Pittoreske Abgründe: „Der Tod in Venedig“ in der Volksoper

Sich nicht von mysteriösenden Reisenden verführen lassen, lautet ein Rat, den man von der samstagabendlichen „Der Tod in Venedig“-Premiere in der Volksoper mitnimmt. Denn für den gestrengen Dichter Gustav von Aschenbach geht in David McVicars Inszenierung von Benjamin Brittens Spätwerk – erstmals auf Deutsch – alles bergab, als er auf Anraten eines Mannes in Venedig urlaubt. Die Oper verzaubert vor allem mit ihrer malerischen Szenerie und den Performances junger Tänzer.

Die Koproduktion mit dem Royal Opera House London ist die letzte Opernpremiere unter dem scheidenden Volksopern-Direktor Robert Meyer. Thomas Mann, dessen Novelle „Der Tod in Venedig“ 1912 erschien und Benjamin Britten, dessen letzte Oper „Death in Venice“ (Uraufführung 1973) sie adaptierte, nähern sich dabei mit der Verliebtheit eines Mannes im mittleren Alter in ein Kind einem höchstproblematischem Thema an, das wohl nicht jedes Opernbesuchers Sache ist. So bezeichnete Mann selbst den Text als „Tragödie einer Entwürdigung“.

Doch nicht nur das Alter trennt die beiden Protagonisten: Der in Venedig zugrunde gehende von Aschenbach trägt über drei Stunden beinahe ständig seine Gefühlswelt nach außen. Den Part des sich wenig als Sympathieträger eignenden Dichters schrieb Britten seinem Lebenspartner Peter Pears auf den Leib. An der Volksoper schlüpft Tenor Rainer Trost in die Rolle, seine Stimme scheint auch gegen Ende kaum mitgenommen. Dabei wird er mit fiebrig-dissonanten Tönen teils vom Klavier, teils vom ganzen Orchester begleitet. Sein sorgloses Objekt der Begierde Tadzio hingegen spricht kein Wort – ihn mimt mit Victor Cagnin ein Balletttänzer aus dem Ensemble der Wiener Staatsoper.

Bühnenbild, Kostüme (beides Vicki Mortimer) und Beleuchtung (Paule Constable) vermitteln kitschiges Ansichtskarten-Flair der Jahrhundertwende – im bestmöglichen Sinne. Wie Gemälde wirken die Bildkompositionen auf der Bühne: Frauen in hochgeschlossenen Sommerkleidern mit Sonnenschirmen, Jugendliche in gestreifter Bademode, Männer in hellen Anzügen und im Hintergrund ein Meer, das fast so schön glänzt wie das Original.

Vor diesem Hintergrund findet eine Gruppen-Tanzsequenz statt, in der Anmut und Kraft der männlichen Jugend zelebriert wird. Spätestens dann ist es um von Aschenbach geschehen, der – kurz bevor der Vorhang fällt und es in die Pause geht – sich im einzigen gesprochenen Satz eingesteht, in Tadzio verliebt zu sein. So schön die Choreographie und der Tanz auch sind, bleibt es doch befremdlich, wie die Jugendlichen dabei dargestellt werden – nämlich durch einen männlichen Blick, wie es ansonsten Frauen vorbehalten ist. Letztere sind hier allenfalls Statistinnen.

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Die Heiterkeit des idealisierten Urlaubs anno 1911 verliert „Der Tod in Venedig“ allmählich. Schon bei der Anreise per Gondel wähnt sich von Aschenbach durch den Fährmann Charon über den Totenfluss der griechischen Mythologie gebracht. Unterstrichen wird das vom Bühnenbild – im von Säulen umrahmten Venedig herrscht nun finstere Nacht. Bassbariton Martin Winkler kehrt als Gondoliere wieder, er schickte den dem Untergang geweihten Dichter zuvor als rätselhafter Reisender gen Süden. Uneindeutig bleibt, dass Winkler diesen Todesboten mit jeder Rolle – später unter anderem als Hotelmanager und Friseur – verkörpert.

Von dem einst so ernsten Dichter von Aschenbach ist am Ende des Urlaubs, in dem er sich eigentlich nur der Muße widmen wollte, wenig übrig. In seiner Liebe zum jungen Tadzio ignoriert er sogar die Präsenz der Cholera in Venedig. Die erinnert natürlich an die aktuelle Pandemie, deretwegen die Premiere um ein Jahr verschoben werden musste. Als Vorsichtsmaßnahmen gegen die Seuche auf der Bühne verlesen wurden, konnte sich so mancher Zuseher ein Lachen nicht verkneifen. Fatal ist die Situation allerdings für von Aschenbach: Der Cholera-Tod wirkt für ihn am Ende wie der einzig mögliche Ausweg.

(S E R V I C E – „Der Tod in Venedig“ von Benjamin Britten nach der gleichnamigen Novelle von Thomas Mann. Text: Myfanwy Piper, Übersetzung: Hans Keller und Claus Henneberg, Dirigent: Gerrit Prießnitz, Inszenierung: David McVicar, Bühnenbild und Kostüme: Vicki Mortimer, Choreographie: Lynn Page, Licht: Paule Constable. Mit: Rainer Trost (Gustav von Aschenbach), Martin Winkler (Der Reisende), Thomas Lichtenecker (Die Stimme des Apollo), Victor Cagnin (Tadzio), Flavio Paciscopi (Jaschiu). Volksoper Wien, Wien 9, Währinger Straße 78, Weitere Termine: 17., 21., 24., 28. und 31. Mai, )

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