Opernsolitär in kostbarster Fassung

Salzburger Festspiele: Enescu-Festival gipfelt in sensationeller Neudeutung von „OEdipe“

Christopher Maltman
Christopher Maltman © SF/Monika Rittershaus

Von Georgina Szeless

Aus den insgesamt neun Opernproduktionen bei den heurigen Salzburger Festspielen, die am 31. August zu Ende gehen, erwies sich die antike Oper „OEdipe“ des rumänischen Komponisten George Enescu (1881-1955) als ein herausragendes Ereignis. Erst 1936 in Paris uraufgeführt, hat sie bisher wenig Aufführungen zu verzeichnen. Das Libretto zu Enescus einziger Oper schrieb Edmond Fleg (1874-1963).

Vier Akte mit sechs Bildern, die den Ödipus-Mythos von der Geburt des Titelhelden bis zum Tod in schlüssiger Folge auf der Bühne der Felsenreitschule wiedergeben. Allein der Ort begünstigte das beeindruckende Regiekonzept von Achim Freyer, der auch für die Ausstattung, die durch antike Masken verhüllten Kostüme und das Lichtkonzept verantwortlich zeichnete. Dass er OEdipus als die schicksalsbeladene Figur in Boxershorts als ein Muskelprotz auftreten lässt, macht diesen zum unbewussten Träumer und unterstreicht den inneren Machtkampf des Siegers in der archaischen Welt der Mythologie.

Ins Zentrum des Geschehens führt Freyer den Menschen OEdipus, was auch die immanente Rätselszene der Sphinx verdeutlicht. Was ist größer als das Schicksal? Die Antwort lautet: der Mensch, worauf die Sphinx, besiegt von Ödipus, stirbt. Er ist schließlich Teil seines auferlegten Schicksals. Nach der Prophezeiung, dem Vollzug von Vatermord und Inzest bleiben große Fragen ungelöst.

Geniale Mischung aus Tradition und Avantgarde

Enescu verstand diesen schrecklichen Stoff als einen Solitär und seine Musik dazu als die Fassung dessen. Vorstellbar daher, welchen Stellenwert er der Musik und dem Text einräumte. Stilistisch gelingt dem Komponisten eine geniale Mischung aus traditionellen und avantgardistischen Mitteln, ohne dass epigonale Merkmale auch nur im Ansatz zu entdecken wären. Seine Musik spricht eine deutliche Bildersprache, wie dies hier auch die Bühne mit ihren dunklen und dann wieder farbigen Szenen, die an die Malkunst eines Hieronymus Bosch erinnern, ausleuchtet. Das Instrumentarium ist groß, auch seltene Stimmen (singende Säge) tönen aus dem Orchester, das Ingo Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker meisterhaft steuert.

Mit gleicher Inbrunst trägt er das Sängeraufgebot, aus dem Christopher Maltman in der mörderisch fordernden Rolle als OEdipe sich für alle Zeiten einprägte. Herausragend singen und agieren auch andere Kräfte in Haupt- oder Nebenpartien, wie Anaik Morel die Jocaste, Michael Colvin den Vater Laios, Brian Mulligan den Creon, John Tomlinson den Seher Teiresias, mit orgelnder Baßstimme den Wächter Tilmann Rönnebeck, den Hohen Priester aus der Arkadenhöhe David Steffens, ebenso hoch postiert den Theseus Boris Pinkhasovich, Chiara Skerath die Antigone, Anna Maria Dur die Mérope und eine sinnliche Sphinx, umgeben von kriechenden Märchentieren, Ève-Maud Hubeaux. Als Baby OEdipe mit großem Schädel windet sich Katha Platz lebensecht auf der Bühne. Grandiose Leistungen waren vom emotional mitspielenden Wiener Staarsopernchor und dem von Wolfgang Götz geleiteten Kinderchor zu hören.

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