Vor Samstag-Demo: „Sollten viel öfter auf die Straße gehen“

Zeynep Buyrac (Burgtheater/SOS Mitmensch) und Erich Fenninger (Volkshilfe) © APA/EVA MANHART

Am Samstag (23. März) möchte eine Demonstration in Wien „ein Zeichen gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und Hetze“ setzen. „Wir wollen ein offenes, menschenrechtsreiches und klimagerechtes Österreich, ein Land des gegenseitigen Respekts und Miteinanders“, heißt es in dem Aufruf, den das Burgtheater mitunterschrieben hat. Burgschauspielerin Zeynep Buyraç ist gleich zweifach auf der Unterstützerliste vertreten. Seit kurzem ist sie Vorsitzende von SOS Mitmensch.

„Kunst- und Kulturschaffende haben die Verpflichtung, aufzuklären und Position zu beziehen – sie genießen auch die verfassungsrechtliche Freiheit. Und wir als das Burgtheater nehmen diese Verpflichtung sehr ernst“, sagt die aus der Türkei stammende Schauspielerin, die künftig nicht nur auf der Bühne, sondern auch im öffentlichen Diskurs ihre Stimme erheben möchte. „Das größte Anliegen von SOS Mitmensch ist die Gleichberechtigung aller Menschen in diesem Land. Jeglicher Versuch einer Ungleichbehandlung ist zu hinterfragen. Ich finde, dass wir viel öfter auf die Straße gehen sollten. Weil das einfach unser Recht ist. Wir sollten nicht vergessen, dass das wirklich nicht selbstverständlich ist.“

Beim Lichtermeer, das 1993 aus der Zivilgesellschaft gegen die ausländerfeindliche Politik der FPÖ organisiert wurde und die Geburtsstunde von SOS Mitmensch bildete, sei sie noch nicht in Österreich gewesen, sagt Buyraç. Erich Fenninger war dabei. Der Sozialarbeiter ist seit 2003 Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe Österreich. „Vor kurzem wurde ‚31 Jahre Lichtermeer‘ gefeiert, und ein kleiner Kreis von damals hat sich getroffen und erinnert. Das war damals extrem wichtig. Die Frage heute muss lauten: Haben wir das Recht zu schweigen oder die Verpflichtung, uns zu äußern? Wenn wir sehen, dass wir so weit wie noch nie in der Zweiten Republik am Abgrund stehen, dann haben wir nicht das Recht, zu Hause zu bleiben. Wir müssen raus und sagen: Wir wollen die Demokratie verteidigen, und wir wollen keine Koalition mit dem Rechtsextremismus. Die Gefahr ist die Legitimation von sozialer Ungleichheit und Unwertigkeit.“

Sie glaube nicht, „dass es ein homogenes Österreich gibt. Es sind unterschiedliche politische Haltungen, unterschiedliche Bedürfnisse, aber auch unterschiedliche Ängste“, meint Buyraç im Gespräch mit der APA. Das müsse berücksichtigt werden. Ausgrenzung sei der falsche Weg. „Wir als Gesellschaft verändern uns permanent, das ist gut so und soll auch sein. Angst vor Veränderung zu haben, weil man Stimmen verlieren würde – dieser Plan geht nicht auf, wie wir jetzt sehen. Nur auf der sicheren Seite sein zu wollen, kostet am Ende des Tages vielen Parteien viele Stimmen.“

Zuletzt hat die KPÖ plus in Salzburg stark dazugewonnen. Als Grund des Wahlerfolgs wurde allgemein weniger das politische Programm als das unmittelbare soziale Engagement des Spitzenkandidaten genannt. „Ich würde mir wünschen, dass Parteien und politische Vertretungen eine Ahnung haben von den sozialen Realitäten der Leute – wie es die KP in Graz und Salzburg offenbar vermittelt. Und ich würde mir wünschen, dass auf der politischen Ebene strukturelle Benachteiligungen beseitigt würden“, so Fenninger. „Wir sehen seit Jahren in Österreich wie in Europa, dass die Lebensrealitäten von Menschen mit geringerem Einkommen sich dramatisch verschlechtert haben.“

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Dass Extremisten jeder Couleurs vor allem auf das Internet setzen und dort sehr erfolgreich Hass schüren, lässt das eine herkömmliche Demonstration nicht wie ein überholtes Mittel im politischen Kampf aussehen? „Es gibt das Bedürfnis, im Dialog und in der Zusammenarbeit Dinge zu bewegen. Auf die Straße zu gehen ist nicht old fashioned“, hält Fenninger dagegen. „Natürlich ist es auch wichtig, sich im Netz zu bewegen, aber für eine große Web-Offensive fehlt uns das Kapital.“ – „Ich glaube, dass wir, was die digitale Welt angeht, mit den Gesetzen ziemlich hinterher hinken. Im Grunde genommen kann man heute alles behaupten, und es hat keinerlei Konsequenzen. Da müssen wir uns auch wappnen, was die Gesetze betrifft. In der Pandemie ging jede Meinung als Fakt durch. Natürlich haben wir alle ein Recht auf eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten“, sagt Buyraç.

Fakt ist, dass am Theater auf der Bühne der Weltveränderungsanspruch oft deutlich stärker zum Ausdruck kommt als hinter den Kulissen. Film und Theater standen zuletzt im Zeichen neu aufflammender Debatten über unwürdige Arbeitsbedingungen. „Wir können nicht für etwas auf die Straße gehen, was wir selber gar nicht leben“, räumt die Schauspielerin ein. „Was mich bei der jetzigen Metoo-Debatte schockiert hat, war die Aussage: Vor 20 Jahren war das alles anders. Das ist weder eine Entschuldigung noch eine Ausrede. Auch vor 20 Jahren hätte man sich korrekt verhalten müssen! Uns wird jetzt erst bewusst, was alles früher nicht in Ordnung war. Wir hier im Burgtheater verpflichten uns, wenn wir unsere Verträge unterschreiben, zu einer Verantwortung und zu einem respektvollen Umgang miteinander. Es ist ganz wichtig, dass wir uns bemühen, uns daran zu halten. Sonst ist auch das, was wir auf der Bühne machen, nicht wahrhaftig.“

Immerhin werde versucht, den Veränderungen der Gesellschaft auch inhaltlich wie personell Rechnung zu tragen, sagt Zeynep Buyraç, die auch unter dem neuen Burgtheaterdirektor im Ensemble bleibt. „Etwas anderes als mehr Diversität bleibt uns gar nicht übrig, wenn wir als Theater gesellschaftlich relevant bleiben wollen. Alles andere hat mit der Realität unserer Gesellschaft nichts mehr zu tun. Jetzt ist die Aufgabe, und da ist nach Martin Kušej nun auch Stefan Bachmann sehr dahinter, dass es nicht nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sondern dass auch die Umsetzung gelingt.“

Beim Lichtermeer am 23. Jänner 1993 waren je nach Schätzung 200.000 bis 300.000 Menschen auf den Heldenplatz gekommen. Was werden die Organisatoren am 23. März als Erfolg werten? Erich Fenninger: „Es ist schon ein Erfolg, dass wir uns trauen, die Dinge zu analysieren und unsere Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Wir haben über 100 Institutionen, die uns unterstützen. Sich auf eine zahlenmäßige Erwartung festzulegen, ist schwierig. Ich bin zufrieden, wenn Tausende kommen und wir eine gewisse Dynamik entfachen. Wir wollen als Zivilgesellschaft mitgestalten.“

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