Psychedelische Verwirrspiele im mumok

Wem hier schwindelig wird, sollte nicht an seiner Wahrnehmung zweifeln: Das Wiener mumok bietet seinen Besuchern ab Freitag nämlich das Vergnügen psychedelischer Verwirrspiele. Einerseits widmet man sich unter dem Titel “Vertigo” der Kunstströmung Op Art, andererseits gibt es die erste Personale von Dorit Margreiter in Österreich zu erkunden. Zwei Präsentationen, die sich hervorragend ergänzen.

“Vertigo” (kuratiert von Eva Badura-Triska und Markus Wörgötter) bietet nicht nur einige beeindruckende Vertreter der optischen Kunst der 50er- und 60er-Jahre, sondern schlägt einen großen Bogen: Bis ins 16. Jahrhundert reicht die Auswahl, die Tafelbilder und Reliefs ebenso umfasst wie aufwendige Installationen. “Lange wurde dieser Strömung intellektuelle Anspruchslosigkeit vorgeworfen”, betonte Badura-Triska bei der Presseführung am Freitag. “Wir haben immer wieder gemerkt, wie groß das Unwissen über diese Kunst ist.” Dem wolle man “entschieden entgegentreten”.

Die Ebene im Erdgeschoß ist den gemeinhin bekannten, großteils mit geometrischer Verfremdung arbeiteten Bildern gewidmet, die im Zusammenspiel mit historischen Ansichten eine eigenwillige Sogwirkung erzeugen. Je nach Standort und Perspektive eröffnen sich für den Betrachter neue Formen. Wobei ein “Bild” keineswegs am Rahmen endet, sondern beispielsweise Bridget Rileys schwarz-weißer Punktraster “Static 1” auf den Ausstellungswänden nachwirkt, wenn man den Blick dorthin richtet. “Das Sehen ist unrein – und zwar im Sinne von lebendig”, unterstrich Wörgötter diese Wirkung.

Das wirklich physische Erlebnis gibt es allerdings zwei Stockwerke höher: In teils abgedunkelten Einbauten sind dort unzählige Installationen zu erleben, die die Op Art zum Leben erwecken. Etwa in Adolf Luthers “Laserraum” von 1970, der ganz simpel seinen Titel zum Programm erklärt, oder dem äußerst gelungenen “Licht in Bewegung” von Julio Le Parc, bei dem sich ein vom Lufthauch der Besucher angetriebenes Mobile mit zwei Lichtstrahlen zu einem glitzernden Tanz verbindet. Ist die Ausstellung selbst schon labyrinthisch angelegt, so kann man dank Gianni Colombos Beitrag zur Biennale in Venedig von 1968 komplett die Orientierung verlieren – nicht zuletzt aufgrund eines Schwarzlicht-Raumes, in dem sich die Seitenverhältnisse sukzessive verschieben.

Manch anderes Werk mag auf den ersten Blick aufgrund seiner Einfachheit aus der Reihe tanzen, allerdings sollte man sich davon nicht verunsichern lassen. Vieles erwacht nämlich nur zu bestimmten Zeitpunkten zum Leben, wenn Magnetbilder oder Neonröhren ihrem eigenen Rhythmus zu folgen scheinen. Die Dinge bleiben also im Fluss, wie Wörgötter in Bezug auf diese “offenen Kunstwerke” meinte. “Die Grenzen lösen sich auf, und der Betrachter wird zum Bestandteil des Werkes.” Zu sehen ist “Vertigo” von 25. Mai bis 26. Oktober.

Nicht ganz so durchdringend, aber auf ähnliche Weise mit Sichtachsen spielend zeigt sich “Really!” (kuratiert von Matthias Michalka): Die Ausstellung zum Werk von Dorit Margreiter ist vor allem eine Untersuchung von Architektur und medialer Repräsentation, wobei die Wiener Künstlerin im mumok hinter Glas und Reflexionen blickt. Die neue Arbeit “Mirror Maze”, eine zweiteilige Videoinstallation, ist etwa im Spiegelkabinett des Prater entstanden und lässt Farbstreifen vibrieren. In Auflösung befindlich sind hingegen die Ansichten der Fotoserie “Silicon Valley”, die den sehr handfest wirkenden Steinausschnitten von “Bearing Masonry. Concrete Block (1923)” gegenübersteht.

Kurator Michalka hob auch hier “die Frage des Sehens” hervor, wobei Margreiter auf “Prozesse der Mediatisierung unserer Gesellschaft” verweise. Den Charme einer glorreichen, aber vergangenen Ära versprüht ihr “Boulevard”, ein vierminütiger Loop, der derangierte Leuchtschilder aus Las Vegas einfängt und zu Beginn wie Ende mit kargen Wüstenaufnahmen konterkariert. Aber eigentlich ist ja nichts, wie es scheint – was auch ein ähnlich betiteltes Mobile-Set (“boulevard”) dank der integrierten Spiegel vor Augen führt. Margreiters Oeuvre lässt sich von 25. Mai bis 6. Oktober erkunden.

Für mumok-Direktorin Karola Kraus ergibt sich dank dieser Präsentationen “ein spannender und aufschlussreicher Dialog”. Beide Ausstellungen würden sich “mit Wahrnehmung, Täuschung und Illusion” auseinandersetzen, wobei “permanent andere Blickwinkel eröffnet werden”. Vor allem aber bieten “Vertigo” und “Really!” zwei lustvolle Auseinandersetzungen mit dem, was wir üblicherweise als Realität auffassen. Und das ist nicht selten ein Schwindel, wie sich zeigt.

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