Wirecard-Anzeige auch in Österreich

Im Wirecard-Bilanzskandal haben die ehemaligen Vorstände des insolventen Zahlungsdienstleisters nun auch in Österreich eine Anzeige am Hals. Bei der Wiener Staatsanwaltschaft wurde eine Anzeige wegen des Verdachts der Marktmanipulation und des schweren Betrugs eingebracht, sagte ein Sprecher der Behörde am Dienstag zur Nachrichtenagentur Reuters.

Die Anzeige richte sich gegen Ex-Wirecard-Chef Markus Braun sowie das frühere Vorstandsmitglied Jan Marsalek, der Medienberichten zufolge derzeit per Haftbefehl gesucht wird. Beide Beschuldigten sind Österreicher. Die Kanzlei von Marsaleks Anwalt wolle sich nicht dazu äußern. Brauns Anwalt war zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Ob die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnehmen wird, steht derzeit noch nicht fest. Es sei aber davon auszugehen, dass der Fall an die Wirtschaft- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKSta) weitergegeben wird, sagte der Sprecher der Behörde.

Eingebracht wurde die Strafanzeige am Montag vom Wiener Anwalt Jörg Zarbl, der vor allem einen Aktienkauf von Braun als problematisch erachtet, wie er zu Reuters sagte. Braun hatte Mitte Mai Wirecard-Aktien für 2,5 Mio. Euro erworben und damit der Aktie zu einem Kurssprung verholfen. Laut Zarbl habe der frühere Wirecard-Chef etwa zeitgleich einen Kredit über 120 Mio. Euro aufgenommen sowie zwei österreichische Immobilien belehnt. Das hätten Recherchen in den Grundbüchern ergeben, sagte Zarbl. “Aus meiner Sicht wäre hier zur prüfen, ob man nicht mit Absicht positive Signale an den Markt setzen wollte”.

Auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin nimmt den Aktienkauf wegen eines möglichen Verstoßes gegen Insiderhandels-Vorschriften unter die Lupe. Brauns Investmentvehikel – die MB Beteiligungsgesellschaft – erklärte, die kapitalmarktrechtlichen Vorgaben seien uneingeschränkt eingehalten worden.

Die Anwaltskanzlei Tilp weitete ihre Schadenersatzklage gegen Wirecard auf den Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY) und frühere Vorstände des zusammengebrochenen Zahlungsabwicklers aus. “Vom zumindest bedingt vorsätzlichen Verhalten der neuen Beklagten sind wir überzeugt”, erklärte Rechtsanwalt Andreas Tilp.

Neben EY, die jahrelang die Bilanzen von Wirecard geprüft haben, verklagen die Anwälte Braun und Marsalek sowie den noch amtierenden Finanzchef Alexander von Knoop. Tilp hatte bereits Mitte Mai – lange vor der Insolvenz von Wirecard – am Landgericht München Klage gegen den Konzern eingereicht und ein Musterverfahren beantragt.

Mehr als 30.000 Anleger hätten sich bereits an die Tübinger Anwaltskanzlei gewandt, die auch gegen den Autobauer VW wegen des Dieselskandals juristisch vorgeht. Bei einem Musterverfahren handelt es sich um eine Art Sammelklage, bei der einer im Namen von vielen klagt.

Wirecard hatte am Donnerstag Insolvenz angemeldet, nachdem ein Loch von 1,9 Mrd. Euro in der Bilanz bekannt wurde. In München laufen bereits Ermittlungen. Braun wurde verhaftet und ist auf Kaution wieder freigelassen worden.

Unterdessen stellt sich die US-Tochter Wirecard North America zum Verkauf, wie das US-Unternehmen in der Nacht auf Dienstag mitteilte. Eine Investmentbank koordiniere den Prozess. Die US-Amerikaner betonen ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit von dem angeschlagenen Konzern. “Wirecard North America ist eine selbsttragende Einheit, die weitgehend autonom von Wirecard ist.” Wirecard war erst 2016 mit der Übernahme einer Prepaid-Kreditkartenfirma von der Bad Bank der US-Großbank Citigroup in den US-Markt eingestiegen. Sie war früher unter dem Namen Citi Prepaid Card Services bekannt.

In Singapur prüft Wirecard nach Angaben der dortigen Zentralbank, ob die Weiterführung der Geschäfte in dem Land möglich ist. Kreditkartenzahlungen bei Händlern, die die Dienstleistungen von Wirecard in Anspruch genommen hätten, sowie die Nutzung von Prepaid-Karten, die von Wirecard herausgegeben werden, seien betroffen, wenn das Unternehmen den Betrieb in Singapur einstelle, erklärte die Zentralbank. Die Einheiten des Konzerns hätten jedoch sichergestellt, dass Kundengelder auf getrennten Konten bei Banken in Singapur seien.

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