Offroad-Arbeitstier mit Stern

Mercedes drängt vehement in das boomende Pick-up-Segment. Für den X 220d holten sich die Schwaben Hilfe aus Japan – mit Erfolg.

Text & Fotos: Oliver Koch

Was tun, wenn das Pick-up-Segment weltweit boomt? Was tun, wenn andere beispielsweise mit dem Hilux, Ranger, L200 und Navara seit Jahr und Tag Verkaufserfolge feiern und im Stuttgarter Angebot ein Modell in dieser Kategorie fehlt? Nun dann wird es wohl Zeit für die X-Klasse, war der einhellige Tenor bei Mercedes. Gesagt, getan: Mercedes ist jetzt auch im Pick-up-Segment vertreten. Wobei sich die Schwaben japanische Hilfe geholt haben. Denn die X-Klasse fußt auf dem Nissan Navara, der schon für den Renault Alaskan – der es übrigens auch erst seit September 2017 zur Serienreife gebracht hat. Mercedes hat dabei beim Basis-Navara mehr herumgetüftelt also Renault, die außen mehr oder weniger nur das Logo ausgetauscht haben. So haben die Schwaben sowohl die Front-, als auch die Heckpartie völlig eigenständig gestaltet und auch im betont nüchtern gestalteten Innenraum gibt es größtenteils Mercedes-Feeling. Lüftungsschlitze, Controller oder der typische Scheibenwischerhebel zeigen das. Allerdings ist die X-Klasse unterm Strich ein Arbeitstier. Deshalb ist viel harter Kunststoff verbaut und die Lüftungsschlitze wirken beispielsweise nicht unbedingt hochwertig. Die Ledersitze sind sehr breit geschnitten und könnten ruhig etwas mehr Seitenhalt bieten. Pluspunkte sammelt die X-Klasse dafür aufgrund ihrer Übersichtlichkeit und des angenehm in der Hand liegenden Lenkrads.

Wie auch der Navara fußt der breitere X 220 auf einem Leiterrahmen mit starrer Hinterachse, die mit Schraubenfedern und Mehrlenkeranbindung einen guten Fahrkomfort liefert. Ergo: Der X 220d fährt sich ausnehmend komfortabel und ist dank hervorragender Dämmung im Innenraum sehr leise. Der Vortrieb ist jedoch ziemlich verhalten, der 163 PS starke Selbstzünder hat alle Hände voll zu tun, den 2177 Kilogramm schweren Fünfsitzer auf Touren zu bringen. Zweites wesentliches Manko ist die sperrige und schwerfällige Sechsgangschaltung, die noch dazu nach vielen Schaltmanövern giert. In der Stadt – das zwar nicht das ureigenste Terrain eines 5,34 Meter langen Pick-ups ist – kann man ob der vielen Schaltvorgänge schon ins Schwitzen kommen. Dafür wartet der X 220 mit standfesten Bremsen auf und selbst bei flotteren Kurvenfahrten zieht der Beute-Schwabe stoisch seine Kreise. Die Lenkung wiederum könnte eine Spur responsiver sein, dafür wartet der Fünfsitzer mit einer fantastischen Übersicht nach allen Seiten auf. Den größten Trumpf spielt der Pick-up beim Verbrauch aus; während Branchenkollegen je hundert Kilometer an der Zehn-Liter-Marke kratzen begnügt sich der aufgeladene Vierzylinder mit weniger als neun Litern. Daher kommt man mit einer 73-Liter-Tankfüllung locker von Linz ins 500 Kilometer entfernte Stuttgart ohne dass die Reservelampe zum Aufleuchten begonnen hat.
Der Wechsel von Heckantrieb auf 4WD lässt sich per Drehschalter während der Fahrt (bis hundert km/h) verrichten. Ein weiterer Dreh aktiviert das Untersetzungsgetriebe für ganz harten Offroad-Einsatz. Für diesen ist die X-Klasse zusätzlich mit einem aufpreispflichtigen sperrbaren Hinterachsdifferenzial ausgestattet. Ergo: Die X-Klasse ist trotz ihres lifestyligen Appeals ein dezidierter Offroader.

Bei den Assistenzsystemen bietet die X-Klasse gemessen am üblichen Standard des Pickup-Segments einiges, darunter Rückfahrkamera, Spurverlassenswarner und Verkehrszeichen-Assistent. Ein Toter-Winkel-Warner – bei Pick-ups ein praktisches Feature – ist allerdings nicht serienmäßig an Bord, ebenso wenig ein Navigationssystem. Und auch bei den Ablageflächen zeigt sich der Sternträger knausrig. Generell gelobten die Deutschen schon Besserung, gewisse leichte Kinderkrankheiten darf ein neues Modell ja haben.

Fazit: Der Einstieg in die boomende Nische ist Mercedes – mit Hilfe von außen – gut gelungen, das belegen auch die Verkaufszahlen. Da er auch preislich in derselben Liga wie seine Wettbewerber angesiedelt ist, kann er über kurz oder lang Hilux, Ranger und Amarok das Fürchten lehren, denn ein Stern auf der Front kommt immer gut an.

Typenschein

Mercedes-Benz X 220d 4MATIC Progressive

Preis: ab € 40.692,- inkl. Steuern und Abgaben; Testwagenpreis € 46.504,80 unter anderem inklusive Differenzialsperre € 708,-, Elektrik für Anhängersteckdose € 186,-, Komfort-Paket € 1762,80, Winter-Paket € 487,20, Metallic-Lackierung axinitbronze € 730,80, und Ersatzrad € 325,20; einen Mercedes-Benz X-Klasse (X 220d 4MATIC Pure) gibt es ab € 35.880,-
NoVA/Steuer: 0 %/ € 739,44 jährlich
Garantie: 2 Jahre ohne Kilometerbegrenzung, 2 Jahre Lackgarantie, Garantie gegen Durchrostung von innen nach außen bis maximal 30 Jahre
Service: alle 25.000 km oder alle 2 Jahre

Technische Daten:
Motor: R4, 16V, Common-Rail, Turbolader, Partikelfilter, 2298 cm³, 120 kW/163 PS bei 3750 U/min, max. Drehmoment 403 Nm bei 1500-2500 U/min
Getriebe: Sechsgangschaltung
Antrieb: Allradantrieb
Höchstgeschwindigkeit: 170 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h: 12,9 s
Leistungsgewicht: 13,36 kg/PS
MVEG-Verbrauch: 8,1/7,3/7,6 Liter
VOLKSBLATT-Testverbrauch: 8,8 Liter
CO2-Ausstoß: 202 g/km
NOx: 0,1125 g/km; Euro 6

Eckdaten:
L/B/H: 5340/1920/1819 mm
Radstand: 3150 mm
Eigen-/zul. Gesamtgewicht: 2177/3250 kg
Zuladung: 1034 kg
Anhängelast gebremst/ungebremst: 3500/750 kg
Zulässiges Zuggesamtgewicht: 6130 kg
Pritschenlänge: 1581 mm
Pritschenbreite: 1215-1560 mm
Nutzbare Fläche: 2,466 Quadratmeter
Tank: 73 Liter (Diesel)
Reifen: 4 x 255/60 R18 112T auf 18“-Alus

Sicherheit:
Regelsysteme: ABS/EBV/ESP/ASR/BA/LDW/RSR/TPMS
Airbags: 7

Geländedaten:
Bodenfreiheit: 202 mm
Böschungswinkel vorne: 29°
Hinten: 24°
Rampenwinkel: 20,4°
Wattiefe: 600 mm