Poschners Sieg

Brucknerfest: Frenetischer Beifall für das Bruckner Orchester beim Eröffnungskonzert

Arbeitete für Bruckners „Sechste“ mit seinem gesamten gestischen Repertoire: Bruckner Orchester-Chefdirigent Markus Poschner.
Arbeitete für Bruckners „Sechste“ mit seinem gesamten gestischen Repertoire: Bruckner Orchester-Chefdirigent Markus Poschner. © Reinhard Winkler

Dem Festthema „Kontroverse“ gemäß spielte das Bruckner Orchester Linz unter seinem Chefdirigenten Markus Poschner am Eröffnungsabend des Brucknerfestes im coronabedingt nicht einmal halb besetzten Großen Saal des Linzer Brucknerhauses die in Wagners Todesjahr 1883 entstandene Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90 von Johannes Brahms und nach einer Pause die Sinfonie Nr. 6 A-Dur WAB 106 von Anton Bruckner.

Sturm und Drang

Zwei Werke, wiewohl zeitlich nicht weit entfernt voneinander entstanden, doch von ganz anderer formaler und inhaltlicher Grundhaltung. Die Aufführungen machten den Unterschied mehr als deutlich.

Auch Poschner ließ es bei sich selbst spüren, dass eine ganz andere Herangehensweise für die beiden Sinfonien von Bedeutung ist. Und gleich zu Beginn hatte er bei Brahms einige Mühe, seinen gewohnt exzellent spielenden Musikern in allen Stimmen die für die Homogenität erforderliche Präzision abzuringen.

Man hörte im Kopfsatz zu sehr eine „Brahmssche Eroica“, ein heldisch-kämpferisches Spiel, hörte im Andante kaum die Andacht von Piani und dachte beim Allegretto wenig an einen lustigen Tanz der Elfen. Von einer naturalistischen Fantasie der Makart-Zeit in der Musik oder einem poetischen Programm war nichts zu entdecken in Poschners Sturm-und-Drang-Darstellung.

Aber man kann die Sinfonie heute natürlich anders in ihren rein musikalischen Werten anlegen, ohne dass der einheitliche Gedankenfluss da und dort ins Stocken gerät und den Spannungsbogen unterbricht, was nicht durchwegs gelungen ist. Die in der Coronazeit unübliche Pause nach Brahms tat besonders gut.

Bruckner im Blut

Man soll zwar Dirigenten nicht als Spezialisten bezeichnen, aber die Affinität zu einem Werk spielt halt auch bei Bruckner eine große Rolle. Und Markus Poschner hat für seinen persönlichen Zugang zu Bruckner schon viel Achtung erfahren, die ihm auch dieses Mal wieder ausgesprochen werden muss. Die selten aufgeführte „Sechste“ hat er im Blut, phrasiert die Sinfonie aus dem Herzen und packte auch jetzt sein gesamtes gestisches Repertoire aus, wie es sich für ein Brucknerfest gehört.

Er spielt das Werk nicht ganz einfach im Durchlauf herunter, sondern feilt ständig an der Feinzeichnung von Themen und Motiven, so dass dadurch sämtliche gestalterischen Wege wie Tempo-Dramaturgie, Phrasierung, Klangbalance, Zäsuren im großen orchestralen Gefüge zu einem großartigen Hörerlebnis führen.

Laute Bravo-Rufe

Bruckner selbst hat seine 6. Sinfonie aus der Entstehungszeit 1879-1881 nie zur Gänze gehört. Erst nach seinem Tod 1899 hat sie Gustav Mahler aus der Taufe gehoben.

Allerdings gekürzt und in veränderter Instrumentation. Das Publikum war glücklich über Bruckner aus Poschners Hand und bedankte sich am Schluss spontan mit lauten Bravi.

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