„Prost, Mahlzeit!“: Hier lässt sich „die Geschichte schmecken“

Nordico bietet ab heute Einblick in Geschichte der Linzer Wirtshauskultur

Wenn man die Ausstellung betritt, dann findet man sich gleich in einer zünftigen Gaststube wieder, die eine gehörige Portion Nostalgie versprüht.
Wenn man die Ausstellung betritt, dann findet man sich gleich in einer zünftigen Gaststube wieder, die eine gehörige Portion Nostalgie versprüht. © Norbert Artner

Von Andreas Huber

„Gemma’ zum Wirtn, dring ma’ ans!“ Wie oft wurde dieser Satz schon in Österreich, wo die Wirtshauskultur wohl am allerhöchsten geschätzt wird, bereits gesagt. Diese Nostalgie, dieses Wirtshausgefühl, dieser spezielle Geruch von angerösteten Zwiebeln und altem Holz: All das lässt sich (mit gar nicht so viel Fantasie) bei der neuen Ausstellung „Prost, Mahlzeit! Wirtshauskultur in Linz“ im Stadtmuseum Nordico wieder im Geiste versinnbildlichen. Heute eröffnet die Schau, die sich der Geschichte des Linzer Wirtshauses widmet und somit für die Besucher einen Einblick hinter die Kulissen dieses Grundpfeilers heimischer Alltagskultur erlaubt. Die Kuratoren Klaudia Kreslehner und Georg Thiel stellten eine Ausstellung zusammen, die mit 400 Exponaten – davon 150 Leihgaben und Schenkungen direkt aus der Linzer Bevölkerung – zeigen, wie die Gaststätten die Stadt prägten und das bis heute noch tun. „Diesen Wandel in der Kultur zu zeigen und dabei den Fokus auch auf das Jetzt zu legen, das macht das Besondere dieser Ausstellung aus“, sagte Vizebürgermeister und Wirtschaftsreferent Bernhard Baier gestern beim Presserundgang.

Gelungen inszenierte Wirtshausstube

Der erste Ausstellungsraum, der wie eine fertig eingerichtete Wirtshausstube von vor 30 Jahren daherkommt, wirkt bis ins Detail perfekt inszeniert: Holzvertäfelung, diverse Bier-Schilder an den Wänden, eine Kühl- und Schankanlage, ein Stammtisch sowie ein großer, gusseisener Luster darüber. Das Lieblingsobjekt der Kuratorin ist hier eine alte Registrierkasse. Nostalgisch. Hier denkt man so gar nicht an ein Museum. Gelungen. Gastronomie-Fachgruppenobmann Thomas Mayr-Stockinger formuliert es am treffendsten: „Es lässt sich hier wirklich die Geschichte schmecken.“ Im zweiten Raum kommt der Besucher ins „Extrazimmer“. Hier findet man Interieur aus den ehemaligen Gasthäusern Hagen am Pöstlingberg und Hauptmann in Ebelsberg. Historische, sehr fleischlastige Speisekarten erzählen von der Vergangenheit.

Ein Durchgang mit Kinderspielecke, altem Kondomautomaten, stillem Örtchen und einem Zigarettenautomaten aus den 1960ern bietet angesichts unglücklicher Raumgestaltung hier zum ersten Mal Angriffsflächen. Der nächste Raum ist dann den Akteuren in der Linzer Gastronomie gewidmet: In Videoporträts berichten Jung und Alt von den Licht- und Schattenseiten des Arbeitslebens in der Branche.

Der räumlich größte Teil der Ausstellung thematisiert das „Wirtshaus im Wandel der Zeit“. Wild und uneinheitlich sortiert, wirkt hier die Anordnung der historischen Fotos an den Wänden – teils gerahmt, teils einfach aufgeklebt – auf den ersten Blick etwas unbeholfen.

Dieser Stil passt jedoch auch ganz gut zum Thema selbst: Das Wirtshaus war ja immer auch ein Potpourri von Gesellschaftsschichten und gelebter Unregelmäßigkeit. Kann man also durchgehen lassen, muss man aber nicht.

Berührend hingegen wirkt gleich daneben eine Vitrine vom ehemaligen Gasthaus Dangl mit uralten Holzkegeln und einer persönlichen Widmung darin: „Erinnerung an Dein Elternhaus. 1909 bis 2009.“ Hier lässt sich die Geschichte wahrlich „schmecken“, sie wird greifbar. Man verweilt hier gerne ein paar Minuten.

Manche Geschichte wird greifbar und erlebbar

Nach ein paar weiteren Schritten steht man dann auch noch vor dem Sofa, auf dem am 3. Jänner 1903 Hitlers Vater an einer Lungenblutung gestorben ist. Im Gasthaus Wiesinger. Auch das lässt einen kurz innehalten und den Geist der damaligen Zeit an den Rissen der alten Ledercouch erahnen. Und in solchen Momenten ist die Ausstellung wieder ganz groß. Danach verlässt man sie auch gleich wieder, wenn man durchs ganz nett eingerichtete „Fremdenzimmer“ hindurchgeht, das einen jedoch höchstens wegen des Bettbezuges etwas schmunzeln lässt.

Fazit: In dieser facettenreichen Schau ist tatsächlich ein Zeitgeist gefangen, der durchaus bewundert werden kann. Und zwar noch bis 1. September. Zünftiges Rahmenprogramm inklusive.