Pechschwarzer Humor unter schneeweißer Decke

Uraufführung von Martin Plattners „rand:ständig" im Landestheater

Ines Schiller (oben) und Judith Mahler
Ines Schiller (oben) und Judith Mahler © Petra Moser

Von Melanie Wagenhofer

Die (Schaumstoff-)Schneemassen (Bühne und Kostüme: Helene Payrhuber) schieben sich schichtweise Richtung Tal, wo das Publikum quasi erste Reihe fußfrei als „Katastrophenausflügler ins schneeverwehte Elend gafft“, wie es heißt — und bei der Rettung im Weg steht. Als wären die Zustände dieser Tage direkt ins Theater transferiert worden, nicht nur, weil die weiße Pracht tatsächlich alles einhüllt. Thomas Bernhard-Stipendiat Martin Plattner hat mit seinem gesellschaftskritischen Stück „rand:ständig“ abgeliefert, Tanja Regele sehr gelungen inszeniert. Kurzweilig. Viel beklatschte Uraufführung war Freitagabend in der Studiobühne des Linzer Landestheaters.

Ein genauer Beobachter unserer Gesellschaft

Die Zenzl — Lawinen tragen hier Namen — ist vom Berg heruntergekommen und hat die Randgebiete der kleinen Ortschaft und damit die der instabilen Gesellschaft unter sich begraben. Nach und nach tauchen vier namenlose Überlebende aus ihr auf: die Frau im Krautfass, alleinstehend, alles verteufelnd, was nicht hiesig ist; die Frau in der Kühltruhe, Kopftuchträgerin, schon hier geboren, aber mit fremden Wurzeln; der Bursch im Ofenloch, ein schwuler Alkoholiker, der durchs Saufen alles verloren hat; die suizidale Skischülerin, die nicht mehr aus der Lawine heraus will, nach dem Ewigen giert. Plattner ist ein genauer Beobachter unserer Gesellschaft, vor allem auch der ländlichen Welt, zeichnet seine Figuren mit viel Liebe zum Detail. Die Schauspieler tragen das Ihre zum Gelingen bei: aus dem Lawinenkegel herausragend die großartige Johanna Orsini-Rosenberg, die die Frau im Krautfass verbittert, böse und mit beißender Ironie spielt. Auch Ines Schiller als „Kopftuch“, Tim Weckenbrock als Alkoholiker („Tankstutzenlutscher“) und Judith Mahler als suizidale Skischülerin überzeugen als Isolierte, die es nicht einmal in der allergrößten Not schaffen, sich gegenseitig zu helfen, seelische Bruchstellen zu einen. Zu den Höhepunkten der 80minütigen Aufführung zählt das Erscheinen des Nebenschauplatzbeauftragten (Julian Sigl) als „Verkündigungsengel“, der die Lawinenopfer beruhigt und „betreut“.

Plattners geniale Spielchen mit Sprache

Plattner treibt seine Spielchen mit herkömmlichem Satzbau, wirbelt die Worte – beim Rezipienten Aufmerksamkeit generierend — durch die Gehirnwindungen, lässt einen originären Sprachrhythmus entstehen. Mit ironischer Verbaljonglage sorgt er dafür, dass die Botschaften nicht mit der Keule, sondern zumeist mit raffiniert entwickeltem Humor treffen, mit pechschwarzem Humor unter schneeweißer Decke.