Gestatten, wir sind die Türkis-Grünen

Koalition startet mit jüngstem Kanzler, jüngster Regierung und mit dem höchsten Frauenanteil

Die neue Bundesregierung kann mit einigen Premieren und Rekorden aufwarten: So ist sie die erste türkis-grüne Koalition in Österreich und stellt mit dem 33-jährigen ÖVP-Chef Sebastian Kurz auch in dessen zweiter Amtszeit den jüngsten Bundeskanzler. Erstmals wurden von einem Bundespräsidenten mehr Frauen als Männer angelobt: Neun der 17 Regierungsmitglieder sind weiblich — das ist eine Quote von 53 Prozent. Mit einem Durchschnittsalter von 46,5 Jahren ist es zudem die jüngste jemals angelobte Regierung. Mit nur 97 Abgeordneten hat diese Regierung den geringsten Rückhalt im Nationalrat. © HBF/Karlovits © HBF/Karlovits

Jüngster Ex-Altkanzler

1 — Sebastian Kurz (33) fügt seiner an Superlativen ohnehin nicht armen Polit-Karriere ein neues Kapitel hinzu. Der ÖVP-Chef ist der erste, der den alten Boxerspruch „They never come back“ Lügen straft und nach einer Abwahl ins Kanzleramt zurückkehrt. Davor war er unter anderem schon jüngster Außenminister, Regierungschef und Altkanzler. Für den gebürtigen Wiener Kurz war 2019 wohl ein lehrreiches Jahr, das erste seit vielen, in dem es nicht nur aufwärts ging. So soff nicht nur sein Prestigeprojekt Türkis-Blau auf Ibiza ab, er wurde auch noch von einer rot-blau-Jetzt-Mehrheit aus der Regierung verbannt.

Doch es wäre nicht Perfektionist Kurz, hätte er nicht vom ersten Moment das Comeback zielsicher im Auge gehabt. Auf die Rückkehr ins Parlament verzichtete er und tourte dafür durch das Land und schuf damit wohl schon die Basis für den späteren Wahltriumph. Von seinem Privatleben gibt Kurz gerade das nötigste preis: dass er seit vielen Jahren mit der Ministeriumsmitarbeiterin Susanne Thier liiert ist, dass sein Vater sich selbst aus der Arbeitslosigkeit herausgekämpft hat und dass er familiäre Wurzeln im Waldviertel hat, was ihm beim ländlichen Wahlvolk wohl auch nicht schadet.

Fast familiär mutet auch Kurz’ politisches Umfeld an. Seit Jahren umgibt er sich mit dem selben Beraterstab und diejenigen in der Partei, die nicht zum engsten Kreis gehören, werden wenigstens am Laufenden gehalten. So schaffte es Kurz, dass in der ÖVP eine über Jahrzehnte nicht gekannte Ruhe eingekehrt ist. Dass das auch so bleibt, wird eine der Hauptaufgaben seiner zweiten Kanzlerschaft in Koalition mit den Grünen sein.

Urgestein ist Vizekanzler

2 — Werner Kogler (58) wurde in Hartberg geboren und studierte Volkswirtschaft und Rechtswissenschaften. In den 1980er Jahren war er Gründungsmitglied der Alternativen Liste Steiermark und Österreich. Dass er zum Grünen Superstar aufsteigt, hätte man lange nicht gedacht. Der Steirer war eher der ideale Mann für die zweite Reihe, stets loyal den Ersten gegenüber, mit Tugenden wie Macken ausgezeichnet, allenfalls einmal für ein Ministeramt gebucht, sollten die Grünen eine Regierung entern. Als sich 2017 nach dem Abflug der Grünen aus dem Nationalrat alle wegduckten, blieb Kogler übrig: Er verzichtete temporär auf ein Gehalt und bemühte sich um den Aufbau einer überlebensfähigen außerparlamentarischen Opposition. Dabei half natürlich der Greta-Hype, aber man musste die Partei auch erst einmal wieder in einen Zustand bringen, dass sie oben auf der Klima-Welle surfen konnte. Kogler durchlüftete die strukturkonservativen Grünen und schickte im Frühling nicht nur sich, sondern mit der Köchin Sarah Wiener einen waschechten Promi ins Rennen um die EU-Mandate. Der in dem Ausmaß überraschende Erfolg warf die Grünen wieder in die Bahn. Kogler saß so fest im Sattel, dass er es sich leisten konnte, für die Nationalratswahl Quereinsteiger um Quereinsteiger auf wählbare Listenplätze hieven zu lassen. Selbst eine Parteiwechslerin wie Alma Zadic wurde von der Basis ohne Murren durchgewunken. Dank HC Straches „b’soffener G’schicht“ in Ibiza und der Selbstzerstörung der FPÖ bekamen die Grünen vorzeitig die Chance und kehrten in den Nationalrat zurück. Seit gestern ist Kogler nun Vizekanzler in der frisch angelobten Regierung.

Gernot Blümel

3 — Blümel (38) wurde in Wien geboren und ist in Moosbrunn im nö. Bezirk Bruck an der Leitha aufgewachsen. Der studierte Philosoph gilt als einer der fitteren Politiker des Landes. Das sollte sich 2020 auszahlen, wird Blümel, der wie Kurz aus der JVP kommt, doch nicht nur erstmals Vater und muss erstmals eine Wien-Wahl schlagen, sondern er übernimmt jetzt mit dem Finanzressort zusätzlich das wohl wichtigste Ministerium der neuen Bundesregierung.

Alexander Schallenberg

4 — Schallenberg (50) wurde in Bern (Schweiz) geboren und arbeitete seit 1997 im Außenministerium, u. a. an Österreichs EU-Vertretung in Brüssel. „Nicht Teil meiner Lebensplanung“, lautete stets die Antwort von Außenminister Schallenberg auf die Frage, ob er in der nächsten Bundesregierung sein Amt behalten werde. Der Diplomat adeliger Herkunft und Kurz-Vertraute muss nun doch umplanen: Schallenberg bleibt im türkis-grünen Kabinett Chefdiplomat.

Karl Nehammer

5 — Der neue Innenminister Nehammer (47) war zuletzt Generalsekretär der Volkspartei. Der gebürtige Wiener verdiente seine ersten politischen Sporen in St. Pölten. Eigentlich wäre es logischer gewesen, würde Nehammer das Verteidigungsressort anführen. Denn beim Heer brachte es der Schwiegersohn von TV-Legende Peter Nidetzky als Berufssoldat bis zum Leutnant. Dem Innenressort näher war schon seine Frau, die dort als Pressereferentin diente.

Heinz Faßmann

6 — Faßmann (64) wurde in Düsseldorf geboren, er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Perchtoldsdorf. Das Bildungsressort wandert nach kurzer Unterbrechung nun wieder in seine Hände. Der gebürtige Deutsche war vor seinem Wechsel in die Politik seit 2000 Professor für Angewandte Geographie, Raumforschung und Raumordnung sowie Vizerektor an der Universität Wien. Der Einstieg des 2,04-Meter-Mannes in die Politik erfolgte über die Experten-Schiene.

Elisabeth Köstinger

7 — Köstinger (41) wurde in Wolfsberg geboren und sie studierte Kommunikationswissenschaften. Sie war eines der freundlichen Gesichter der türkis-blauen Regierung, meist ein leises Lächeln im Gesicht tragend, mit Polemik sparend. Mit Köstinger gehört eine der loyalsten Weggefährtinnen von Kurz auch dessen zweitem Kabinett an. Die Umweltagenden verliert die bodenständige Kärntnerin an die Grünen, die Landwirtschaft bleibt der Bauerntochter.

Klaudia Tanner

8 — Tanner (49) wurde im nö. Scheibbs geboren und wohnt in Gresten. Die studierte Juristin war erste Frau an der Spitze des Bauernbundes, jetzt ist Tanner die erste Verteidigungsministerin in Österreich. Auf sie wartet ein steiniger Weg, erbt sie doch ein finanziell ausgehungertes Heer, dem sie nun auch noch neue Flieger beschaffen soll. Als Vertraute von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) war sie auch deren Stellvertreterin in der Landespartei.

Christine Aschbacher

9 — Aschbacher (36) übernimmt das neue Ressort für Arbeit und Familie. Sie ist wie ihre Vorgängerin Unternehmerin, dreifache Mutter und Steirerin — sie entstammt einer ÖVP-Familie in Wundschuh bei Graz. Der Unterschied zur nunmehrigen steirischen Landesrätin Juliane Bogner-Strauß: Aschbacher verfügt zusätzlich über die mächtigen Arbeitsagenden. Und mit dem AMS-Budget hat sie künftig ein wirkungsvolles Lenkungsinstrument in der Hand.

Karoline Edtstadler

10 — Edtstadler (38) ist gebürtige Salzburgerin und studierte Juristin. Erst im Juni wurde sie mit sechsstelliger Vorzugsstimmen-Anzahl vom Innenstaatssekretariat in die ÖVP-Delegationsleitung im Europaparlament gewählt, schon wird sie von Kurz wieder heim in die Regierung gerufen. Immerhin geht sich diesmal ein Ministeramt aus und mit Europa hat es auch noch zu tun. Die neue Europaministerin startet mit Yoga in den Tag und ist ein Hunde-Fan.

Margarete Schramböck

11 — Schramböck (49) wurde in St. Johann in Tirol geboren, studierte Betriebswirtschaftslehre und führte einige heimische Unternehmen. Nun startet Schramböck in in ihre zweite Amtszeit als Wirtschaftsministerin. Die meiste Aufmerksamkeit bekam sie, als sie die Debatte um Asylwerber in Lehre neu eröffnete. Die Hobby-Gärtnerin, die auch gerne reist, verfügt auch über einen Gewerbeschein als Energetikerin, obwohl sie diese Tätigkeit nie ausübte.

Susanne Raab

12 — Raab (35) wurde in Ampflwang geboren und lebt heute in Niederösterreich. Die neue Integrationsministerin ist keine Unbekannte in der Szene. Schon seit längerem widmete sich Raab als Sektionschefin diesem Thema. Über ihren Tisch gingen Vorhaben wie das Islamgesetz und das Burka-Verbot. Nun kann sie selbst die Richtung weisen, in einer Koalition mit den Grünen keine uninteressante Aufgabe, haben die Regierungspartner doch einen anderen Zugang.

Magnus Brunner

13 — Brunner (47) wurde im vorarlbergerischen Höchst geboren und saß für die ÖVP seit 2009 im Bundesrat. Jetzt wechselt der studierte Jurist und Energie-Experte als Staatssekretär ins Ministerium für Umwelt, Energie und Infrastruktur. In jungen Jahren war Brunner erfolgreicher Büroleiter des damaligen ÖVP-Landeshauptmanns Herbert Sausgruber und danach oft im Gespräch, wenn es in Vorarlberg um die Besetzung von politischen Spitzenämtern ging.

Leonore Gewessler

14 — Gewessler (42) wurde in Graz geboren und war bis vor kurzem nur Insidern bekannt. Nun bekommt sie mit dem Klimaschutzministerium die Zügel eines der zentralsten Ressorts der türkis-grünen Bundesregierung in die Hand. Die Steirerin kommt aus der Ökoecke und agiert seit ihrem Quereinstieg wie ein alter Politikhase. Gewessler, ihren Überzeugungen entsprechend deklarierter „Nachtzug-Fan“, war zuvor GF von Global 2000.

Alma Zadic

15 — Zadic (35) wurde in Tuzla (Bosnien) geboren, kam im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern zu Zeiten des Bosnien-Krieges nach Österreich und wuchs in Wien-Favoriten (10. Bezirk) auf. Sie zog 2017 für die Liste Pilz (später Jetzt) in den Nationalrat ein und war im BVT-Ausschuss aktiv. Im vergangenen Juli wechselte Zadic zu den Grünen und ist nun Justizministerin. Sie studierte Rechtswissenschaften und ist ausgebildete Fitness- und Aerobic-Trainerin.

Rudi Anschober

16 — Der Welser Anschober (59) ist eigentlich Volksschullehrer und seit Anfang der 1980er Jahre politisch aktiv bei den Grünen. Der Oberösterreicher kann als Umwelt- und Integrationslandesrat auf zwölf Jahre schwarz-grüne Partnerschaft in seinem Heimatbundesland verweisen. Bekannt wurde er vor allem durch seine jüngste Initiative für Asylwerber in Lehre und sein Anti-Atom-Engagement. Jetzt übersiedelt Anschober als Sozialminister nach Wien.

Ulrike Lunacek

17 — Lunacek (62) wurde in Krems geboren. Die Niederösterreicherin studierte Englisch- und Spanisch-Dolmetsch, engagierte sich im Frauen- und Sozialbereich, arbeitete als Journalistin und ist seit den 1990er Jahren bei den Grünen aktiv. Vor zwei Jahren führte sie die Grünen aus dem Nationalrat, jetzt zieht sie mit ihnen in ein Staatssekretariat mit Kunst- und Kulturschwerpunkt. Lunacek ist die Überraschung unter den Kabinettsmitgliedern ihrer Partei.

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