OECD-Studie: Wenig Chancengerechtigkeit bei Hochschulbildung

In der Hochschulbildung gibt es nur wenig Chancengerechtigkeit. Zu diesem Schluss kommt die am Dienstag präsentierte OECD-Studie „Bildung auf einen Blick“. In Österreich ist dabei die Chance von Personen, deren Eltern keinen Abschluss im Tertiärbereich haben, auf den Beginn und Abschluss eines Bachelor-, Diplom- oder Masterstudiums besonders gering.

Für ihre Auswertung zur Gerechtigkeit bzw. Mobilität im Hochschulbereich hat die OECD diesmal einen etwas anderen Zugang als in den vergangenen Jahren gewählt: Die Ungleichheit wird dabei anhand eines Vergleichs des Anteils junger Menschen aus potenziell benachteiligten Gruppen im Hochschulbereich mit ihrem Anteil an der Gesamtpopulation verglichen. Bei perfekter Chancengleichheit müsste dieser in etwa übereinstimmen – je weiter auseinander die Werte, desto ungerechter geht es zu.

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In Österreich beträgt demnach der Anteil der 18- bis 24-Jährigen mit Eltern ohne Tertiärabschluss (wobei in diesem Zusammenhang aber auch ein BHS-Abschluss als solcher gilt, Anm.) an der Gesamtpopulation dieser Altersgruppe 61 Prozent. Bei den Anfängern eines Bachelor- oder Diplomstudiums an einer Hochschule liegt der entsprechende Prozentsatz dagegen bei nur 37 Prozent. Der entsprechende „Gap“ beträgt damit 24 Prozentpunkte. Höher ist er nur in Lettland und Litauen, besonders niedrig ist er in Italien mit nur elf Prozentpunkten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei einem Blick auf die Absolventen: Der Anteil der 20- bis 29-Jährigen mit Eltern ohne Tertiärabschluss an der Gesamtpopulation dieser Altersgruppe macht demnach 64 Prozent aus, bei den Erstabsolventen eines Bachelor- oder Diplomstudiums dagegen nur mehr 38 Prozent. Hier ist dieser Gap in Österreich mit rund 26 Prozentpunkten sogar am größten (ex aequo mit Schweden). Abstände nur knapp über zehn Prozentpunkten verzeichnen dagegen etwa Australien oder Kanada.

Auch andere Indikatoren weisen auf Ungleichheiten hin: So geht etwa ein niedriger Bildungsstand der Eltern tendenziell mit einer späteren Aufnahme eines Hochschulstudiums einher. Außerdem endet in allen Ländern die Bildungskarriere von Bildungsteilnehmern, deren Eltern keinen Tertiärabschluss haben, früher: unter den Anfängern in der Sekundarstufe II (AHS-Oberstufe, BMHS, Lehre) schaffen sie seltener den Abschluss als Kinder von Eltern mit Tertiärabschluss und beginnen seltener ein Studium. Und: Der Bildungsstand der Eltern beeinflusst nicht nur die Entscheidung darüber, ob eine Ausbildung im Tertiärbereich angestrebt wird, sondern auch welche. So wählen etwa Anfänger mit Eltern ohne Tertiärabschluss mit größerer Wahrscheinlichkeit einen kurzen tertiären Bildungsweg (in Österreich vor allem eine BHS) statt eines Bachelor- oder Diplomstudiums.

Die Gründe für die Unterrepräsentierung von Personen aus bildungsfernen Schichten können dabei in zwei Faktoren liegen, die auch zusammen auftreten können. Einerseits können sie mit Hindernissen beim Eintritt in den Hochschulbereich selbst zusammenhängen (etwa Zugangsbeschränkungen oder zu hohe Studiengebühren) oder aber mit Problemen, die schon einen Erfolg in den vorgelagerten Bildungsbereichen verhindern.

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), SPÖ und NEOS ziehen unterschiedliche Schlüsse aus der OECD-Studie. „Oft sind es mangelnde oder schlechte Deutschkenntnisse, die die schulische Laufbahn von Kindern, die aus dem Ausland zu uns kommen, begleiten“, so Faßmann in einer Aussendung.

Einen anderen Aspekt in Sachen Chancengerechtigkeit rückt die SPÖ in den Vordergrund: Die Studie zeige klar, dass das Hochschulsystem in Österreich sozial selektiv wirke, so Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl. Die im Oktober anstehende Ausweitung der Studiengebühren auf berufstätige Langzeitstudenten werde dazu führen, dass sich die soziale Selektion und der unterschiedliche Zugang von Akademikerkindern und Kindern aus bildungsfernen Schichten zur Hochschule noch weiter verschärfe.

NEOS-Wissenschaftssprecherin Claudia Gamon will zur Verbesserung der sozialen Durchlässigkeit dagegen umgekehrt allgemeine Studienbeiträge einführen. In Form eines Modells nachgelagerter (erst nach dem Studium bei entsprechendem Einkommen fälliger, Anm.) Studiengebühren wären diese kombiniert mit einer echten kapazitätsorientierten Studienplatzfinanzierung sozial treffsicherer und für die Hochschulen besser planbar.

Die Industriellenvereinigung wiederum mahnte unter anderem Maßnahmen ein, um frühem Bildungsabbruch massiv entgegenzuwirken – vor allem bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund.