Petrenkos Raritäten-Parade

Salzburger Festspiele: Welch ein Maestro, welch ein Orchester, welch eine Pianistin!

Beherrscht ihr Instrument auf High Heels: Yuja Wang
Beherrscht ihr Instrument auf High Heels: Yuja Wang © Salzburger Festspiele/Marco Borrelli

Von Ingo Rickl

Kirill Petrenko (46), ab Herbst 2019 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, derzeit umjubelter Musikchef der Bayrischen Staatsoper in München, ging im ersten Konzert bei den Salzburger Festspielen im Großen Haus mit Strauss und Beethoven auf Nummer sicher. Beim zweiten Konzert wählte er eine Art Raritäten-Parade von Werken, die in einer Zeit des Umbruchs entstanden, als die Romantik die Komponisten noch fest im Griff hatte, diese aber bereits in andere Ausdrucksrichtungen gingen: Paul Dukas, Sergej Prokofjew und Franz Schmidt zeigten uns ihre Welt der Gefühle.

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Mit dem Poème dansé „La Péri“ von Paul Dukas, einer Ballettmusik mit gigantischer Bläserfanfare zum Auftakt, begann der Abend spektakulär. Man könnte dieses Werk als Ouvertüre zu Igor Strawinskys erfolgreicher Ballettmusik „Le Sacre du printemps“ bezeichnen. Wie hier die verschiedenen Instrumentengruppen farbig in die Handlung einbezogen werden, ist bewundernswert. Die Berliner unter Petrenko zeigten uns aber auch die zaghaften Schritte Dukas‘ in Richtung Impressionismus.

… dass einem fallweise der Atem stockt

Nun kam eilenden Schrittes auf High Heels ein „Mödepüppchen“: die in Peking geborene Yuja Wang. Ihre Aufgabe: das dritte Klavierkonzert von Sergej Prokofjew, uraufgeführt 1921, ins Heute zu transportieren. Ähnlich wie zuvor ihre Pianistenkollegin Khatia Buniatishvili, ging sie an die Arbeit, die an geistiger und körperlicher Artistik nicht zu überbieten ist. Die Jugend wie Wang ist derart ausgebildet, dass einem fallweise der Atem stockt. Natürlich geht die Bravour der Solisten nur dann so perfekt über die Bühne, wenn Dirigent und Orchester die effektvolle Arbeit so flexibel begleiten wie diesmal. Der Jubel war laut, die Zugabe lyrisch-leise.

Schließlich kam der heute leider fast vergessene Franz Schmidt (1874-1939) aufgrund der Initiative von Kirill Petrenko endlich wieder einmal zu Aufführungsehren. Die Symphonie Nr. 4 C-Dur aus dem Jahre 1934 zeigte den Romantiker schlechthin. 1933 war Schmidts Tochter bei der Geburt seines Enkelkindes verstorben, in der „Vierten“ machte er seiner Trauer Luft, ohne je aus den Ketten der Romantik auszubrechen. Kernpunkt des genial instrumentierten, 43 Minuten dauernden Werkes, ist die Dominanz der Solo-Trompete, die mit Kraft beginnt, sich im Scherzo breitmacht und zum Finale einen Blick in die Ewigkeit gewährt. Der Trauermarsch ist — im Gegensatz zu Gustav Mahlers Pendant — nahezu aggressiv, aufbegehrend und daher kraftvoll schmerzbetont.

Hoffentlich haben Petrenko und die über jedes Lob erhabenen Berliner Philharmoniker mit dieser Interpretation eine Türe zu Franz-Schmidt-Rezeption aufgestoßen, die überfällig ist.