Chemie-Nobelpreis an Charpentier und Doudna für Genschere

Die beiden Biochemikerinnen Emmanuelle Charpentier (Frankreich) und Jennifer Doudna (USA) erhalten heuer den Chemie-Nobelpreis “für die Entwicklung einer Methode zur Bearbeitung des Genoms” – konkret die Genschere CRISPR/Cas9. Das gab die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Mittwoch in Stockholm bekannt. Die wegweisende neue Methode der beiden Wissenschafterinnen galt bereits seit einigen Jahren als nobelpreisverdächtig.

Als “Werkzeug, um den Code des Lebens neu zu schreiben” beschrieb das Nobelkomitee die von Charpentier und Doudna entwickelte Genschere. Mit ihr könnten Forscher die DNA von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen mit höchster Präzision verändern. “Diese Technologie hat einen revolutionären Einfluss auf die Biowissenschaften gehabt, sie trägt zu neuen Krebstherapien bei und könnte den Traum von der Heilung von Erbkrankheiten wahr werden lassen”, heißt es in der Begründung.


Zum Verständnis des Lebens brauche die Genetik auch “Werkzeuge, um Veränderungen daran vorzunehmen”. Genau diese hätten die beiden Forscherinnen geliefert, betonte der Vorsitzende des Nobelkomitees für Chemie, Claes Gustafsson. Für ihn bergen die Erkenntnisse “enorme Kraft, die wir aber auch mit großer Sorgfalt verwenden müssen”, so der Wissenschafter bei der Bekanntgabe des ersten Chemie-Nobelpreises, den sich ausschließlich Frauen teilen.

Obwohl Charpentier und Doudna als Favoritinnen für den Nobelpreis galten, zeigte sich Charpentier in einer ersten Reaktion “überrascht” von dem “unrealen” Anruf des Nobel-Komitees. Sie erinnerte sich in dem Gespräch, auf dem Weg von ihrer langjährigen Arbeitstätte in Wien nach Umea (Schweden) “wirklich entschieden” zu haben, sich auf die Genschere zu fokussieren. Sie sei dann nach Schweden gegangen, weil sie davon ausging, dass dort ein Verständnis dafür bestehe, “was ich tun möchte”. Die Arbeit habe aber schon 2007 in Wien begonnen, sagte sie.

Charpentier, Gründungsdirektorin der Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene, arbeitete von 2002 bis 2009 an den Max F. Perutz Laboratories (MFPL) der Uni Wien und der Medizinischen Universität Wien, wo sie einen relevanten Teil der Entwicklungsarbeit für die Genschere durchführte. Die Forscherin meinte einmal, sie habe einen “Heureka-Moment” in Wien gehabt, wie die Genschere funktioniert. Unter anderem mangels Karriereperspektiven wechselte sie aber 2009 an die Universität Umea. 2012 veröffentlichte sie mit Doudna, die an der University of California in Berkeley (USA) arbeitet, die Anleitung für den Schneidemechanismus im Fachjournal “Science”.

Auf die Zuerkennung des Preises hat Doudna “wirklich fassungslos und komplett geschockt” reagiert. “Ich bin in einem kleinen Ort in Hawaii aufgewachsen und hätte mir nie in einer Million Jahren vorstellen können, dass das passiert”, sagte sie dem Magazin “Nature”.

Den Weg zu der einflussreichen, gemeinsamen Publikation beschrieb Charpentier als extrem arbeitsreich. Der Prozess sei “wirklich eine sehr einzigartige Zeit” gewesen. Die Autoren hätten sich quasi rund um die Uhr ausgetauscht. Dazu gehörte auch Krzysztof Chylinski, der einst als Doktorand im Labor von Charpentier in Wien entscheidend an den Experimenten zum CRISPR/Cas9-System beteiligt war, und heute noch am Vienna Biocenter tätig ist. “Wir waren den ganzen Tag und die ganze Nacht wach”, sagte Charpentier.

Sie habe sich immer darum bemüht, Voraussetzungen zu schaffen, “um sinnvolle Genetik zu machen” und “Werkzeuge zu liefern, um menschliche Erkrankungen besser zu verstehen”, beschrieb die Wissenschafterin ihren Ansporn. Sie hoffe nun, dass die Genschere auch zur Krankheitsbekämpfung eingesetzt wird.

Dass der Preis heuer an zwei Frauen geht, wertete Charpentier als hoffentlich “sehr starkes Signal” für junge Frauen. Es zeige, dass “Frauen in der Wissenschaft auch große Preise” bekommen können.

Der Gebrauch “eines der schärfsten Werkzeuge der Gentechnologie”, so das Nobel-Komitee, sei in den vergangenen Jahren regelrecht explodiert. Die Genschere habe zu vielen wichtigen Entdeckungen in der Grundlagenforschung beigetragen, man sei in der Lage, Nutzpflanzen zu entwickeln, die Schimmel, Schädlingen und Dürre widerstehen. In der Medizin würden klinische Versuche mit neuen Krebstherapien laufen, und der Traum, Erbkrankheiten heilen zu können, stehe kurz vor seiner Erfüllung. “Diese genetische Schere hat die Biowissenschaften in eine neue Epoche geführt und bringt in vielerlei Hinsicht den größten Nutzen für die Menschheit”, betonte man in Stockholm.

Ob der einst in Wien geleisteten Grundlagenarbeit sehen sich auch österreichische Einrichtungen ein Stück weit als Mit-Ermöglicher der Innovation: So freute man sich an der nunmehr Max Perutz Laboratories (MPL) betitelten alten Wirkungsstätte Charpentiers, dass dort “die Basis für die revolutionäre Anwendung des CRISPR-Cas9-Systems” gelegt wurde. Für den wissenschaftlichen Direktor der MPL, Alwin Köhler, ist die Genschere “eines der revolutionärsten Ereignisse in der Molekularbiologie”.

Dass Charpentier nicht mehr in Wien ist, bezeichnete er als Wermutstropfen: “Mobilität gehört aber heute zur Forschung.” Die Erfolgsgeschichte von Charpentier und Doudna sei auch ein “wunderschönes Beispiel” dafür, dass Ergebnisse viel weniger planbar sind, als viele in der Forschungsgemeinschaft glauben, und ein gutes Argument für Investitionen in die Grundlagenforschung, wie Köhler zur APA sagte. Auch der Präsident des darauf spezialisierten Wissenschaftsfonds FWF, Klement Tockner, gratulierte Charpentier. Der Preis kröne eine herausragende wissenschaftliche Karriere, “die sie auch mehrere Jahre lang nach Österreich geführt hat und in der sie der Wissenschaftsfonds FWF maßgeblich unterstützen konnte”.

Die Auszeichnung ist heuer mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 950.000 Euro) dotiert. Übergeben wird der Preis alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

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