Nord Stream 1: Europa hält den Atem an

Re-Start der wichtigsten Pipeline Europas entscheidet über die Zukunft der europäischen Wirtschaft – und nicht nur über diese

Die 1224 Kilometer lange Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 wurde zehn Tage lang gewartet. Ab Donnerstag soll wieder Gas fließen - niemand weiß wieviel. Während sich die EU auf ein Gas-Aus einstellt, rechnen Insider mit Lieferungen in Höhe von 40 Prozent der Volllast.
Die 1224 Kilometer lange Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 wurde zehn Tage lang gewartet. Ab Donnerstag soll wieder Gas fließen - niemand weiß wieviel. Während sich die EU auf ein Gas-Aus einstellt, rechnen Insider mit Lieferungen in Höhe von 40 Prozent der Volllast. © APA/AFP/MacDougall

Wird Gas fließen oder nicht? Und wenn ja, wie viel? Kaum zuvor hat Europas Wirtschaft so sehr auf einen Brennpunkt geblickt wie nun auf die Pipeline Nord Stream 1. Diese wurde am 11. Juli wegen Wartungsarbeiten komplett trocken gelegt, nachdem zuvor schon nur 40 Prozent der möglichen Kapazität von 167 Millionen Kubikmeter pro Tag durchgeflossen sind. Gazprom hat versichert, dass das Gas ab 21. Juli wieder fließen soll – allein niemand weiß, wie viel.

Denn als Voraussetzung wurde die Lieferung einer Turbine für eine Kompressorstation genannt, die wegen der Sanktionen gegen Russland nicht ausgeliefert wurde. Oder irgendwo hängt. Denn laut deutscher Regierung wurde eine Einigung mit Kanada erzielt, die reparierte Siemens Energy-Turbine an die Russen zu übergeben.

Wo sie jetzt ist, weiß aber niemand – aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Mittwoch bei seinem Iran-Besuch aufhorchen lassen, als er sagte, dass Gazprom „seine Verpflichtungen in vollem Umfang erfüllen“ werde. Ergänzung: Sollte allerdings Russland die reparierte Turbine nicht zurückerhalten, drohe Ende Juli eine deutliche Reduzierung des Gasflusses.

„Wir haben noch eine fertige Trasse – das ist Nord Stream 2. Die können wir in Betrieb nehmen“, bot Putin gleichzeitig an. Was wiederum EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen so nicht stehen lassen wollte: „Ich möchte hier ganz klar sein: Nord Stream 2 ist nicht einmal zertifiziert und überhaupt nicht einsatzbereit“, sagte sie am Mittwoch in Brüssel.

EU mit Gasnotfallplan

Von der Leyen sieht eine vollständige Unterbrechung der russischen Gasversorgung als ein „wahrscheinliches Szenario.“ Ein am Mittwoch präsentierter Gasnotfallplan sieht vor, dass die EU-Länder den Verbrauch freiwillig um 15 Prozent reduzieren sollen – klappt es nicht, gibt es einen Sparzwang.

Laut Insidern soll es aber am Donnerstag offenbar doch einen Gas-Re-Start bei Nord Stream 1 geben – mit der gleichen Menge wie in den vier Wochen vor der Reparatur. Das bedeutet für Österreich und viele EU-Länder, dass die Speicher nur stockend gefüllt werden können. Umweltministerin Leonore Gewessler kündigte deshalb an, dass, falls 80 Prozent Speicherfüllung nicht erreicht werden, die Gas-Alarmstufe ausgerufen wird. Für die Wirtschaft würde ein reduzierter oder gar aussetzender Gasfluss verheerende Folgen haben.

„Ein Stillstand würde zu einem sozialen Notstand führen“, sagte kürzlich Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Oberösterreich. Viele Betriebe würden nur eingeschränkt oder nicht produzieren können. Was für OÖ gilt, gilt für ganz Österreich und viele europäische Länder. Der volkswirtschaftliche Schaden für die österreichische und europäische Wirtschaft wäre enorm.

Gas-Stopp trifft auch die Lebensmittelproduktion

Was allerdings zuweilen vergessen wird, ist, dass 50 Prozent der Betriebe Teil der Wertschöpfungskette zur Grundversorgung sind, wie auch Haindl-Grutsch feststellt: „Ein Ausfall würde die Nahrungsmittelproduktion und -verpackung, die Landwirtschaft, die Energieversorgung, die Fernwärme, den öffentlichen Verkehr, die Müllentsorgung und Tierkörperverwertung, die Medikamentenproduktion und -logistik, die Instandhaltung von Raffinerien, Chemieanlagen oder Kraftwerken und von Leitungsnetzen und den Bau massiv einschränken. Ein sozialer Notstand wäre die unmittelbare Folge.“

Von Karl Leitner

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