Pralles Leben, vielfacher Tod

Ungeheuerlich, fesselnd, groß: Raffaella Romagnolos Roman „Bella Ciao“

R. Romagnolo: Bella Ciao. Diogenes, 528 S., € 24,70
R. Romagnolo: Bella Ciao. Diogenes, 528 S., € 24,70 © Diogenes Verlag

Was dem Leser als erstes auffallen könnte: das elementare Bedürfnis, zu essen. „Suez“ nennt ironisch Mutter Assunta die kümmerliche Suppe aus drei Zwiebeln, einer Rübe und einer Handvoll Kohlblätter, dazu ein „Esslöffel Essig zur Übertönung des ranzigen Geschmacks“.

Im Jahr 1900 arbeitet Assunta in der Spinnerei von Borgo di Dentro, ebenso wie ihre Tochter Giulia. Weder von Gott noch aufkommendem Sozialismus erhofft sich Assunta Erlösung von harter Arbeit und mickrigem Leben: „Der Pfarrer auf der Kanzel und der Redner mit der roten Nelke, die von Genua den Berg herauf- und dann bis Borgo di Dentro hinunterkommen, sind ihrer Meinung nach zu fett, um die Wahrheit zu kennen.“

Im Jahr 1946 kehrt Giulia, mittlerweile Mrs. Giulia Masca aus New York, mit Limousine und Chauffeur nach Borgo di Dentro zurück. Vor 45 Jahren ist Giulia über Nacht geflohen, nachdem sie ihren Verlobten Pietro und ihre engste Freundin Anita beim Küssen gesehen hatte. Mit anfangs gerade 53 Lire in der Tasche hat sich Giulia ihren „American dream“ vom Leben im Wohlstand erfüllt, ironischerweise mit dem Handel von Lebensmitteln.

Erzählerische Großtat

Die Rückkehr in die Heimat, angeblich eine Geschäftsreise mit ihrem Sohn Michael, stürzt Giulia in eine Verwirrung der Wahrnehmungen und Gefühle. Ist das noch ihre Heimat? Was geschah mit Pietro und Anita? Zwei Weltkriege und italienischer Faschismus zwischen den Zeiten, auf dem Friedhof das luxuriöse Grabmal der einst so zornigen Mutter.

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Der Roman „Bella Ciao“ (im Original „Destino“, Schicksal) ist der mit Spannung erwartete Nachfolger von Raffaella Romagnolos gefeiertem Debüt „La figlia sbagliata“ (Die falsche Tochter). Die 1971 in Casale Monferrato im Piemont geborene Autorin leistet mit „Bella Ciao“ (Übersetzung von Maja Pflug) eine erzählerische Großtat, überbrückt virtuos die Zeiten. Anschaulich, ja fast „zum Riechen“ vergangenes Leben geschildert, als wär’s das Heute.

Ein halbes Jahrhundert zieht vorüber, pralles Leben und vielfacher Tod, gespiegelt in zwei Familien. Giftgas an der Isonzo-Front, das Bild des Duce mit nacktem Oberkörper (so gleichen sich ikonische Führer-Bilder), italienische Soldaten im eisigen russischen Winter. Besudelte faschistische Parolen in Borgo di Dentro, Aufständische in den Bergen, ein Fest der Freude nach dem Krieg. Die Wiederbegegnung der „Schwestern“ Giulia und Anita: erschütternd intim und beseelt, in kurzen Sätzen und im Ungesagten zwei Leben offenbart. Ungeheuerliche, fesselnde, große europäische Literatur.

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