Einbruch der Nacht zum einprägsamen Moment: Plötzlicher Lärm, der wohl über Prinzendorf hinaus schallte, wurde mit den Schreien einzelner Akteure verstärkt, schließlich aber vom enthusiastischen Klatschen der bereits reduzierten Menge an Zusehern abgelöst. Wer länger durchhielt, reihte sich in eine Prozession mit Fackeln ein, die zu Nitschs Weinkeller führte. Sich küssen und umarmen heißt es für die Spielteilnehmer bei Sonnenaufgang am Montag, bevor sie das Schloss verlassen.

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