Israel: 10.000 Luftangriffe auf Gaza seit Kriegsbeginn

„Terrorziele“ der Hamas im Visier © APA/AFP/JOHN MACDOUGALL

Die israelischen Streitkräfte haben seit Beginn des Gazakriegs eigenen Angaben zufolge rund 10.000 Luftangriffe auf Ziele in dem abgeriegelten Palästinensergebiet durchgeführt. Im Gazastreifen seien unter anderem Kommandozentralen, Tunnel und Waffenlager palästinensischer Terrororganisationen Ziele gewesen, teilte das Militär am Sonntag mit. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Die Angriffe wurden auch am Sonntag fortgesetzt.

Vor gut drei Wochen hatte die Armee bereits mitgeteilt, das Militär habe seit Kriegsbeginn insgesamt mehr als 15.000 Ziele in dem Küstengebiet angegriffen. Wegen der hohen Opferzahl in der Zivilbevölkerung im Gazastreifen infolge der massiven Angriffe wächst international die Kritik am Vorgehen der israelischen Armee. Das Militär wiederum wirft der islamistischen Hamas vor, Angriffe aus Wohngebieten und Krankenhäusern heraus zu verüben und Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen.

Auslöser des aktuellen Gazakriegs war das schlimmste Massaker in der Geschichte Israels, das Terroristen der Hamas sowie anderer extremistischer Gruppen am 7. Oktober in Israel nahe der Grenze verübt hatten. Dabei wurden mehr als 1200 Menschen getötet.

Israel hat sich daher zum Ziel gesetzt, die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen zu beenden. Bei israelischen Angriffen sollen nach Angaben der Hamas-Gesundheitsbehörde bisher bereits mehr als 15.500 Menschen getötet und Tausende verletzt worden sein. Rund 80 Prozent der rund 2,2 Millionen Einwohner im dicht besiedelten Gazastreifen sind nach UN-Angaben inzwischen Binnenflüchtlinge. Seit Kriegsbeginn feuerten extremistische Palästinenser israelischen Angaben zufolge rund 10.000 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel.

Am Sonntag setzte die israelische Armee ihr Bombardement fort. Kampfflugzeuge und Hubschrauber hätten in der Nacht „Terrorziele“ angegriffen, darunter Tunnelschächte, Kommandozentralen und Waffenlager, teilte das israelische Militär in der Früh mit. Zudem habe eine von den Bodentruppen gesteuerte Kampfdrohne fünf Terroristen der islamistischen Hamas ins Visier genommen und ausgeschaltet.

Am Vortag hätten auch Israels Marineeinheiten „Terrorziele“ der Hamas angegriffen und den Einsatz der Bodentruppen flankiert, hieß es. Zu diesen Zielen gehörten terroristische Infrastruktur, Schiffe der Hamas-Marine sowie Waffen.

Seit Beginn des Gazakriegs wurden nach Angaben Israels mehr als 800 Tunnelschächte im Gazastreifen gefunden. Rund 500 davon seien bereits zerstört worden, teilte das Militär am Sonntag mit. Dabei sei unter anderem Sprengsatz eingesetzt worden. Einige der Tunnelschächte hätten strategische Einrichtungen der Hamas unterirdisch miteinander verbunden, hieß es in der Mitteilung. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

Nach Darstellung der Armee befanden sich die Tunnelschächte in zivilen Wohngebieten, teilweise neben Schulen, Kindergärten und Moscheen. In einigen seien Waffen gefunden worden. Israel wirft der Hamas vor, Zivilisten als Schutzschilde zu missbrauchen. Die Hamas weist dies zurück.

Bei einer Razzia israelischer Truppen nahe der Stadt Rafah wurden unterdessen nach palästinensischen Angaben von Behörden sieben Palästinenser getötet. Es habe zudem mehrere Verletzte gegeben, teilt das von der Hamas kontrollierte Innenministerium am Sonntag mit. Rafah liegt im Süden des Gazastreifens an der Grenze zu Ägypten.

Vertreter palästinensischer Gesundheitsbehörden erklären, mehrere Menschen seien bei nächtlichen Luftangriffen auf die ebenfalls im Süden gelegene Ortschaft Al-Kharrara in der Nähe der Stadt Khan Younis getötet worden. Bereits am Samstag hatte es Palästinensern zufolge Angriffe auf Khan Younis und Rafah mit mehreren Toten gegeben.

Binnen 24 Stunden wurden nach Angaben eines Hamas-Sprechers bei Angriffen rund 700 Menschen getötet. Der Sprecher berichtete von zahlreichen Leichen unter Trümmern. Es gebe auch große Schwierigkeiten bei der Bergung von Verletzten und deren Transport in Krankenhäuser. Kein Ort im Gazastreifen sei gegenwärtig sicher.

Der israelische Regierungsberater Mark Regev wies Vorwürfe zurück, sein Land würde im Kampf gegen die Hamas zu wenig unternehmen, um die Zivilbevölkerung in Gaza zu schützen. „Wir unternehmen maximale Anstrengungen, vielleicht sogar nie dagewesene in ähnlichen Umständen“, sagte Regev der BBC am Sonntag. Israel habe spezifische Viertel ausgewiesen, die zum Ziel von Angriffen würden und warne die Zivilisten dort im Voraus, sie zu verlassen, so Regev.

Das israelische Militär forderte die Palästinenser im Süden des Gazastreifens auf, bestimmte Regionen im Großraum von Khan Younis zu verlassen. Die Bevölkerung solle sich in bekannte Schutzeinrichtungen für Flüchtlinge westlich der Stadt begeben, heißt es. Auch weiter nach Süden in Richtung Rafah wurden die Palästinenser in der Mitteilung geschickt.

Der Pressesprecher des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF, James Elder, kritisierte die israelischen Angriffe im Gazastreifen scharf. Dort finde ein „Blutbad“ statt, das „unmoralisch“ sei und das mit „mit Sicherheit als illegal verstanden werden wird“, sagte Elder dem Nachrichtensender Al-Jazeera am Sonntag während eines Besuchs in Khan Younis. Wer das hinnehme, mache sich selbst schuldig. „Schweigen ist Mittäterschaft“, sagte der sichtlich erschütterte Elder, der teils mit zitternder Stimme sprach. Die jüngsten Angaben über sogenannten „sicheren Zonen“ für die Bevölkerung in Gaza bezeichnete Elder als „Falschdarstellung“.

Die Ausreisen von Ausländern und Palästinensern mit zweitem Pass aus dem Gazastreifen gehen indes weiter. Mehr als 600 von ihnen sollten den Grenzübergang Rafah am Sonntag überqueren und nach Ägypten einreisen. Das ging aus einer am Sonntag veröffentlichten Liste der Grenzbehörde auf palästinensischer Seite hervor.

Großbritannien will unterdessen mit Überwachungsflügen bei der Suche nach den von der Hamas in den Gazastreifen verschleppten Geiseln helfen. Das britische Militär werde Flüge „über dem östlichen Mittelmeer, einschließlich des Luftraums über Israel und Gaza“ vornehmen, erklärte das Verteidigungsministerium in London am Samstagabend. Die Flugzeuge seien unbewaffnet, hieß es weiter. Sie dienten nur der Lokalisierung von Geiseln. Angaben über den genauen Starttermin der Flüge machte es nicht.

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