Peter und Paul — Ein Streit verändert alles

29. Juni: Einträchtig prangen Petrus und Paulus am Heiligenkalender. In Wirklichkeit war ihr Verhältnis aber angespannt! Bis es rund um das Jahr 50 n. Chr. sogar zum offenen Streit und endgültigen Bruch zwischen den beiden biblischen Alpha-Tieren gekommen ist. Ein bis dahin alltägliches Ereignis brachte das emotionale Pulverfass Paulus zur Explosion. Ein Knall, der — wie wir heute wissen — die Geburtsstunde der Weltreligion Christentum markiert ...

Apsismosaik in der Basilika St. Paul vor den Mauern. © cenk - stock.adobe.com

Von Harald Gruber

Es war früh im Jahr 49 n. Chr. und es war früh an diesem Tag. Petrus saß mit bekehrten Heiden in Antiochia (heute türkische Stadt Antakya im Grenzgebiet zu Syrien) rund um eine Schüssel und tunkte Fladenbrot in die lauwarme Ziegenmilch. Plötzlich sah Petrus Schatten in der Tür. Er kannte die Männer aus Jerusalem, sprang auf und verließ wortlos die Tischgemeinschaft – obwohl für später auch noch ein gemeinsamer Gottesdienst geplant gewesen wäre.

Der Platzhirsch Paulus

Erst am Tag darauf tauchte der Besucher Petrus wieder in der Gemeinschaft der frühen Christen auf. Der Platzhirsch in der antiochenischen Christengemeinde, Paulus, stellte den Apostel zur Rede, wollte wissen, warum er bei Auftauchen der christlichen Gesandtschaft tags zuvor einfach weggelaufen war. War es denn nicht wenige Monate zuvor beim Apostelkonzil in Jerusalem ausdrücklich ausgemacht worden, dass Heiden sehr wohl ohne die Zwischenstufe Judentum, also ohne Beschneidung sowie ohne Einhaltung der jüdischen Reinheitsgebote bzw. Speisevorschriften Christen werden konnten und als solche mit übergetretenen Juden (Judenchristen) normalen Umgang pflegen durften? Das warf Paulus jetzt Petrus vor versammelter christlicher Gemeinschaft an den Kopf.

Unehrlich, heuchlerisch

Und, Paulus polterte eigenen Angaben im Galaterbrief zufolge noch weiter: Petrus habe „sich jetzt ins Unrecht gesetzt“, verhielte sich durch seine plötzliche Abneigung gegenüber bekehrten Heiden „unaufrichtig“ und eindeutig entgegen der Frohbotschaft Jesu Christi, wenn er aus Angst vor heuchlerischen Judenchristen jetzt weder Speisentisch noch Altar mit davor heidnischen Christus-Anhängern teilen wolle.

Soweit Paulus im Brief an die Galater. Seine Philosophie: Der Weg zur Erlösung führe allein über den Glauben an den auferstandenen Jesus Christus, nicht über die jüdischen Gesetze und Auflagen. Daher seien, so Paulus im Disput mit Petrus, bekehrte Heiden als völlig gleichwertige Anhänger zu erachten und zu achten!

Die Apostelgeschichte verschweigt den Tumult zwischen Petrus und Paulus in der verruchten, pulsierende Handelsmetropole Antiochia (damals mit 500.000 Einwohnern hinter Rom und Alexandria drittgrößte Stadt des römischen Reiches). Immerhin ist Autor Lukas durchgängig bemüht, in seiner Apostelgeschichte die Ausbreitung des Evangeliums als glatt verlaufene Erfolgsgeschichte darzustellen. In Wirklichkeit verschweigt die Apostelgeschichte damit aber ein zentrales und epochales Ereignis der Kirchengeschichte. Petrus und Paulus sollten fortan nämlich nie wieder zusammenarbeiten. Das Christentum nabelte sich unter kräftigem Zutun von Paulus sukzessive vom Judentum ab, die bekehrten Heiden gewannen zahlenmäßig und inhaltlich langsam die Oberhand. Das Christentum nahm somit um 50 n. Chr. die ersten Stufen von einem Anhängsel des Judentums zur eigenständigen Weltreligion mit heute mehr als 2 Milliarden Anhängern.

Zwei Interpretationen

Sehr wohl in der Apostelgeschichte enthalten sind die vorherigen Vorgänge beim sogenannten Apostelkonzil im Jahr 48 n. Chr. in Jerusalem. Allerdings differieren die Schlussfolgerungen aus dieser Zusammenkunft zwischen Petrus und seinen Anhängern einerseits sowie Paulus und dessen Abgesandten aus der Gemeinde von Antiochia andererseits. Paulus schreibt nämlich im Brief an die Galater, die Kirchenoberen hätten ihm beim Konzil für den weiteren Umgang mit Heiden „nichts auferlegt“, vielmehr sei es einfach zu einer Arbeitsteilung gekommen – er, Paulus, gehe mit seinen Missionaren zu den Heiden.

Er, Petrus, gehe mit seinen Missionaren in die jüdisch geprägten Landstriche. Nichts wollte Paulus also beim Konzil von Einschränkungen und jüdischen Auflagen für übergetretene Heiden gehört haben. Demgegenüber schreibt aber Lukas in der Apostelgeschichte, zumindest ein paar jüdisch geprägte Alltagsgesetze hätten bekehrte Heiden in Hinkunft zu erfüllen gehabt. Von einer Verpflichtung zur Bescheidung habe man aber, das bestätigt auch Lukas, nach „heftigem Streit“ Abstand genommen.

Papst Benedikt XVI. ist – wie Lukas – noch 2008 bemüht, die Tragweite des Zerwürfnisses zwischen Petrus und Paulus herunterzuspielen: „Bei dieser Kontroverse ging es den beiden Apostelfürsten nicht um Rechthaberei. Sie hatten zwar in dieser schwierigen Frage unterschiedliche Ansichten, fanden schließlich jedoch zu einer Einigung.“ Einigung? Dabei bezieht sich Benedikt XVI. auf eine spätere Passage im Paulusbrief an die Römer, wo auch er an die bekehrten Heiden appelliere, bei der Zusammenstellung der Mahlzeiten darauf zu achten, frühere Juden nicht zu verprellen.

Paulus bringt die Wende

Andere Exegeten versuchen aber erst gar nicht, einen Schleier über die Zerwürfnisse von Antiochia zu legen: Es war der Bruch mit dem Judentum. Es war der Bruch zwischen Paulus und Petrus. Entweder Paulus hat recht und es gab keine jüdischen Auflagen für die neuen Christen beim Apostelkonzil, oder Paulus hat etwaige Auflagen danach in der Missionspraxis kurzerhand ignoriert. Eine weitere These lautet, es habe beim Apostelkonzil tatsächlich keinerlei Einschränkungen für Paulus und seine Missionsarbeit unter den Heiden gegeben, Lukas habe in die Apostelgeschichte vielmehr einen späteren Kompromiss an der falschen Stelle eingebaut.

Wieder eine andere wissenschaftliche These besagt, das Apostelkonzil habe jeweils eigene Regeln für bekehrte Juden und bekehrte Heiden festgelegt, somit auch eine künftige Trennung der Gottesdienstfeiern. Der deutsche Theologe Christian Nürnberger titelt im Buch „Das Christentum“ in Anspielung auf die Entwicklungen nach dem Apostelkonzil jedenfalls: „Paulus, der eigentliche Kirchengründer.“ Und weiter: „Vermutlich wären die ersten Christen eine Episode geblieben, als jüdische Sekte in die Geschichte eingegangen, wenn mit Paulus nicht plötzlich ein Mann aufgetreten wäre, der alles wendete.“

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