UNO: Fast 1,9 Millionen Binnenflüchtlinge im Gazastreifen

Knapp zwei Monate nach Beginn des neuen Nahost-Kriegs sind laut dem UNO-Palästinenserhilfswerk UNRWA im Gazastreifen fast 1,9 Millionen Menschen auf der Flucht. Das seien mehr als 80 Prozent der Bevölkerung, erklärte das UNRWA am Montag. Fast eine Million Binnenflüchtlinge hielten sich in 99 Einrichtungen im Zentrum des Küstengebietes sowie in Khan Younis und Rafah im Süden auf. Im Gazastreifen leben über 2,2 Millionen Menschen – auf einer Fläche, die kleiner ist als Wien.

Zuletzt hatten UNO-Organisationen noch von rund 1,8 Millionen Binnenflüchtlingen gesprochen. Gut fünf Wochen nach Beginn der Bodenoffensive im Norden hat das israelische Militär seine Einsätze im Kampf gegen die islamistische Palästinenser-Organisation Hamas am Boden auf den gesamten Küstenstreifen aufgeweitet. Israel reagiert damit auf das Hamas-Massaker am 7. Oktober. Mehr als 1.200 Menschen wurden dabei und bei Kämpfen in den folgenden Tagen in Israel getötet.

Hunderttausende Palästinenser waren nach Aufforderung der israelischen Armee aus dem umkämpften Norden in den Süden geflohen, wo es nun auch verstärkt Kämpfe am Boden geben dürfte.

Wegen der hohen Opferzahl in der Zivilbevölkerung im Gazastreifen infolge der massiven Angriffe wächst international die Kritik am Vorgehen der israelischen Armee. Das Militär wiederum wirft der islamistischen Hamas vor, Angriffe aus Wohngebieten und Krankenhäusern heraus zu verüben und Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen.

Hilfsorganisationen warnen angesichts der Ausweitung der israelischen Bodeneinsätze auf den gesamten Gazastreifen vor dramatischen Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung in dem Küstengebiet. Sie kritisieren zudem die desolate humanitäre Lage dort. Keiner fühle sich sicher, wenn alle zehn Minuten Bomben fallen würden, sagte etwa der Sprecher des UNO-Kinderhilfswerks UNICEF, James Elder, am Montag dem britischen Sender BBC. Er bezeichnete die Lage als „Horror“. „Wenn ich sehe, wie ein Kind nach dem anderen hereingerollt wird, wie Eltern mit schrecklichen Kriegsverletzungen auf Bahren schreien – dann sind sie weder in Krankenhäusern noch in Unterkünften sicher“, sagte Elder. Für die Menschen im Süden des Gazastreifens komme neben der Gefahr vor Angriffen erschwerend hinzu, dass sie schon von der Flucht aus dem Norden erschöpft seien.

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Die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Mirjana Spoljaric Egger, beklagte, dass derzeit keine angemessene humanitäre Hilfe möglich sei. „Das Ausmaß des menschlichen Leids ist unerträglich“, sagte sie bei einem Besuch in dem umkämpften Palästinensergebiet. Es sei zudem inakzeptabel, dass es für die Bevölkerung keine sicheren Zufluchtsorte gebe. Auf Fotos war zu sehen, wie Menschen in provisorischen Zeltlagern und im Freien zwischen Trümmern und zerstörten Gebäuden kampierten.

Save the Children warnte vor den enormen Risiken der Kämpfe im Süden des Gazastreifens für Kinder. Nach neuen Aufforderungen von Israels Militär, Gebiete zu evakuieren, gebe es keinen einzigen sicheren Ort mehr für Kinder in Gaza, erklärte Landesdirektor Jason Lee. „Für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen wird eine beispiellose humanitäre Krise nun endgültig zur Katastrophe.“

Die Zahl der im Gazastreifen getöteten Palästinenser ist seit Kriegsbeginn nach dem 7. Oktober den Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums zufolge auf 15.899 gestiegen. Etwa 42.000 Menschen seien verletzt worden, teilte ein Sprecher am Montag mit. Tausende Menschen würden zudem weiter vermisst. Am Sonntag hatte die Behörde noch von mehr als 15.500 Toten gesprochen. Die Opferzahlen lassen sich gegenwärtig nicht unabhängig überprüfen, die Vereinten Nationen und andere Beobachter weisen aber darauf hin, dass sich die Zahlen der Behörde in der Vergangenheit als insgesamt glaubwürdig herausgestellt hätten.

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