Putin will bei Fußball-WM ein modernes Russland zeigen

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Ein modernes, weltoffenes Land – so will sich Russland bei der Fußball-WM vom 14. Juni bis zum 15. Juli präsentieren. Der flächenmäßig größte Staat der Erde ist erstmals Gastgeber der Endrunde. „Bei uns im Land gibt es sechs Millionen Menschen, die Fußball spielen, und viele mehr, die ihn lieben“, sagt Präsident Wladimir Putin.

Für Putin soll die WM die Bedeutung Russlands auf der sportlichen und politischen Weltbühne unterstreichen. Er behandelte das Großereignis als Chefsache wie schon zuvor die Olympischen Winterspiele in Sotschi. 2010 flog Putin als Regierungschef nach Zürich, als Russland unter anderem gegen das favorisierte England den Zuschlag des Fußball-Weltverbandes für 2018 bekam.

Anschließende Korruptionsvorwürfe beeindruckten die Russen nicht. In Moskau waren auch die andernorts kritisierten FIFA-Präsidenten immer willkommen – erst Sepp Blatter, nun auch Gianni Infantino.

Der Rückblick auf Sotschi 2014 klafft indes zwischen Russland und dem europäischen Ausland auseinander. In der westlichen Presse wurden vorher der ökologische Raubbau und die Menschenrechtslage kritisiert, hinterher verdunkelte der russische Dopingskandal das Bild. Die Russen sehen ihr Winter-Olympia bis heute als tolles Sportfest, bei dem sie gute Gastgeber waren. Dieser Zwiespalt droht auch bei der WM.

Seit 2014 ist Russlands politisches Sündenregister in westlicher Sicht immer länger geworden: Übergriffe auf die Ukraine, das brutale Eingreifen in Syrien, mutmaßliche Hackerangriffe auf den Deutschen Bundestag, Einmischung in Wahlen in den USA und Frankreich. Zuletzt hat der Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien die Stimmung zwischen Ost und West vergiftet. Andererseits ist das vor allem ein westeuropäischer Blick. In Afrika, Asien oder Lateinamerika ist das Bild Russlands nicht so negativ.

Die russische Führung ist sich ihres Images bewusst. Russland leide unter einem Informationskrieg, behauptete die Vorsitzende des Föderationsrates, Valentina Matwijenko, unlängst auf Besichtigung im WM-Spielort Wolgograd. Im ausländischen Fernsehen werde Dreck über das Land ausgekübelt. „Jetzt kommen Millionen Gäste und werden das wahre Russland sehen, die wahren Russen, und der Infokrieg wird sie nicht beeinflussen können“, hoffte sie.

Selbst ein oppositioneller Kopf wie der populäre Fußball-Kommentator Wassili Utkin plädiert dafür, Politik und die WM nicht zu eng zu verknüpfen. „Ich habe wie jeder Wähler in diesem Land meine Einwände gegen die Führung, aber nicht mehr oder nicht weniger als sonst“, sagte Utkin der Deutschen Presse-Agentur. Der Journalist ist derzeit im staatlichen Fernsehen nicht gern gesehen, dafür klingt seine Bassstimme aus den Navigationsgeräten Tausender russischer Autos.

Kein Land habe die WM boykottiert, und die ausländischen Fans hätten mit den Füßen abgestimmt: Sie kommen nach Russland, sagt Utkin. „Alle Tickets sind verkauft. Die meisten Fans kommen aus den USA, die nicht einmal mitspielen.“

Trotzdem die Rückfrage: Soll man für vier Fußballwochen vergessen, dass der Theaterregisseur Kirill Serebrennikow in Russland unter Hausarrest steht, der tschetschenische Menschenrechtler Ojub Titijew in Haft sitzt? „Ich vergesse sie keine Sekunde lang“, sagt Utkin. Aber das sei keine Frage an den Fußball. „Das müssen wir in Russland, im Rahmen unseres Systems, unserer Gesetze lösen.“

Nach den mit 40 Milliarden Euro aberwitzig teuren Winterspielen in Sotschi gibt Russland nach offiziellen Angaben noch einmal mehr als zehn Milliarden Euro für die WM aus. Viel Geld steckt in Stadien, bei denen nicht klar ist, wer sie hinterher nutzen soll. Doch als bleibender Effekt sind die Flughäfen und die Verkehrsinfrastruktur der WM-Städte modernisiert worden. Cheforganisator Arkadi Dworkowitsch rechnet vor, dass die WM als riesiges Konjunkturprogramm der russischen Wirtschaft auch durch die Krise 2014-17 geholfen habe.

Eine große Rolle in den vier Fußballwochen wird die Sicherheit spielen. Mögliche Fangewalt haben die russischen Behörden schon beim Confederations Cup im vergangenen Jahr wirkungsvoll unterbunden. Doch die Sicherheitskräfte werden auch sehr auf der Hut sein vor Terroranschlägen.

Die Herausforderung, aber auch die Chancen der Weltmeisterschaft liegen in der Entdeckung des riesigen Landes. Ähnlich wie 2014 in Brasilien muss über Tausende Kilometer gereist werden. Es gibt elf Spielorte. „Das wird toll!“, sagt Utkin. „Ein Problem in unserem Land ist, dass Touristen nur Moskau und St. Petersburg kennen.“

Nun geht es in die Provinz: Tausende brasilianische Fans wird es nach Rostow am Don verschlagen, Tausende Engländer nach Kaliningrad. Gerechnet wird mit einer halben Million ausländischer Gäste. Dazu kommen etwa 600.000 russische Fans. Das ist für Russland eine friedliche Begegnung mit dem Ausland in einer noch nie erlebten Größenordnung. Das Interesse der Russen an der WM wird auch nicht abnehmen, wenn die eigene Mannschaft im Turnier nicht sehr weit kommen sollte. Der Witz zum Thema: Für wen bist du? – Für unsere Sbornaja! – Ja, und danach?