Raffael – Magier der Schönheit

Raffaello Sanzio da Urbino liegt seit Tagen mit Fieber zu Hause. Es ist kurz vor Ostern, doch der 37-jährige päpstliche Hofmaler wird die Festtage nicht mehr erleben. In der Nacht des 6. April 1520, dem Karfreitag, stirbt Raffael, einer der größten Künstler seiner Zeit.

Von Raffael gestaltete Decken- und Wandgemälde im Vatikan © photogolfer - stock.adobe.com

Der gut aussehende Mann habe sich die tödliche Infektionskrankheit durch seinen Hang zu Vergnügungen zugezogen — so wird es der Kunsthistoriker Giorgio Vasari wenige Jahrzehnte später in einer Biografie schreiben.

Heute wird dieser Zusammenhang zwischen einem ausschweifenden Sexleben und dem Tod Raffaels von Experten ins Reich der Legende verwiesen.

Dafür betonen manche zum 500. Todestag die Aktualität des Genies der Hochrenaissance: Er war ein Jungstar, der schon als Teenager Fans und Förderer hatte. Ein Unternehmertyp, der seine Werkstatt fast wie ein Start-up führte.

Selbstporträt des großen Renaissancemeisters © AFP/Pizzoli

Ein kluger Kopf, der Bankiers, Geistliche und Frauen für sich einnahm. Und ein Denkmalschützer, der die antiken Schätze Roms vor dem Verfall bewahren wollte.

Virtuelle Schau für Raffael

Der 500. Geburtstag des Renaissancemeisters am 6. April ist für die Buchungsplattform Musement nun der Aufhänger, ein virtuelles Museum ins Leben zu rufen. Über 100 Arbeiten des Malers sind nun kostenlos und charmant aufbereitet im Internet zu betrachten, die im Original in den Uffzien von Florenz, der Sempergalerie Dresden oder in der National Gallery of Art in Washington zu finden sind.

Mit Leonardo da Vinci (1452-1519) und Michelangelo (1475-1564) bildete Raffael eine Art Dreigestirn der Renaissance. In dieser Epoche der „Wiedergeburt“ entdeckten die Menschen Werke und Wissen der Antike neu. Von Italien aus eroberte dieses Denken andere Regionen Europas.

Besonders bekannt ist Raffael für seine Madonnen-Bilder. 1483 in Urbino in den Marken als Künstlersohn geboren, entdeckt er früh den Reiz von Marien-Darstellungen. Außer seinem Vater, der stirbt, als Raffael noch ein Junge ist, gilt auch Pietro Perugino als Vorbild, der Werkstätten in Perugia und Florenz führt. Das junge Talent geht bei dem Meister in die Lehre und wächst über ihn hinaus.

Porträt einer Geliebten: „La Fornarina“ ©AFP/Fabi

Eine Frau hält ihr Baby mit sanften Händen an Po und Rücken fest. Der Kopf der Mutter legt sich lächelnd an die Wange des Kindes. Die „Madonna mit Kind/Madonna Tempi“ von 1507/08 (Alte Pinakothek/München) ist ein Beispiel, wie der Maler Natürlichkeit mit idealisiertem Gefühl und überhöhter Schönheit verbindet.

Gemalte Seelenstimmungen

Anfangs orientiert er sich etwas steif an seinen Lehrern, an bewährten Gesichtstypen und Posen. Später sucht Raffael lustbetonter und mutiger seinen eigenen Weg. Er malt eine mutmaßliche Geliebte als Bäckerstochter („La Fornarina“) und die Heldenfiguren antiker Mythen. Doch am Idealbild der Schönheit hält der Mann aus den Marken fest.

„Er gilt als Höhepunkt der Hochrenaissance für die Harmonie und Schönheit, die er in seinen Kompositionen erreicht“, erläutert der Kunsthistoriker Michael Rohlmann. Oder, wie es oft heißt, als Maler der Seelenstimmungen. „Es gibt eine enorme Entwicklung in seinem Werk von den Anfängen in Umbrien, die anmutig, zart und höfisch kultiviert waren, bis zu seiner römischen Zeit. Da war seine Kunst viel bewegter, dramatischer, rhetorischer, erzählender“, beschreibt Rohlmann.

Raffael-Dokus im Fernsehen

In „Raffael. Ein sterblicher Gott“ zeigt Henrike Sandner „Künstler und Werk fernab aller Klischees“. Zu sehen im Rahmen von „kulturMontag“ am 6. April um 23.15 Uhr auf ORF 2. Die Kultur-Sendereihe „Sternstunde Kunst“ des schweizerischen Fernsehsenders SRF1 bringt am 5. April um 11.55 Uhr die einstündige Dokumentation „Raffael — Getrieben von Schönheit, Eros und Ehrgeiz “, die erklärt, warum seine Fresken ihn „nicht nur zum Meister vollkommener Schönheit, sondern auch zum Pionier erotischer Kunst machten“, so die Programmankündigung. „Der Maler Raffael, Superstar der Renaissance“ ist ein 30-minütiger Hörbeitrag vom Kulturradiosender SWR2 (2. April, 8.30 Uhr, zum Nachhören auf swr.de). Auch die Historik-Programmreihe „ZeitZeichen“ des Radios WDR3 steht am 6. April (17.45 Uhr) im Zeichen des Malers.

Nach seiner Lehrphase in Florenz ruft ihn Papst Julius II. 1508/09 nach Rom. Der Pontifex beauftragt Raffael mit der Gestaltung der päpstlichen Privaträume, der „Stanzen“. Auch als Architekt ist Raffael gefragt. Ab 1514 leitet er als Baumeister die Arbeiten am Petersdom. Raffael übernimmt zudem Großaufträge von anderen finanzstarken Persönlichkeiten. So ist er an der Gestaltung der Villa Farnesina am Tiber-Ufer für einen toskanischen Bankier beteiligt.

Er entwirft Motive für Wandteppiche des Vatikans. Überliefert ist sein Einsatz für den Erhalt antiker Stätten in Rom. Er ist archäologisch unterwegs, zeichnet Gebäude und Stadtpläne. Um dafür noch mehr zu Rückhalt zu bekommen, schreibt er kurz vor seinem Tod an Papst Leo X. einen Brief.

Uffizien-Direktor Eike Schmidt entdeckt nicht nur in Raffaels Kunst, sondern auch in seinem Geschäftssinn Bezüge zum Heute. Er habe den Kreativen in seiner Werkstatt viel Freiheit gelassen — fast wie bei „Start-up-Unternehmen“, sagt er. Der Jungstar nutzt das Team, um sein Werk zu popularisieren. Dazu dient ihm die Druckgrafik. Er lässt, wie Historiker berichten, Gemälde und Fresken von einem befreundeten Kupferstecher reproduzieren. So kann, was sonst an Wand oder Decke nur für wenige zu genießen ist, breiter verkauft werden.

Nach seinem überraschenden Tod wird der Ausnahmekünstler in einem ehemaligen Tempel aus der Antike, die er so liebte, im Pantheon, beigesetzt. Italien wollte Raffael eigentlich das ganze Jahr mit mehreren Schauen ehren. Die Mega-Ausstellung im Museum Scuderie del Quirinale musste wegen der Corona-Welle jedoch kurz nach der Eröffnung im März wieder schließen.

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