Ein lobenswerter Antisemit

Islamische Milli-Görüs-Gemeinschaft öffnet sich für Kritik, bricht aber nicht mit Gründer Erbakan

Wie umgehen mit dem islamistischen Gründervater? Während sich Milli-Görüs-General Altas in Wien von Antisemitismus distanzierte, warb seine Organisation im Web für die am selben Abend geplante Würdigung von Milli-Görüs-Ikonen wie den Antisemiten Erbakan.
Wie umgehen mit dem islamistischen Gründervater? Während sich Milli-Görüs-General Altas in Wien von Antisemitismus distanzierte, warb seine Organisation im Web für die am selben Abend geplante Würdigung von Milli-Görüs-Ikonen wie den Antisemiten Erbakan. © Screenshot: Youtube

Heiko Heinisch war „einigermaßen überrascht“: Das Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) wurde im November von Abdi Tasdögen, Vorsitzender der Islamischen Föderation (IF), dem Österreichi-Ableger der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), zum Gespräch eingeladen.

Bisher galt bei Milli Görüs für Kritiker das Prinzip Funkstille. Der Historiker Heinisch war mit Fragen für Studien über die etwa in Bayern als „verfassungsfeindlich“ eingestufte Organisation ebenso abgeblitzt wie Journalisten. Die oberösterreichische IF erklärte sogar einmal öffentlich, VOLKSBLATT-Anfragen grundsätzlich nicht zu beantworten. Auch das gilt inzwischen nicht mehr.

Neue Dialogbereitschaft

Bei einer Podiumsdiskussion im Wiener Hilton-Hotel stellten sich IF und IGMG am Samstag erstmals Kritikern, die ihr den Antisemitismus und Islamismus ihres vor elf Jahren verstorbenen türkischen Vordenkers Necmettin Erbakan vorhalten.

Anlass der Veranstaltung war ein DPI-Report, welcher der IF bzw. IGMG eine Nähe zur von Erbakan gegründeten Milli-Görüs-Bewegung und deren islamistischer Saadet-Partei attestiert. IF-Vorsitzender Tasdögen wertet das als Beispiel für die von der Bundesregierung angeblich betriebene „Ausgrenzung“ und stellt jede Verbindung zu den türkischen Organisationen in Abrede.

Auch wenn es eine solche formal nicht gibt: In der Vergangenheit war Saadet der IF durchaus willkommen. So solidarisierten sich etwa IF-Vertreter mit einem 2019 wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation verurteilten Welser, der den oö. Saadet-Ableger geleitet und bei Wahlen der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) für die IF kandidiert hatte. Erst im Oktober referierte bei einer Tagung der IF-Jugend am Wolfgangsee ein Ex-Saadet-Politiker.

Inzwischen präsentiert sich Milli Görüs aber als Organisation im Wandel, wobei umstritten ist, ob dies ein ehrlicher oder bloß taktischer ist. Immerhin distanziert sich der aus Köln angereiste IGMG-Generalsekretär Bekir Altas von Erbakans Antisemitismus. Aber ganz brechen mit dem türkischen Milli-Görüs-Gründer will er nicht: „Wir versuchen den Spagat, das Gute von Erbakan zu übernehmen und das, was wir heute als problematisch betrachten, viel stärker zu diskutieren.“

Aber was ist gut an einem Weltbild, welches auf der Überzeugung basiert, dass „die Juden seit 5700 Jahren die Welt regieren“ und die einzig richtige Weltordnung eine islamische ist? Altas verweist darauf, dass Erbakan die Muslime in der Türkei in das demokratische System integriert habe. Freilich mit dem Effekt, dass ein früherer Erbakan-Jünger — Recep Tayyip Erdogan —die Türkei entdemokratisiert und reislamisiert hat.

„Wandel sichtbar machen“

Auch Kritiker würdigen die neue Dialogbereitschaft. Für Heinisch zeigt die Tagung, „dass sich tatsächlich etwas ändert“, weil auch Kritiker wie er dazu eingeladen wurden. Mouhanad Khorchide, liberaler Islamwissenschafter und Leiter des Wissenschaftlichen Beirates der DPI, spricht von einem „optimalen Anfang“, fordert aber, „dafür zu sorgen, dass der Wandel sichtbar gemacht wird“. Khorchide würde sich wünschen, dass etwa bei antisemitischen oder islamistischen Vorfällen „der Protest aus der muslimischen Gemeinde selbst kommt“. Derzeit wird — was schon ein Fortschritt ist — nur reagiert, wenn zufällig ein Journalist aufmerksam wird.

Auch dem nach eigener Definition linken Politologen Thomas Schmidinger fehlt eine konkrete selbstkritische Auseinandersetzung, wenngleich er mit Verweis auf Martin Luther, der auch Antisemit war, nicht den totalen Bruch mit Erbakan einfordert.

Heinisch bezweifelt noch die Ernsthaftigkeit des Wandels bei Milli Görüs. „Das, was nach innen stattfindet an Diskurs, ist das Gegenteil von dem, was sie hier in der Außendarstellung bringen“, verweist der Historiker auf in Wiener Moscheen gehörte Predigten, in denen Muslimen geraten werde, „nehmt euch nicht jemanden zum Freund, der nicht dem Weg Allahs folgt.“ Das sei die Theologie, die Erbakan in die Welt gesetzt habe und die, so Heinisch, „meinem Verständnis von Sich-Intergrieren-Wollen nicht entspricht“.

„Erbakan wird weiter gelobt!“

Wie schwer sich Milli Görüs mit dem Abwerfen des Ballasts tut, zeigen die Schlussworte von IF-Chef Tasdögen, der „in aller Deutlichkeit“ sagen wollte, „dass Erbakan ein erfolgreicher Akademiker, Wissenschaftler und Politiker war, der für die türkische Gesellschaft viel geleistet hat“ und den „wir selbstverständlich weiterhin loben“ werden.

Tatsächlich startete im Web kurz nach der Tagung im Hilton das Zoom-Event „Önden Gidenler“ — zu deutsch: „Die (ins Jenseits) Vorangangenen“. Damit huldigen IGMG-Regionalgruppen weltweit jedes Jahr ihrer Säulenheiligen, allen voran dem antisemitischen Islamisten Erbakan.

Von Manfred Maurer

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