Noch größeres Blutbad vereitelt

Überfall auf vollbesetztes Gebetshaus in Halle scheiterte — Zwei Passanten erschossen

Die Jüdische Gemeinde von Halle an der Saale hatte sich zum Jom-Kippur-Gebet in der Synagoge eingefunden, doch der höchste jüdische Feiertag endete in der ostdeutschen Stadt in einer Tragödie: Ein mutmaßlicher Rechtsextremist versuchte, das Tor der voll besetzten Synagoge aufzuschießen.

Die Sicherungsvorkehrungen am Eingang hielten dem Angriff aber stand, so dass ein Blutbad im Gebetshaus vereitelt wurde. Doch zwei Menschen fielen dem Attentäter zum Opfer. Er erschoss einen Mann und eine Frau außerhalb der Synagoge und verletzte zwei weitere schwer.

Der mit einem Kampfanzug bekleidete Täter stand völlig ruhig auf der Straße und feuerte mehrere Schüsse ab, ehe er in einem Auto flüchtete, aber kurz darauf festgenommen werden konnte. Offenbar filmte er seine Taten mit einer Helmkamera und lud das Video ins Internet hoch. Laut dem „Spiegel“ liegt den Ermittlern ein Video vor. Daraus ergeben sich Hinweise auf ein antisemitisches und rechtsextremes Motiv. In dem Clip soll der Täter mehrmals über „Juden“ und „Kanaken“ schimpfen. Das Video soll jenem ähneln, dass der Attentäter von Christchurch in Neuseeland im März beim Angriff auf die Moschee aufgenommen hatte.


„Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen. Aber unsere Türen haben gehalten.“

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Halle


„Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass es sich zumindest um einen antisemitischen Angriff handelt”, sagte Innenminister Horst Seehofer. Sicherheitskreise gingen von einem Einzeltäter aus. Laut Medien soll es sich um den 27-jährigen Deutschen Stephan B. aus Sachsen-Anhalt handeln.

Kritik an Polizeieinsatz

Die jüdische Gemeinde kritisierte den Polizeieinsatz. Gut zehn Minuten und ein langes Telefonat habe es gebraucht, bis die Polizei eintraf, nachdem der Angriff gemeldet wurde, schreibt das Jüdische Forum unter Berufung auf den Vorsitzenden der Gemeinde, Max Privorotzki.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte den Angehörigen der Opfer von Halle ihr „tiefstes Beileid“ aus. „Unsere Solidarität gilt allen Jüdinnen und Juden am Feiertag Jom Kippur, unser Dank den Sicherheitskräften, die noch im Einsatz sind“, teilte ein Regierungssprecher mit. Außenminister Heiko Maas (SPD) fragte: „Wann hört das auf? Warum geschieht das in unserem Land? Unserem Land!“

Stich.wort

Jom Kippur

Jom Kippur ist der höchste Festtag im Judentum. Der „Tag der Sühne“ steht im Zeichen von Umkehr und Versöhnung: Jüdische Gläubige sollen beten, fasten und Almosen geben — als Ausdruck von Reue und Sorge um ihre Mitmenschen. Der Feiertag beginnt mit einem gemeinsamen Gebet in der Synagoge. Auf ein Festmahl mit der Familie folgt mit dem Sonnenuntergang ein etwa 25 Stunden langes Fasten.

Schock auch in Österreich

Bundespräsident Alexander Van der Bellen äußerte sich schockiert über den Terror in Halle. Sein Mitgefühl sei bei den Opfern, ihren Angehörigen und ihren Freundinnen und Freunden. „Wir müssen alles tun, damit Jüdinnen und Juden in Sicherheit leben können“, so der Bundespräsident. Kanzlerin Brigitte Bierlein zeigte sich „tief bestürzt“. Auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) reagierte bestürzt auf das „antisemitisch motivierte Attentat“. ÖVP-Chef Sebastian Kurz rief dazu auf, „alles in unser Macht stehende zu tun, um jüdische Gemeinden bestmöglich zu schützen.“

Tatsächlich wurden auch in Wien die Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtung nochmals verstärkt.

Auch die „Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen“ (IMÖ) verurteilte die Bluttat von Halle.

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