„Onegin“: Gereifte Moskauer Arbeit als Erfolg für Staatsoper

Ein ganzer Schwung überwiegend junger Sängerinnen und Sänger, die noch nie am Haus gesungen haben, und eine bewährte, zugekaufte Inszenierung – und schon hat die Wiener Staatsoper einen „Eugen Onegin“ im Repertoire, der sich gewaschen hat. Dmitri Tcherniakovs aus 2006 stammende Deutung der Tschaikowsky-Oper überzeugte am Sonntagabend durch ihre herausragende Personenführung, der überwiegend ebensolche Stimmen beigestellt waren.

Optisch ist die Tcherniakov-Bühne, die der Regisseur wieder selbst gestaltete, dabei alles andere als anziehend, sondern eine Symphonie in Beige im von oben abgehängten 16:9-Format – die passende Szenerie für das beigefarbene Leben, das Tatjana und Konsorten in der russischen Einöde leben. Zugleich lässt diese horizontale Szenerie durch ihren zitierenden Konservatismus dem Spiel Raum – und diesen weiß der 50-jährige Regisseur zu füllen.

Dadurch, dass Tcherniakov die ersten fünf der sieben Bilder gänzlich im beigen Speisesaal belässt, muss er spielerische Lösungen finden – etwa eine geschickt gelöste Briefszene von Tatjana oder ein denkbar unpeinliches Duell zwischen Onegin und Lenski, in dem Letzterer in einem Gerangel der beiden Freunde zu Tode kommt. All dies sind Zeichen einer präzisen Personenführung. Bei Tcherniakov steht niemand einfach herum, alle Mikroaktionen haben Sinn, sind aufeinander bezogen, was auch für den bei „Onegin“ wichtigen Chor gilt. Ungeachtet halsbrecherischer Geschwindigkeit mancher Passagen dank eines flotten und doch weitgehend leicht geführten Orchesters durch Tomas Hanus ist dieser ein wuselnder Spielkörper und kein statisches Gruppenfoto.

Womit wir bei der Frage der Solisten wären. Beinahe alle Protagonisten stellten sich erstmals dem Staatsopernpublikum vor – und bei der großen Mehrheit war man versucht zu sagen: Warum erst jetzt? Als wahrer Glücksfall erwies sich Nicole Car als Tatjana, die für die erkrankte Tamuna Gochashvili eingesprungen war, deren Hausdebüt sich nun verzögert. Die Australierin besitzt ein durchaus schweres russisches Timbre, das sich in der Höhe aber doch, wenn vielleicht nicht wie ein Kolibri, so doch wie eine Amsel bewegen kann.

Andre Schuen, neu im Ensemble und bei seinem Haus- gleich auch mit einem Rollendebüt angetreten, stellte erneut seine stimmliche Durchschlagskraft unter Beweis, die beim Südtiroler Bariton einzig noch etwas durch ein hölzernes und hüftsteifes Spiel konterkariert wird. Sein Compadre aus der heurigen Salzburger-Sensations-„Cosi“, Bogdan Volkov, ist mit seinem klaren, aber eben auch etwas dünnen Tenor an der Grenze für einen Lenski, die er bei dessen „Wohin, wohin seid ihr entschwunden?“-Arie aber absolut auslotete.

YT
Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

Und als nachgerade grandios erwies sich schließlich das Hausdebüt des Basses Dimitry Ivashchenko als Fürst Gremin, jener Partie, die zwar nur eine Arie im „Onegin“ zu singen hat, dafür aber die bekannteste. Unpolternd, klar und mit großer Eleganz empfahl sich der gebürtige Russe am Haus für sämtliche zentralen Partien seiner Stimmlage.

Nach dem umjubelten gestrigen Abend ist nun aber erst einmal Schluss mit dem vom neuen Direktor Bogdan Roscic initiierten Best-of-Feuerwerk an zugekauften Inszenierungen zum Einstand, um das Repertoire des Klassiktempels am Ring schnell auf Vordermann zu bringen. Am 13. Dezember wird es dann richtig spannend, wenn mit der Deutung von Hans Werner Henzes „Das verratene Meer“ durch Jossi Wieler und den neuen Chefdramaturgen der Staatsoper, Sergio Morabito, die erste Eigenproduktion der neuen Direktion präsentiert wird.

Wie ist Ihre Meinung?