„Nur ein Schauspieler“ im Dienst des Nazi-Terrors

Linzer Landestheater öffnete wieder mit „Mephisto“ nach Klaus Mann

Salka Weber und Christian Taubenheim
Salka Weber und Christian Taubenheim © Petra Moser

Es gibt sie zu jeder Zeit und überall: die Mitläufer, die Opportunisten, die Angepassten, die es dank eines geschmeidigen Rückgrats verstehen, aus jeder Situation und in jedem System für sich einen Vorteil herauszuschlagen. Ein Prototyp dieser allgemein menschlichen Spezies steht im Mittelpunkt des Stücks „Mephisto“ nach dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann. Eine „intensive“ Drei-Stunden-Premiere von „Mephisto“ gab es am Samstagabend im Schauspielhaus des Linzer Landestheaters. Klaus Mann (1906–1949) – Sohn von Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann – schrieb „Mephisto“ 1936 vor dem Hintergrund des beginnenden nationalsozialistischen Terrors. Eine Parabel um den Provinz-Schauspieler Hendrik Höfgen, der von der großen Karriere in Berlin nicht nur träumt, sondern alles dafür in Kauf zu nehmen bereit ist, vor allem, sich ideologisch zu verbiegen. In spiriert wurde Mann durch den realen Schauspieler Gustav Gründgens, der im Nazi-Regime seine größten Erfolge feierte. Nicht von ungefähr ist Höfgens Paraderolle die des Mephisto im „Faust“. Die Bühnenfassung des Romans stammt von Luise Rist und Birgit Funke.

Hinter den Kulissen

Der erste Teil gewährt einen tiefen Blick hinter die Kulissen eines Provinztheaters, wo Rivalität, Selbstverliebtheit, Realitätsverlust, Ängste und Depressionen der Schauspielerinnen und Schauspieler dominieren. Hendrik Höfgen erweist sich dabei als ebenso leidend wie fies gegenüber der Kollegenschaft. Diese Phase des Stücks gerät in der Linzer Version eine Spur zu ausführlich, hier hätte man durch Straffung die drei Stunden Gesamtlänge reduzieren können. Das wäre auch angesichts der Maskenpflicht eine Erleichterung für das Publikum. Im zweiten Teil nimmt das Stück beachtlich Fahrt auf, vor allem, was die politische Seite anlangt. Hendrik Höfgen verrät seine — kommunistischen — Freunde ebenso wie die Frauen in seinem Leben. Zwar von Versagensängsten gequält, ergreift er doch jede Gelegenheit, um in Berlin „nach oben“ zu kommen, bis zur Intendanz des Staatstheaters. Protegiert vom Nazi-Ministerpräsidenten Heinrich Bruckner, unschwer als Hermann Göring identifizierbar. Erst am Schluss erkennt Höfgen, dass er längst zur Marionette des diktatorischen Systems geworden ist, aus dem es kein Entrinnen gibt. Mit tragikomischer Naivität kann er nur noch feststellen: „Ich bin doch nichts anderes als ein Schauspieler!“

Gelungene Mischung

Die Linzer Inszenierung von Stephan Suschke ist eine gelungene Mischung aus dem Flair der 20er- und 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts (Bühne Momme Röhrbein, Kostüme Angelika Rieck) und dem dekadenten Glamour einer Gesellschaft am Abgrund. Die Live-Musik von Joachim Werner fügt sich kongenial ins Gesamtbild ein. Einzelne Schauspielerinnen und Schauspieler eigens hervorzuheben – abgesehen von Christian Taubenheim als Hendrik Höfgen – würde den Rahmen sprengen, gibt es doch nicht weniger als 17 Darstellerinnen und Darsteller. Sie alle tragen eine sehr kompakte und stimmige, nie langweilige Ensembleleistung. Und man merkt, dass die Truppe froh ist, wieder das tun zu können, was sie am liebsten tut: Das Publikum begeistern. Dass dies gelungen ist, zeigte der lang anhaltende Schlussapplaus.

 

Von Werner Rohrhofer

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