„Normal taktisches Schachspiel“

Die abgebrochenen Metaller-KV-Verhandlungen aus wirtschaftspsychologischer Sicht

Wie bei einer Schachpartie beherrscht vor allem Taktik die Metaller-KV-Verhandlungen.
Wie bei einer Schachpartie beherrscht vor allem Taktik die Metaller-KV-Verhandlungen. © aee_werawan - stock.adobe.com

Von Andreas Huber

Das dieser Tage in London stattfindende Duell um die Weltmeisterschaft im Schach zwischen dem Norweger Magnus Carlsen und seinem amerikanischen Herausforderer Fabiano Caruana wirft seinen langen Schatten sogar bis nach Österreich. Denn auch hier scheinen Gewerkschafter und Arbeitgeber bei den diesjährigen Metaller-Kollektivvertragsverhandlungen wie Figuren auf einem Schachbrett zu agieren – wenngleich auch mit gänzlich anderer Rhetorik. Und die setzt auf Zank: Die beiden Sozialpartnerschaftsvertreter konnten sich in der Nacht auf Freitag auch in der fünften Verhandlungsrunde nicht einigen; den schwarzen Peter schieben sich beide Streitparteien gegenseitig zu. Die Konsequenzen daraus sind vorerst Warnstreiks, die ab Montag in der Metalltechnischen Industrie mit 1200 Betrieben und gut 130.000 Mitarbeitern stattfinden sollen. In welchen Unternehmen wann die Arbeit niedergelegt werden soll, wollten die Gewerkschaftsverhandler unter Rainer Wimmer und Karl Dürtscher noch nicht sagen.

 

Patt-Stellung bei den Gesprächen

Man fühle sich von den Arbeitgebern „ein bisschen verarscht“. Ein telefonisches Angebot von Arbeitgeberseite konnte man am Ende „einfach nicht ernst nehmen“, so die Gewerkschafter. Christian Knill, Sprecher der Arbeitgeberverhandler, sieht hingegen ein faires Angebot: „Wir haben 2,7 Prozent Lohn-/Gehaltszuwachs geboten.“ Mitsamt Zugeständnissen im Rahmenrecht „wäre das Gesamtangebot bei mehr als drei Prozent gelegen“, so Knill gegenüber der APA. Für WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer ist die momentane Patt-Situation keine große Überraschung: „Die Gewerkschaften haben schon vor Verhandlungsbeginn klar signalisiert, dass sie heuer die Streikkeule auspacken werden. Das enorme Belastungspaket, das sie eingebracht haben und an dem bisher stur festgehalten wird, ist für unsere Betriebe unannehmbar!“ Auch Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung, sieht einen falschen Weg in der sensiblen Situation beschritten: „Streiks verursachen kurz- und langfristige volkswirtschaftliche Schäden und gefährden in weiterer Folge hochwertige Arbeitsplätze in Österreich.“ Er beziffert die Schäden in der Metalltechnischen Industrie mit 30 bis 50 Millionen Euro pro Streiktag. Dass der Streit wohl über den unmittelbaren Interessenbereich der beiden direkten Verhandlungspartner hinaus gehe, will indes der Politologe Peter Filzmaier beobachten: „Es häufen sich die Indizien, dass es schon grundsätzlicher ist. Es ist ein Elchtest für die Sozialpartnerschaft selbst“, so Filzmaier gestern im „Ö1-Mittagsjournal“. Der Arbeitgeberseite könne man vorwerfen, von der wirtschaftsliberalen Gesinnung der Regierung zu wissen und diesen Spielraum nutzen zu wollen. Umgekehrt könne man der Gewerkschaft vorwerfen, in die Oppositionsrolle zu schlüpfen, mutmaßte der Politologe.

Doch was bedeutet das sich stets wiederholende, herbstliche Hick-Hack in wirtschaftspsychologischer Hinsicht? Alles nur politisches Kalkül? Im Gespräch mit dem VOLKSBLATT sieht Rainer Buchner, Wirtschaftspsychologe am Salzburger Institut für Wirtschaftspsychologie, im Gegensatz zu Filzmaier tatsächlich einen trivialeren Grund dahinter: „Das ist ganz normales, taktisches Schachspiel. Zuerst verhandeln die ,Falken’ und versuchen, die jeweils andere Seite über den Tisch zu ziehen.“

„Situation stärkt oder schwächt niemanden“

Wer sehr hoch ansetze, könne jedoch vielleicht auch viel verlieren, gibt Buchner zu bedenken. Gleichzeitig glaube er jedoch nicht, dass die momentane Situation irgendeine Seite psychologisch besonders stärke oder schwäche – auch in der öffentlichen Wahrnehmung nicht. „Die Gewerkschaften sehen das Aufblühen der Wirtschaft, sehen die Firmen gedeihen – und wollen deshalb logischerweise auch etwas haben davon.“ Die Schach-WM in London wird als Zweikampf über maximal zwölf Runden ausgetragen, danach ist entweder Carlsen oder sein Herausforderer Caruana Weltmeister. Der Wettkampf in Wien ist ebenso ein Zweikampf, dessen Ergebnis ungewiss ist. Auf ein „Schach-Matt“ sollte jedoch keiner der Sozialpartner spielen, denn: Schwarz braucht Weiß und Weiß braucht Schwarz. Das Spiel der Könige, es funktioniert nur so.