Pfingstfestspiele: Bildmächtige Händel-Szenen zum Auftakt

Die Schönheit, das Vergnügen, die Zeit und die Erkenntnis. Wunderbare Zutaten für den Auftakt der Salzburger Pfingstfestspiele – und die Namen der vier Protagonisten in Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“. Regisseur Robert Carsen hat das Konzertstück in heutigen, sinnlich dichten Szenen auf die Bühne im Haus für Mozart gebracht. Pünktlich zum Kultur-Neustart ist Pfingsten – und das Festival unter Cecilia Bartoli unerschüttert auf der Höhe seiner Kunst.

An szenische Lösungen für Händel-Oratorien – die oftmals dramatisch angelegt und mit viel Chor ausgestattet sind – ist man fast schon gewöhnt, bei „Il trionfo“ (etwa: „Der Triumph der Zeit und der Erkenntnis“) ist es dennoch ein Wagnis. Das frühe Oratorienwerk (1707) besteht ausschließlich aus den vier allegorischen Figuren, zwischen denen sich ein philosophischer Zwist entwickelt. Bellezza, die Schönheit, muss sich zwischen Piacere, dem Vergnügen, und Tempo, der Zeit, entscheiden, und wird dabei von Disinganno, der Erkenntnis, nachdrücklich weg vom flüchtigen Spaß und hin zur inneren Einkehr geleitet.

Aus den Allegorien macht Carsen in seiner ebenso bildmächtigen wie einfachen Erzählung Menschen aus Fleisch und Blut, den überzeitlichen Konflikt kleidet er in zeitgenössisches Gewand. Zwischen Memento Mori und „World’s Next Topmodel“: Am Anfang steht die Casting Show. Bellezza (Melissa Petit) geht als Siegerin aus einem Schaulaufen der Eitelkeiten hervor, wird von ihrer Agentin Piacere (Cecilia Bartoli) zum Feiern animiert, vom strengen, priesterlich auftretenden Tempo (Charles Workman) geängstigt und vertraut sich dem Therapeuten Disinganno (Lawrence Zazzo) an. Die Konstellation ist eigentlich statisch – doch mittels geschickter Szenenwechsel, stimmungsvoller Licht- und Spiegelelemente, geschmackvoller Videounterstützung (rocafilm) und einer versatilen Tänzertruppe (Choreographie: Rebecca Howell) arbeitet Carsen darin jenen bemerkenswerten dramatischen Zug heraus, den Händel in seiner Musik so nachdrücklich angelegt hat.

Gianluca Capuano, dem man aufgrund des spiegelnden Bühnenbilds auch frontal beim Dirigieren zuschauen kann, setzt mit seinen Musiciens du Prince-Monaco ganz auf Handlung und Dynamik. Schmelzende Soli, rasante Streitigkeiten, Tanz und Ruhe, scharfe Kontraste und eine präzis gezimmerte Hochschaubahn der Tempi. Wunderbare Arien insbesondere von Countertenor Lawrence Zazzo, der bei seinem ersten Festspielauftritt zur Erkenntnis tatsächlich zu verführen weiß, sowie von La Bartoli selbst, die als Piacere diesmal nicht die Hauptrolle für sich gewählt hat, mit „Lascia la spina“ aber die Lieblingsnummer des Stücks schlechthin zum Strahlen bringen darf.

Für ihr kraftvolles Festspieldebüt gebührend gefeiert wurde auch Melissa Petit, die bei der heurigen Pfingstausgabe auch noch als Servilia in der konzertanten „Clemenza“ zu erleben sein wird. Die junge Französin gibt ihrer wenig festgeschriebenen Rolle viel Persönlichkeit, zart, stur, angst- und hoffnungsvoll, sämtlich zu finden in den Farben ihres Soprans. Fließend und unnachgiebig wie die Zeit selbst fügt sich der Tenor von Charles Workman in ein fein in sich abgestimmtes Klangbild.

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„Il trionfo“ schrieb Händel als sein erstes Oratorium auf einer Italienreise, „Roma aeterna“ ist auch das Motto der heurigen Pfingstfestspiele, die mit „La Clemenza di Tito“ und „Tosca“ noch mit zwei weiteren Opern – allerdings konzertant – aufwarten. Im Vorjahr war das Festival corona-bedingt ausgefallen, das Publikumsmanagement in Pandemiezeiten hat man in Salzburg allerdings bereits im vergangenen Sommer perfektioniert. Und so ist das Spiegelbild des maskierten, geimpften, getesteten oder genesenen Publikums auf der Bühne kein gruseliger Anblick, sondern vielleicht der zeitgemäßeste Ausdruck des Stücks: Der Triumph der Zeit und der Einsicht. Zugunsten der Schönheit.

(S E R V I C E – „Il trionfo del tempo e del disinganno“ von Georg Friedrich Händel. Musikalische Leitung: Gianluca Capuano; Regie: Robert Carsen; Ausstattung; Gideon Davey; Choreographie: Rebecca Howell. Mit Melissa Petit, Cecilia Bartoli, Lawrence Zazzo, Charles Workman. Les Musiciens du Prince-Monaco. )

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