Papst: Strenge Anwendung des Kirchenrechts gegen Missbrauch

Nach der Veröffentlichung des Münchener Missbrauchsgutachtens hat Papst Franziskus eine strenge Anwendung des Kirchenrechts im Kampf gegen Missbrauch in der Kirche befürwortet. Die Staatsanwaltschaft in München untersucht 42 Fälle von Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger. Betroffen ist auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. in seiner Zeit als Münchner Erzbischof. Die deutsche Regierung forderte von der katholischen Kirche unterdessen eine umfassende Aufarbeitung.

„Die Kirche treibt mit der Hilfe Gottes die Verpflichtung voran, den Opfern von Missbrauch durch unsere Mitglieder gerecht zu werden, indem mit besonderer Aufmerksamkeit und Strenge die vorgesehene kanonische Gesetzgebung angewandt wird“, sagte Papst Franziskus am Freitag beim Empfang von Vertretern der Glaubenskongregation im Apostolischen Palast. Die vatikanische Behörde beschäftigt sich auch mit dem Thema Missbrauch.

Franziskus nahm in seiner Ansprache nicht direkt Bezug auf das am Donnerstag von der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in München vorgestellte Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising. Der Vatikan teilte am Donnerstag mit, das Gutachten genau studieren zu wollen. Darin wird auch der emeritierte Papst Benedikt XVI. mit vier Fällen von Fehlverhalten im Umgang mit Missbrauchsfällen in seiner Zeit als Erzbischof in der Diözese belastet.

Franziskus verwies in seiner Rede vor den Vertretern auf die zurückliegende Anpassung der Normen, wodurch Kirchenvertreter, die jeglicher Art des Missbrauchs überführt werden, einfacher zur Rechenschaft gezogen werden können. „Dies allein kann nicht reichen, um das Phänomen einzudämmen, aber es bildet einen wichtigen Schritt, um Gerechtigkeit wiederherzustellen, den Skandal wiedergutzumachen und einen Täter zu ändern“, erklärte der 85-Jährige weiter.

Die deutsche Bundesregierung forderte unterdessen die katholische Kirche zu einer umfassenden und transparenten Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs auf. Eine Regierungssprecherin sagte am Freitag in Berlin, das Gutachten für das Erzbistum München und Freising mache erneut auf „erschütternde Weise“ das Ausmaß des Missbrauchs und der Pflichtverletzung kirchlicher Würdenträger deutlich. „Der Missbrauch und der anschließende Umgang mit diesen Taten macht fassungslos. Umso dringender sind nun die vollständige Aufklärung und die umfassende Aufarbeitung.“

Das Gutachten sei ein wichtiger Schritt, dem weitere Schritte folgen müssten, sagte die Sprecherin von Kanzler Olaf Scholz (SPD). „Entscheidend ist, dass das Vertrauen in den Aufarbeitungswillen der katholischen Kirche und von einzelnen Würdenträgern gestärkt wird.“

Für die Bundesregierung hätten Kindeswohl und wirksamer Schutz vor sexuellem Missbrauch höchste Priorität, sagte die Sprecherin. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bringe unendliches Leid für die Opfer mit sich. Es sei von entscheidender Bedeutung, dass sich die gesamte Gesellschaft der hohen Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen bewusst sei.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte eine konsequente Aufarbeitung. „Das ist natürlich ein langer und schwieriger Blick in den Abgrund, insbesondere, weil es um viele menschliche Schicksale geht“, sagte Söder am Freitag in München. Die Kirche müsse nun für eine schnelle und klare Aufarbeitung sorgen. Strukturen müssten so geändert werden, dass Derartiges in Zukunft verhindert werde. Und beim Umgang mit den Tätern müsse „null Toleranz“ der Maßstab sein, so Söder.

Tatsächlich prüft die Justiz derzeit, ob die Ergebnisse des Münchner Gutachtens strafrechtlich relevant sind. Die Staatsanwaltschaft München I untersuche derzeit 42 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger, bestätigte die Sprecherin der Behörde, Anne Leiding, der dpa.

Die Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten im Auftrag des Bistums verfasst hat, habe der Staatsanwaltschaft im August 2021 „41 Fälle zur Verfügung gestellt“, sagte Leiding – und einen weiteren Fall im November 2021. „Sie betreffen ausschließlich noch lebende kirchliche Verantwortungsträger und wurden stark anonymisiert übermittelt“, sagte Leiding. „Welche strafrechtlichen Normen verletzt wurden, ist noch Gegenstand der Prüfung.“

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene WSW-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., konkret und persönlich Fehlverhalten in mehreren Fällen vor.

Auch dem aktuellen Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen vorgeworfen. Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter, gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

Besonders brisant ist die Rolle Ratzingers. Denn die Gutachter gehen davon aus, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Wahrheit gesagt hat. Benedikt hatte immer wieder betont, an einer Sitzung im Jahr 1980 nicht teilgenommen zu haben, in der beschlossen wurde, dass ein Priester, der im Bistum Essen Buben missbraucht hatte, nach Bayern versetzt werden soll. Ratzinger war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising. Die Kanzlei WSW legte ein Protokoll vor, wonach Ratzinger – anders als von ihm behauptet – durchaus an der Sitzung teilgenommen hatte.

Nach Ansicht des Kinderschutzexperten Hans Zollner sollte der frühere Papst eine persönliche Erklärung abgeben. „Darin könnte er etwa sagen: Ich erinnere mich nicht, an der betreffenden Sitzung teilgenommen zu haben. Wenn ich dabei war, habe ich einen Fehler gemacht und entschuldige mich“, sagte der Jesuit und Leiter des Safeguarding-Instituts an der päpstlichen Universität Gregoriana am Freitag der Kathpress in Rom.

Von mehreren Seiten wurde am Freitag die Forderung nach einer stärkeren Kontrolle der katholischen Kirche laut. „Ich glaube nicht mehr, dass die Kirche allein die Aufarbeitung schafft“, sagte die Präsidentin des Zenralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, im Inforadio des rbb und brachte „einen Ausschuss im Parlament“ ins Spiel.

Kritiker pochen darauf, dass die Kirche in vollem Umfang dem weltlichen Recht unterworfen wird. „Nachdem das eine Never-Ending-Story zu sein scheint, sollte der Staat alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der katholischen Kirche gibt, oder sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken“, forderte der Strafrechtsprofessor Holm Putzke. Die Kirchen müssten von Gesetzes wegen genauso behandelt werden wie jede andere Vereinigung. „Für irgendeine besondere Rücksichtnahme, man kann es auch als ‚Beißhemmung‘ bezeichnen, besteht überhaupt kein Anlass“, sagte Putzke der dpa.

Seitens der Österreichischen Bischofskonferenz zeigte sich der Feldkircher Bischof Benno Elbs tief betroffen über die Münchner Missbrauchsstudie. „Das tut weh“, sagte der in der Bischofskonferenz für die Missbrauchsthematik zuständige Bischof den „Vorarlberger Nachrichten“ (Freitagausgabe) – besonders, weil man in der Kirche inzwischen alles versuche, um geschehenen Missbrauch aufzuarbeiten und künftigen zu verhindern.

Die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen sei in Österreich anders gelaufen als in anderen Ländern und offenbar auch in der Erzdiözese München-Freising, so Elbs: „Vor elf Jahren haben wir den Weg gewählt, dass Missbrauchsfälle von unabhängigen Instanzen untersucht werden.“ Damals wurde die unabhängige Opferschutzkommission unter Waltraud Klasnic geschaffen. Elbs: „Das Geschehene kann nicht wieder gutgemacht werden, aber wir können den Opfern helfen, über unabhängige Instanzen.“

Als „guten Tag für die Betroffenen“ bezeichnete unterdessen der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner die Missbrauchsstudie der Erzdiözese München. Die Studie zeige, „wie lange die Kirche gebraucht hat, den Ernst der Lage auch zu begreifen“, sagte Zulehner am Donnerstagabend in der ZiB 2 des ORF: „Es ist ein Dokument der Versäumnisse und der Verspätung.“ Er unterstrich zugleich, dass die Kirche, respektive die Erzdiözese München selbst die Studie in Auftrag gegeben habe, weil sie um Aufarbeitung bemüht sei.

Im Blick auf Österreich betonte der Pastoraltheologe, dass Kardinal Christoph Schönborn sehr früh gehandelt habe. Auch auf der katholischen Fakultät in Wien habe es ein großes Symposium mit Fachleuten gegeben, „um genau auch diese strukturelle Seite bereits hinzuweisen“.

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