Philosoph Peter Sloterdijk: „Menschen haben Ernst der Lage verstanden“

Philosoph Peter Sloterdijk zur Coronakrise, den Auswirkungen und heilsamen Erfahrungen

Peter Sloterdijk: „Wenn jeder für sich sorgt, ist auch für das Gemeinwohl etwas getan.“
Peter Sloterdijk: „Wenn jeder für sich sorgt, ist auch für das Gemeinwohl etwas getan.“ © APA/Schlager

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk (72) gilt — jedenfalls dem Magazin „Cicero“, das regelmäßig eine Rangliste erstellt — als der wichtigste Intellektuelle des deutschsprachigen Raums.

Am Mittwoch sprach er bei einer Veranstaltung des Österreichischen Integrationsforums in Wien über „Krise und Zusammenhalt“.

Sie sind von Berlin angereist, geben Interviews. Lautet Ihre Devise „Back to normal“ oder begleiten Sie unsichere Gefühle dabei?

SLOTERDIJK: Ich sehe schon, dass die Herrschaft der Vorschriften noch in Kraft ist. Aber Österreich war bei den Maßnahmen und nun bei der Lockerung ein bisschen weiter als die meisten deutschen Bundesländer. Berlin war dagegen nie ein Fokus der Shutdown-Strenge.

Das Leben pulsiert auch in Wien wieder, doch alle reden von der kommenden „zweiten Welle“. Werden dann so rigide Maßnahmen wie im März nochmals möglich sein?

Ich glaube nicht daran, dass eine zweite Welle die Dynamik der ersten Welle erreichen wird. Die Menschen haben inzwischen den Ernst der Lage verstanden. Und sie müssen auch verstehen, dass jetzt ein Großteil der Verantwortung zu ihnen zurückverlagert wird. Sie werden allerdings verstanden haben, dass sie eine Machtprobe des scheinbar sanften postmodernen Verwaltungsstaates erlebt haben, der sich in seiner Natur als Machtstaat zu erkennen gegeben hat. Ich glaube, dass es für viele Bürger im Westen eine ganz heilsame Erfahrung war, mal zu sehen, dass der Staat nicht nur als oberster Garant der Steuereintreibung funktioniert. Ich glaube, das ist gar nicht so schlecht, weil es eine Lektion in Demokratiekunde enthält.

Sie haben das mächtige Muskelspiel des Staates in dieser Krise früh kritisiert, jetzt sind die Infektions-Zahlen in Österreich und Deutschland deutlich besser als in anderen Staaten. Nehmen Sie die Kritik mit diesen Erfahrungen zurück? Waren diese Entscheidungen vielleicht doch gut?

Ich glaube ja. Es war auch nicht als Kritik gemeint, sondern als deutliche Benennung der Machtmechanismen, die dabei sichtbar werden. Der Machtstaat hat sich etwas weniger mit dem üblichen Lächeln im Gesicht gezeigt, und man hat unter den Glacéhandschuhen die stählerne Faust der Exekutive gespürt. Das macht den großen Unterschied zu den Normalzeiten aus.

Sie halten den Staatsbürger für ausreichend mündig, nun selbst die Verantwortung zu übernehmen, nicht nur auf sich, sondern auch aufs Gesamtwohl zu schauen?

Ich glaube nicht, dass jetzt ein großer Mündigkeitsbeweis geführt wird, sondern es wird indirekt bewiesen, was in Bernard Mandevilles „Bienenfabel“ Anfang des 18. Jahrhunderts ausgesprochen worden war: dass Gemeinwohl paradoxerweise durch vielfachen regionalen Egoismus gefördert wird. Wenn jeder für sich sorgt, ist auch für das Gemeinwohl etwas getan. Das bedeutet, dass jeder Einzelne das Risiko minimieren möchte, der Gemeinschaft zur Last zu fallen.

Lässt sich abschätzen, was in der Gesellschaft, was in unserem Bewusstsein von dieser Krise bleiben wird?

Eines der besten Bücher, die je auf österreichischem Boden geschrieben wurden, ist die „Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell. Die beginnt bezeichnender Weise mit einer Meditation über das europäische Trauma. Das identifiziert er mit der Schwarzen Pest der Jahre 1348/49, wo Europa über ein Viertel der Bevölkerung unter grauenerregenden Bedingungen verloren hat. Friedells These ist: So etwas dringt in das Unbewusste der Kulturen ein, ändert aber an der Oberflächenstruktur der Zivilisation recht wenig, weil mit jedem Generationenwechsel die Vergesslichkeit eine neue Chance bekommt. Das wird diesmal nicht anders sein. Volle Normalisierung tritt erst ein, wenn die Leute wieder in der Stimmung sind, in der sie Überflüssiges kaufen.

Weil eine Zeit lang alle nur noch das kaufen konnten, das sie wirklich zum Leben brauchen, bricht die Wirtschaft zusammen. Was ist das für eine Gesellschaft, die auf dem Kauf von Überflüssigem basiert?

Das ist eine Gesellschaft, die den Übergang vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit zur guten Hälfte zurückgelegt hat. Ein Spaziergang durch das sommerliche Wien ist da fast eine anthropologische Lehrstunde, weil man die Menschen dabei beobachtet, wieder anzuknüpfen an den Gewohnheiten der Freiheit. Man hat das Gefühl, an jeder Ecke steht Oscar Wilde und sagt: „Man versorge mich mit Luxus, auf das Notwendige kann ich verzichten.“

Sie waren 2001 Festredner bei den Salzburger Festspielen. Die haben heuer als einziges großes Festival Europas nie aufgegeben und abgesagt und ziehen nun im August ein verkleinertes Programm durch. Sagt das auch etwas aus über Österreich und unser Kulturverständnis?

Das ist Hollywood in Österreich: The show must go on. Wie heißt es bei Richard Alewyn und in der Literaturtheorie des Barocks: „Dasein heißt eine Rolle spielen.“ Man kann Menschen durch keine Maßnahme tiefer in die Bedeutungslosigkeit und Depression stürzen, als wenn man ihnen die Gelegenheit wegnimmt, Rollen zu spielen.

Mit PETER SLOTERDIJK sprach Wolfgang Huber-Lang

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