Paranoia oder reale Angst

Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“ bei den Salzkammergut Festwochen

Daniel Kehlmann © APA/Kerschbaummayr

Eine Frau und ein Mann, er nimmt die Armbanduhr ab und legt sie bedeutungsschwer auf den Tisch. Es ist der 24. Dezember, die Zeit tickt, um Mitternacht könnte eine Bombe hochgehen.

Mit „Heilig Abend“ schrieb Daniel Kehlmann seine Version des Western-Klassikers „12 Uhr mittags“. Neunzig Minuten bleiben dem Vernehmungsbeamten Thomas, um aus der verdächtigen Judith die Wahrheit herauszuwringen. Oder läuft die Geschichte ganz anders? Ein inszenierter Vorwand, damit der Staat Maßnahmen zur „Sicherheit“ verschärfen kann?

Kehlmanns Bühnenthriller, inspiriert von Edward Snowdens bestürzenden Enthüllungen, war am Samstag bei den Salzkammergut Festwochen Gmunden zu gustieren. Eine halbszenische Lesung im Toscana Congress Gmunden, zugleich der Auftakt zu einem Literaturschwerpunkt, der heuer dem Autor gewidmet ist.

Die in den TV-„Vorstadtweibern“ gestählten Maria Köstlinger und Bernhard Schir hauchen dem soliden Theaterstoff bestmöglich Leben ein. Das Duo gut eingespielt, es stand bereits bei der Uraufführung 2017 in der Wiener Josefstadt gemeinsam auf der Bühne. Was sind die Regeln eines solchen Verhörs, was bedeutet Rechtsstaatlichkeit in Zeiten der Terrorangst?

Seit „Paris“ hat es sich mit freundlichen Verhören

Köstlinger verwickelt als Philosophieprofessorin Judith ihr Gegenüber in Diskussionen, Schir gibt den aggressiven, philosophisch gar nicht so unbeleckten Polizisten. Trumpisch lauert er hinter Judiths Rücken, packt sein Opfer am Nacken, am Hals. Denn seit „Paris“ — den Terroranschlägen vom 13. November 2015 — hat es sich mit freundlichen Verhörmethoden.

Knisternde Spannung wie beim Vorbild kommt bei „Heilig Abend“ nicht auf, Kehlmann überfrachtet die Figuren mit Thesen. Judith begehrt (nur theoretisch?) gegen strukturelle Gewalt auf, Armut und Hunger menschengemacht, gewalttätiger Widerstand denkbar. Alter linker Kram in Thomas’ Augen.

Judiths Täterschaft oder Unschuld bleiben ebenso wie die Existenz der Bombe offen. Paranoia mittlerweile vervielfacht durch das Internet, während Kehlmanns (und Snowdens) Warnungen vor Überwachung verhallen.

Ein Freak, wer heute noch ohne Smartphone herumläuft. Köstlinger und Schir ernteten langen Applaus.

Daniel Kehlmann am Samstag im Gespräch mit Renata Schmidtkunz (11 Uhr), Lesung aus „Tyll“ (19.30)

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