Stantejsky bestreitet im Burgtheater-Prozess Bereicherung

Silvia Stantejsky, die langjährige kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, hat sich am Donnerstag am Wiener Landesgericht zum Auftakt ihres Prozesses wegen Untreue, Veruntreuung und Bilanzfälschung teilweise schuldig bekannt. Sie stellte allerdings in Abrede, sich persönlich bereichert zu haben.

Laut Anklage soll sich die 64-Jährige sogenannte Handgelder von Burg-Mitarbeitern im Ausmaß von rund 33.000 Euro und Honorare des Regisseurs David Bösch sowie des damaligen Burgtheater-Direktors Matthias Hartmann in Höhe von 185.000 bzw. 163.000 Euro zugeeignet haben. Stantejsky gab das zu, behauptete jedoch, sie habe damit “Löcher” an der finanzmaroden Burg gestopft, was sie im Nachhinein bedaure. Sie habe “immer gedacht, dass es weitergehen muss mit dem Burgtheater”. Sie habe “irgendwann nicht mehr trennen können, was von Hartmann ist, von mir, von Bösch”. Auch ein angebliches Darlehen des Betriebsrats von 77.000 Euro habe zum Bezahlen von Burgtheater-Rechnungen herhalten müssen.

“Das Burgtheater war mein Baby, mein Leben”, betonte Stantejsky, wobei ihre Stimme zu brechen drohte. Es sei in finanzieller Hinsicht “eine Scheißzeit” gewesen: “Ich wollte, dass es (das Burgtheater, Anm.) überlebt. Das Schlimmste ist für mich der Vorwurf, dass ich es geschädigt habe.”

Sie selbst habe private Mittel ins Burgtheater gesteckt und “keine Spesen, keine Ausgaben verrechnet, um die blödsinnige schwarze Null zu ermöglichen”. Zwischen 2009 und 2013 habe sie berufsbezogene Auslagen in Höhe von 110.000 Euro bestritten und diese niemals abgerechnet. Denn die entsprechenden Belege – beispielsweise Essenseinladungen, Reisekosten, Taxirechnungen oder Requisiten-Einkäufe – habe sie nach ihrer Entlassung allesamt weggeschmissen: “Ich habe von dem Burgtheater nix mehr sehen wollen. Ich war in einem Ausnahmezustand.”

Als sich Oberstaatsanwältin Veronika Standfest näher für die vorgeblich vernichteten Belege interessierte, bekräftigte Stantejsky: “Ich habe beschlossen, in meinem Wahnsinn drauf zu scheißen. Entschuldigen Sie den Ausdruck.”

Als ihre eigenen Mittel nicht mehr ausgereicht hätten, um das Burgtheater am Leben zu erhalten, “habe ich einen anderen Weg gesehen”. Da sie Zugriff auf fremdes Vermögen hatte – Hartmann hatte ihr ursprünglich Honorare in Höhe von insgesamt 273.000 Euro zum Aufbewahren übergegeben, Bösch immerhin 185.000 Euro – , “habe ich dann angefangen, es von dort zu nehmen”, schilderte die Angeklagte.

Ausdrücklich nicht geständig war Stantejsky zum Vorwurf der Bilanzfälschung. Sie habe zwar die finanzielle Lage beschönigt und “Fehldarstellungen” vorgenommen, meinte Verteidigerin Isabell Lichtenstrasser. Die Wirtschafts-und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ziehe daraus aber die falschen Schlüsse. Stantejsky sei es darum gegangen, “die miese finanzielle Lage des Burgtheaters zu bewältigen” und das Ansehen des Hauses hochzuhalten. Sie habe zumindest am Papier die Vorgaben der Bundestheater-Holding umsetzen wollen, wo man partout keine Verluste sehen wollte. Dass die “schwarze Null” in der Realität nicht möglich war, “war allen Beteiligten sonnenklar”, sagte Lichtenstrasser.

Die Verteidigerin betonte, eine psychische Erkrankung der langjährigen Burgtheater-Geschäftsführerin sei mit ausschlaggebend für die inkriminierten Tathandlungen gewesen: “Das hatte Auswirkungen auf ihre berufliche Tätigkeit.” Mit der Krankheit sei “ein nicht unerheblicher Realitätsverlust” einhergegangen.

Stantejsky selbst berichtete in ihrer stundenlangen Einvernahme als Beschuldigte, sie habe erstmals 2010 ein Coaching in Anspruch genommen, “weil ich mich vollkommen überlastet fühlte durch die Art und Weise, wie Hartmann die Geschäfte geführt hat”. 2011 habe sie sich schließlich in psychiatrische Behandlung begeben. Diese dauere bis zum heutigen Tag an. Sie nehme auch Medikamente.

Ansatzweise ließ Stantejsky immer wieder durchblicken, dass sie mit Entscheidungen des künstlerischen Burg-Chefs nicht immer einverstanden war: “Hartmann-Stücke wurden sehr lange gespielt. Die anderen waren rascher weg, weil er sich dafür geniert hat.” Ihre psychische Befindlichkeit habe sie an der Burg bewusst nicht preisgegeben: “Ich hatte die Panik, es zu sagen. Ich wusste genau, wie Hartmann reagiert.”

Stantejskys Beziehung zu Hartmann dürfte grundsätzlich angespannt gewesen sein. “Das Verhältnis war sehr davon abhängig, ob er mich gebraucht hat oder nicht”, verriet die 64-Jährige. Hartmann habe sie “bespitzelt” und sei bevorzugt dann in die Burg gekommen, nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, dass sie nicht zugegen war. Hartmann habe außerdem cholerisch und mitunter unberechenbar agiert. So erinnerte sich die Angeklagte an eine Szene, als eine Sekretärin vom Burg-Impresario entlassen wurde, nachdem sie es nicht geschafft hatte, sein defektes Handy wieder in Betrieb zu setzen.

Die Anklagevertreterin zeigte sich demgegenüber überzeugt, dass unorthodoxe Abrechnungsmethoden an der Burg das dolose Verhalten der kaufmännischen Geschäftsführerin begünstigt hatten. So war es offenbar üblich, dass sich Beschäftigte ihr Gehalt bzw. ihre Honorare wahlweise auf ein Bankkonto überweisen oder in bar ausbezahlen lassen konnten. Letzteres wurde über die Hauptkassa abgewickelt, was laut Oberstaatsanwältin Standfest von Stantejsky “sehr zentral gesteuert” und “ausgenutzt” wurde. Mit entsprechenden Zugriffen habe die Angeklagte ihren eigenen Finanzbedarf gedeckt. Stantejsky habe einen “luxuriösen Lebensstil mit teuren Urlauben” gepflogen, sagte Standfest. Obwohl sie 14 Mal im Jahr netto 7.000 Euro ins Verdienen brachte, sei Stantejsky damit in manchen Jahren deutlich nicht ausgekommen.

Im Zuge einer Gebarungsprüfung war 2013 die ausgewachsene finanzielle Schieflage am Burgtheater ans Tageslicht gekommen. Stantejsky wurde im November 2013 fristlos entlassen, im März 2014 folgte die Entlassung Hartmanns. Schließlich legte auch der Chef der Bundestheater-Holding, Georg Springer, alle Aufsichtsratsfunktionen zurück.

Während gegen Hartmann alle strafrechtlich relevanten Vorwürfe eingestellt wurden – es ging um den Verdacht der Untreue, behauptete Bilanzfälschung und grob fahrlässige Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen sowie mögliche Abgabenhinterziehungen – und auch von im Raum stehenden Anschuldigungen gegen Springer nichts übrig blieb, muss sich Stantejsky nun vor einem Schöffensenat verantworten. Ihr drohen im Fall eines Schuldspruchs bis zu zehn Jahre Haft. Die Verhandlung wird am Freitag fortgesetzt.

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