ÖH-Chefin: „Altlasten aufarbeiten“

Nach zwölf Jahren hat Studentenvertretung mit Sabine Hanger wieder eine bürgerliche Vorsitzende

Vor etwa einem Jahr übernahm Sabine Hanger die Führung der AktionsGemeinschaft, vorige Woche wurde die 25-jährige Jus-Studentin aus Ybbsitz (NÖ) zur neuen ÖH-Chefin gewählt.
Vor etwa einem Jahr übernahm Sabine Hanger die Führung der AktionsGemeinschaft, vorige Woche wurde die 25-jährige Jus-Studentin aus Ybbsitz (NÖ) zur neuen ÖH-Chefin gewählt. © AktionsGemeinschaft

Ein bisschen überraschend war die Wahl von Sabine Hanger (AktionsGemeinschaft) zur Vorsitzenden der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) schon, seit Freitag hat die österreichische Studentenvertretung aber wieder eine bürgerliche Spitze.

Die linke Koalition aus Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS), Verband Sozialistischer StudentInnen (VSStÖ) und Fachschaftslisten (FLÖ) war in den vergangenen Wochen zerbröselt.

VOLKSBLATT: Die vergangenen Monate bei der ÖH waren durchaus kurios, auch der Wahlverlauf am Freitag selbst war eher skurril. Soll man Sie für den Wahlsieg beglückwünschen oder Mitleid haben?

SABINE HANGER: Ich persönlich freue mich sehr über meine neue Aufgabe, daher finde ich auch Glückwünsche sehr schön. Ja, die letzten Wochen und Monate waren chaotisch. Mein Anspruch an mich selbst ist es jetzt jedoch, dass Stabilität und gute Vertretungsarbeit in der Bundes-ÖH Einzug halten.

Wie würden Sie sich in zwei Sätzen charakterisieren?

Ich bin für eine angehende Juristin eigentlich überraschend herzlich und immer für einen guten Schmäh zu haben. Meine größte Schwäche ist sicher, dass ich manchmal ein wenig chaotisch bin.

Derzeit gibt es keine klare Mehrheit, kann die ÖH trotzdem agieren oder sind die zwei Semester bis zur Wahl „verloren“?

Derzeit herrscht das freie Spiel der Kräfte in der Bundesvertretung. Ich halte das nicht unbedingt für etwas Schlechtes. Jetzt müssen einfach alle Fraktionen an einem Strang ziehen. Ich sehe mich da mehr in der Rolle des Vermittlers. Für mich ist es auch in Ordnung, wenn Beschlüsse gefasst werden, die vielleicht nicht zu 100 Prozent meiner politischen Gesinnung entsprechen, weil sich eine Mehrheit dazu ohne uns gefunden hat, solange für die Studierenden anständig gearbeitet wird.

Wie werden Sie die ÖH nun wieder in den „Arbeitsmodus“ bekommen?

Seit Freitag bin ich im Amt. Seit Freitag sind wir mit vollem Einsatz im Arbeitsmodus. Jetzt gilt es, die Altlasten aufzuarbeiten, das Gespräch mit allen Fraktionen zu suchen und das Vertrauen unserer Studierenden wiederzugewinnen. Aber eines kann man uns gerade glauben, unsere Arbeitstage sind lang und unsere Nächte aktuell eher kurz.

Wie bewerten Sie den „Hybridbetrieb“ der Universitäten und wo muss unbedingt nachgebessert werden?

Das Coronavirus hat allen gezeigt, was wir Studierende schon lange spüren. Unsere Hochschulen hinken beim Thema Digitalisierung im internationalen Vergleich extrem hinterher. Auf unseren Hochschulen fehlen die digitalen Lehrinhalte und die Infrastruktur. Gerade erst wurde das höchste Unibudget in der Geschichte der Zweiten Republik beschlossen. Das ist ein massiver Erfolg für uns Studierende. Jetzt ist es an der Zeit, dass dieses Geld auch bei den Studierenden im Hörsaal ankommt. Dieses Geld braucht es auch unbedingt, wenn Konzepte wie der Hybridbetrieb und die digitale Lehre im allgemeinen gelingen sollen.

Eine aktive Studentenvertretung wäre im Corona-Semester besonders wichtig. Wo werden Sie als erstes ansetzen?

In der größten Krise der Zweiten Republik, die auch uns Studierende hart trifft, braucht es eine starke und handlungsfähige Studierendenvertretung. Die vormals linke ÖH hat sich in der Vergangenheit genug mit sich selbst beschäftigt, jetzt ist es an der Zeit, dass wir wieder für unsere Studierenden arbeiten. Stabilität und eine sichere und starke Vertretung bieten zu können, stehen für mich an erster Stelle.

Was sollte man, wenn Corona überwunden ist, in den Studienalltag integrieren?

Wie vorher angesprochen, die Fortschritte die wir gerade im Bereich der Digitalisierung machen, müssen natürlich aus einer langfristigen Perspektive gedacht werden. Hier liegt die Zukunft. Hier müssen wir im internationalen Vergleich deutlich aufholen und wettbewerbsfähiger werden.

Im Mai des kommenden Jahres wird gewählt, wie kann die Beteiligung gehoben werden?

Die Wahlbeteiligung ist tatsächlich ein großes Manko bei den ÖH-Wahlen. Auch, wenn sie zuletzt zwar wieder leicht gestiegen ist, ist sie immer noch unter dem Niveau, das einer echten Interessensvertretung würdig wäre. In meiner neuen Rolle als Vorsitzende werde ich alles dafür tun, das Vertrauen unserer Studierenden in die ÖH wieder zu gewinnen und damit auch das Interesse an der ÖH wieder zu steigern.

Die Fragen an ÖH-Vorsitzende SABINE HANGER stellte Herbert Schicho

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