„Krieg muss ein Verlustgeschäft für Aggressor sein“

Oberösterreichs Militärkommandant Muhr zieht nach drei Jahren Dienst eine persönliche Bilanz: „Aufwertung des Bundesheeres ist gelungen“

Oberösterreichs Militärkommandant Dieter Muhr
Oberösterreichs Militärkommandant Dieter Muhr © BMLV/Meindl

VOLKSBLATT: Seit drei Jahren sind Sie verantwortlich für das oö. Bundesheer – wie sieht die Bilanz als Militärkommandant aus?

Also, meine Bilanz ist überwiegend positiv. Das messe ich auch daran, dass ich jeden Tag noch lieber in den Dienst gehe. Es ist uns in dieser Zeit vor allem gelungen, die Covid-Krise zu meistern und alle Aufgaben, die uns gestellt wurden, zu erledigen.

Welche ihrer Pläne konnten umgesetzt werden und was steht noch am Programm?

Mein erster Plan war, die Reputation und das Image des Bundesheeres dem anzupassen, was wir wirklich sind und wofür wir stehen. Ich glaube, das ist ganz gut gelungen: Es gibt in der Politik, in der Wirtschaft, bei den Partnern in Bildung und Forschung offene Türen für uns. Und das, was wir sagen, findet auch Gehör. Priorität hatte die Verbesserung der Infrastruktur, die Standorte sind gesichert und werden modernisiert – die Garnisonstraße mit der Stellung in Linz, die Kasernen Ried und Freistadt oder die Übungs- und Schießplätze. In Hörsching wird in den Flugplatz investiert. Es wird zudem eine Personaloffensive vom Ministerium geben, um den Dienst attraktiver zu machen. Das heißt, es muss für alle Bediensteten eine finanzielle Besserstellung geben, um die Teuerung abzugelten. Das ist in anderen Berufsgruppen genauso. Weiters gibt es Modernisierungen bei Waffen, Gerät und Ausrüstung – Stichwort Hubschrauber, Transportflugzeug oder die Panzer in Wels und in Ried. Was mich besonders freut, ist die Entwicklung der Militärmusik, hier gehen wir andere Wege mit neuen Methoden, die auch sehr gut ankommen. Wir haben gerade eine Zeitenwende und das Heer wird bei den Kernaufgaben noch gestärkt werden, damit wir den Standard einer modernen Armee erreichen können.

Das Bundesheer-Budget wurde zuletzt doch ordentlich erhöht, merkt man davon auch schon etwas in OÖ?

Ja, man merkt das – vor allem im Bau- und Infrastrukturbereich können bereits erste Investitionen getätigt werden. Das merken wir sofort, weil diese Projektpläne seit Jahren fertig sind. Bei Waffen und Gerät geht auch schon etwas weiter. Aber es wird noch mehr kommen. Es werden jetzt Gesetze geschaffen, damit die Investitionen über die nächsten Jahre auch abgesichert sind. Verteidigungsministerin Klaudia Tanner geht es dabei vor allem um eine nachhaltige Finanzierung auf breiter politischer Grundlage.

Nach dem Ausrangieren der Saab 105, die ja in Hörsching stationiert waren, sollen nun doch neue Übungsflugzeuge angeschafft werden – wie sinnvoll ist das?

Natürlich sind Ausbildungsflugzeuge sehr sinnvoll, weil diese Flugzeuge natürlich im Betrieb nicht so teuer kommen wie beispielsweise ein Eurofighter. Diese Flugzeuge sind aber auch dafür vorgesehen, dass sie die Luftraumüberwachung mitbedienen. Die sollen in Oberösterreich stationiert sein, damit ein Teil südlich und ein Teil nördlich des Alpenhauptkamms operieren kann, was wiederum wegen der Topografie unseres Landes sinnvoll ist. Außerdem haben wir mit Hörsching einen leistungsfähigen Militärflughafen, der auch funktioniert, falls einmal der Strom ausfällt oder bei einer Krise. Auch bezüglich der drei Transportflugzeuge C-130 „Hercules“ gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Nachbeschaffung auseinandersetzt. Diese Flugzeuge transportieren meist Material zu Auslandseinsätzen nach Mali oder in den Libanon. Mit der „Hercules“ werden in einem speziellen Sanitätscontainer außerdem verletzte oder erkrankte Soldaten zurück nach Hause geholt. Für die Neuerungen muss der Fliegerhorst Hörsching entsprechend ausgebaut werden. Das bedeutet weiters eine Aufwertung unserer Fliegerwerft, die mit einem perfekt eingespielten Team alle Flächenflugzeuge und Hubschrauber wartet.

Der Fliegerhorst Vogler in Hörsching soll eine autarke Kaserne werden – wie darf sich das ein Laie vorstellen?

Ganz einfach: Wir können uns für eine Zeitlang – 14 Tage sind das Ziel – selbst versorgen, also heizen, kühlen und die Sicherheit aufrecht halten. Wir haben etwa ein eigenes Heizwerk, für den Strom haben wir Dieselaggregate mit eigenen Tanklagern am Flughafen und für die Wasserversorgung gibt’s ein Wasserwerk, das unterirdisch gespeist wird. Unser Hauptproblem ist eigentlich die Verpflegung: Zwar haben wir eine sogenannte Astronautennahrung, aber die nötige Lagerkapazität fehlt noch. Wenn das Internet oder Telefon ausfallen sollten, dann liegt das nicht in unserem Bereich, aber dafür haben wir eine funktionierende interne Kommunikation mittels Funk. Wir sind also für 14 Tage führungsfähig und können auch den Flughafen absichern. Darüber hinaus wird Hörsching künftig zu einer Sicherheitsinsel, das bedeutet, dass im Ernstfall auch andere Blaulichtorganisationen von uns mitversorgt werden können.

Welche Bedrohungen gibt es für Österreich und worauf muss man angesichts des aktuellen Ukraine-Krieges besonders achten?

Bedrohungen, die uns künftig betreffen könnten, kann man aus dem aktuellen Konflikt ableiten. Es geht darum, politische Ziele zu verwirklichen und dazu verwendet man diplomatische, energiemäßige und militärische Instrumente: Fake News, Angriffe auf Infrastruktur und Zivilbevölkerung, Cyberattacken, in Misskredit bringen, Instrumentalisierung von internationalen Organisationen – da wird das ganze vorhandene Repertoire ausgenutzt. Und das betrifft jetzt auch schon unsere Gesellschaft, etwa bei der Migration oder beim Einfluss auf Wahlen und Wählerverhalten, etc. Darauf müssen wir uns einstellen, und wer glaubt, dass da das Militär keine Rolle spielt, der irrt.

Was ist kriegsentscheidend – Flugzeuge und Panzer oder Computer und Drohnen auf dem digitalen Schlachtfeld?

Alles zusammen, die Vernetzung aller „Waffen“ bringt Überlegenheit – und natürlich das Personal, das mit allem umgehen können muss. Wenn man sich den Ukraine-Krieg anschaut, kann man folgendes feststellen: Qualität siegt vor Quantität – und Technologie, Zusammenwirken und Auftragstaktik sind den herkömmlichen militärischen Vorgehensweisen einfach überlegen. Funktionieren tut das aber trotzdem nur, wenn man Durchhaltewillen, Einsatzwillen und Leidensfähigkeit hat, wie das in diesem Fall die ukrainische Bevölkerung und die Führung zeigen. Denn ohne den nötigen Verteidigungswillen würde das Ganze so nicht funktionieren – dann brauche ich auch keine Flugzeuge, Panzer oder Computer. Die Ukrainer haben vor allem den moralischen Vorteil, sie wissen, wofür sie kämpfen und auch sterben. Auch bei einem Waffenstillstand in der Ukraine wäre der dahinterliegende Konflikt nicht gelöst. Letztlich muss ein Krieg aber immer ein Verlustgeschäft für den Aggressor sein. Selbst die Rüstungsindustrie verdient nicht mehr so viel wie früher, weil in einer hochtechnologischen Welt die Kosten für den Wiederaufbau in keinem Verhältnis zum möglichen Gewinn stehen.

Im Jänner jährt sich die Volksbefragung zur Wehrpflicht zum zehnten Mal. Wie sehen Sie die Zukunft – Wehrpflicht oder doch Berufsheer?

Diese Frage stellt sich derzeit nicht: Die Bevölkerung hat sich für die Wehrpflicht entscheiden und das hat sich bisher bewährt. Leider ist das freiwillige Milizsystem mit wiederkehrenden Übungen derzeit ziemlich ausgedünnt. Das Berufsheer war einst verknüpft mit einem diskutierten NATO-Beitritt. Das scheitert aber zum einen an der Neutralität Österreichs – diese wird hierzulande hochgehalten – und an der nötigen Zweidrittelmehrheit im Nationalrat, die es derzeit nicht gibt. In Oberösterreich haben wir übrigens aktuell 1800 Grundwehrdiener, die jährlich einrücken und rund 2000 Soldaten inklusive Zivilbedienstete.

Bleibt unser Heer weiterhin für Hilfseinsätze wie bei Hochwasser, anderen Katastrophen oder im Winter einsatzbereit?

Ja natürlich! Alles, was von der Auftragserfüllung in unserem Kerngeschäft übrigbleibt, kann für diese Einsätze aufgewendet werden. Man muss aber festhalten, das Bundesheer ist stark ausgelastet, wir müssen ja noch den Migrationseinsatz machen, da stellen wir alles, was möglich ist, für die Grenzsicherung im Burgenland ab. Jede freie Zeit, die bleibt, stellen wir natürlich für zivile Hilfsdienste zur Verfügung.

Mit OÖ-Militärkommandant DIETER MUHR sprach Harald Engelsberger

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