Novi Sads Kulturhauptstadt-Chef: „Junge als Vermächtnis“

Vom Hauptplatz von Novi Sad dringen abwechselnd Walzer-Klänge und Techno-Beats in den Besprechungsraum der Europäischen Kulturhauptstadt. Ein Kulturhauptstadt-Event? „Nein“, lacht Geschäftsführer Nemanja Milenkovic beim APA-Besuch am Freitag. „Das sind die Maturanten, die hier ihren Abschluss feiern.“ Doch an Veranstaltungen mangelt es der zweitgrößten Stadt Serbiens nicht, 1.500 Events sind heuer programmiert, dieser Tage läuft der „Heldinnen“-Schwerpunkt an.

Im Interview mit der APA spricht Milenkovic über die coronabedingte Verschiebung der Kulturhauptstadt von 2021 auf 2022, seinen Versuch, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen und die berühmte Nachhaltigkeit zu implementieren. Auch im Ukraine-Krieg hat sich die Kulturhauptstadt positioniert und zwei ukrainische Künstler eingeladen, im Rahmen des Programmschwerpunkts „Frieden“ eine Arbeit zu realisieren; das Team kommt für die Freifahrt für Flüchtlinge im öffentlichen Verkehr auf. „Ich bin kein Politiker“, so Milenkovic anlässlich der pro-russischen Position Serbiens. „Für uns ist nur eines wichtig: Friede ist das einzige, das zählt.“

APA: Das Programm der Kulturhauptstadt Novi Sad läuft nun seit einigen Monaten. Wie zufrieden sind sie angesichts der anhaltenden Corona-Pandemie mit dem bisherigen Verlauf?

Nemanja Milenkovic: Eine Kulturhauptstadt auszurichten, ist für jede Stadt ein Abenteuer. Aber nach Corona gleicht es für uns einem Wunder, dass alles so gut gelaufen ist. Wir haben eine eigene Szene entwickelt und Publikum an uns gebunden. Und wir haben auch nicht zu viel Programm, wie im Vorfeld befürchtet wurde. Die großen philharmonischen Konzerte etwa waren bisher immer ausverkauft. Da hat Corona vielleicht auch geholfen, weil die Menschen jetzt wieder etwas erleben wollen.

APA: Sprechen Sie vor allem lokales und regionales Publikum an oder auch internationales?

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Milenkovic: Wir haben hauptsächlich Publikum aus Novi Sad, für die großen Events kommen die Menschen aus der Region. Die Touristen-Zahlen hatten sich bis 2019 jährlich verdoppelt, „Lonely Planet“ hat uns 2020 unter die Top-3-Reiseziele gewählt, dann brach der Tourismus wegen Corona ein. Aber der Titel hat uns geholfen, wieder dort anzuschließen.

APA: Im Vorfeld gab es – wie bei fast jeder Kulturhauptstadt – Kritik aus der lokalen Szene, nicht gut genug eingebunden zu sein. Wie sieht es hier mittlerweile aus?

Milenkovic: Ja, das passiert in jeder Kulturhauptstadt. Es ist ein schwieriger Titel. Die Erwartungen sind so unterschiedlich, die Ziele unterscheiden sich bei Politikern, der Bevölkerung und den unterschiedlichen Szenen von der unabhängigen Szene bis hin zur „Hochkultur“. Wir haben versucht, die Ziele aller zu integrieren. Ich glaube wirklich, dass wir es geschafft haben. Ihre Kritik haben wir als Feedback verstanden, das wir genutzt haben, wo es konstruktiv war. Das Lustige ist: Jetzt, wo es geklappt hat, fragen wieder alle nach der Zukunft. Wie es 2023 weitergehen wird…

APA: Das heißt, Sie haben die heimischen Künstler jetzt ins Boot geholt?

Milenkovic: Wir hatten eines der kleinsten Budgets, die es bisher für eine Kulturhauptstadt gegeben hat. Wir hatten 25 Mio. Euro für sechs Jahre zur Verfügung, Gehälter und Marketing mit eingerechnet. Wir sind auf die lokale Szene zugegangen und haben ihnen angeboten, einen gewissen Prozentsatz ihrer Projekte zu finanzieren, wenn sie auch mit ihren Budgets etwas beitragen. So haben wir den Etat für kulturelle Projekte in etwa verdoppeln können.

APA: Und wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus?

Milenkovic: Unser Programm fußt auf vier „Brücken“. Das hat eine doppelte Bedeutung: Wir haben unser 20. Jahrhundert ohne Brücken beendet. Aus der Geschichte heraus war es uns wichtig, das zu thematisieren. Auf der physischen Ebene heißt es, dass kürzlich bekannt gegeben wurde, dass hier eine vierte Brücke gebaut werden soll. Auf der theoretischen Ebene haben wir vier Brückenpfeiler definiert: People (Menschen), Processes (Prozesse), Places (Orte) und Programm. Über der Wasseroberfläche sieht man nur Programme und Orte, darunter liegen als Fundament allerdings Menschen und Prozesse. Und die haben wir über die vergangene fünf Jahre aufgebaut. Wir haben uns von Anfang an darum gekümmert, Kontinuität in unserem Kern-Team zu haben. Wir alle haben dieselbe Vision.

Jetzt sehen wir nur mehr das Ergebnis: Orte und Programm. Unser Vermächtnis sind aber all die jungen Menschen, die gut ausgebildet sind und nun eine riesige Erfahrung haben. Diese jungen Leute sind ein unheimlicher Schatz für künftige Projekte. Kulturhauptstädte sind wie ein Zirkus, der nach einem Jahr weiterzieht. Viele Städte konzentrieren sich nur auf dieses eine Jahr. Wir haben immer weiter gedacht und werden etwa das in den vergangenen Jahren etablierte Festival „Doček“, bei dem wir das katholische und orthodoxe Neue Jahr gemeinsam feiern, fortführen. Die Leute fragen schon jetzt danach!

APA: Serbien sticht in Bezug auf die europaweite Solidarität mit der Ukraine mit pro-russischen Tendenzen hervor. Welche Position nimmt die Kulturhauptstadt hier ein?

Milenkovic: Ich wollte nicht nur einfach eine ukrainische Flagge auf Facebook teilen, denn das hilft niemandem. Wir haben also eine Ausschreibung für Residence-Programme für ukrainische Künstler gemacht, die hier etwas realisieren möchten. Nun kommen zwei Künstler, die über Frieden sprechen, einem Programm-Schwerpunkt von uns. Zusätzlich haben wir im Team mit Flüchtlingsorganisationen gesprochen, was die geflüchteten Menschen brauchen und so umgesetzt, dass wir mit unseren Gehältern die Freifahrt für öffentliche Verkehrsmittel zahlen. Ich bin kein Politiker und ich möchte mich nicht dazu äußern, was die offizielle serbische Position ist. Aber wir wissen hier genau, wie sich Krieg anfühlt. Wir wollen einfach jenen helfen, die unsere Hilfe jetzt am dringendsten benötigen. Die Eltern meiner Frau sind Kroaten, meine sind Serben, wir wissen, dass es sinnlos ist, sich auf eine Seite zu schlagen. Für uns ist nur eines wichtig: Kultur wird nicht nur durch Konzerte, Opern, Theaterstücke oder Ausstellungen bestimmt. Kultur ist eine Lebensform.

(Das Gespräch führte Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E – )

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