Raphaela Edelbauers Roman „DAVE“ paart Sci-Fi mit KI

Ein riesiger Wohn- und Laborwürfel, hermetisch abgeschottet von der Außenwelt. Die letzte Chance der Menschheit, die die Erde unbewohnbar gemacht hat, ist ein Supercomputer namens DAVE. Die künstliche Intelligenz ist nicht nur mit unvorstellbar großer Rechnerleistung ausgestattet, sondern soll auch die Fähigkeit zur Weiterentwicklung und Selbstoptimierung haben. Alle Hoffnungen der Menschen ruhen auf ihm. Willkommen in der Brave New World according to Raphaela Edelbauer.

Der Stern der 1990 geborenen Wienerin ging 2018 auf, als sie beim Wettlesen um den Bachmann-Preis in Klagenfurt den Publikumspreis gewann. Aus dem dort vorgetragenen Text wurde der Roman „Das flüssige Land“, der es 2019 bis auf die Shortlists für den deutschen und den österreichischen Buchpreis schaffte. Mit dem neuen, über 400-seitigen Roman kehrt sie ein wenig zu ihren Anfängen zurück, in denen sich natur- und sprachwissenschaftliches Interesse paarte. „DAVE“ ist zwar formal nicht so experimentell wie ihr Erstling „Entdecker. Eine Poetik“, doch lässt das Buch deutlich den Spaß an der Denkarbeit erkennen. Komplexe Mnemotechniken bilden nicht nur einen der Handlungsstränge eines Szenarios, das man so nicht selbst erleben will, sondern sind auch Vorlage für den Bauplan des Bunkers selbst, in dem der Roman spielt.

Der hemmungslose Raubbau an den Ressourcen hat die Erde ausgequetscht wie eine Zitrone. Die Bilder, mit denen Edelbauer das Dahinvegetieren auf einem mit vielen Milliarden Menschen überbevölkerten Planeten schildert, erinnern an Pieter Brueghel den Jüngeren, den „Höllenbrueghel“, oder an Hieronymus Bosch. Was der Menschheit dann den Rest gegeben hat, ist in jenem letzten, einem Ameisenbau gleichenden Refugium, in dem Protagonist und Ich-Erzähler Syz die Position eines Programmierers und Forschungsassistenten bekleidet, nicht mehr mit letzter Sicherheit zu erheben. Erdbeben, radioaktive Strahlung, sonstige Katastrophen? Wie die Vergangenheit und das Draußen aussieht, ist jedoch die längste Zeit egal. Denn Edelbauer interessiert das Innere und die Zukunft, an der gebastelt wird.

Horden von Programmierern versuchen die ultimative künstliche Intelligenz zu kreieren, doch um wirklich die Lenkung der Geschicke des Planeten zu übernehmen, fehlt DAVE eines: Persönlichkeit. Die soll ausgerechnet Syz liefern. Ein Algorithmus hat den hoch intelligenten jungen Mann, dem die erhoffte Forschungskarriere stets versagt blieb, als ideales Vorbild für DAVE auserkoren. In endlosen Gesprächssitzungen versuchen Techniker, seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in die bereits geschriebenen Scripts des Supercomputers zu integrieren.

Je mehr Maschine und Mensch miteinander verschmelzen, desto mehr beginnt Syz an der Sinnhaftigkeit des Unternehmens und der Wahrhaftigkeit jener Doktrinen zu zweifeln, auf denen das Zusammenleben dieser letzten Menschheits-Enklave beruht. Er entdeckt, dass er nicht der Erste ist, der für den Computer „gemolken“ wird. Sein Vorgänger verschwand danach spurlos. In der Verschmelzung von Humanität und Digitalität beginnen sich alle Grenzen von Bewusstsein und Erinnerung aufzulösen. Was ist erlebt und was programmiert? Wie viel Syz steckt in DAVE und umgekehrt?

YT
Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

Edelbauer weiß, worüber sie schreibt, und das lässt sie immer wieder gerne durchblicken. Passagenweise versteht der Durchschnittsleser bloß Bahnhof. Doch die kühlen Technik-Exkurse sind das eine, und die High-Tech-Dystopie, die mit Fortdauer des Buches immer rasanter und filmischer wird, das andere. Fortschrittsglaube paart sich mit Erlösungsfantasien und trifft aus letzte Reste dissidenten Denkens. Auf den letzten 100 Seiten wird der Roman geradezu fiebrig, nicht nur, weil die Temperatur im Kubus steigt, sondern weil Edelbauer auf Thriller umschaltet. Syz gelingt die Flucht in die Außenwelt, er landet im – von seinem Vorgänger programmierten – „Restaurant Himmelreich“ und in endlosen Loops.

Die „Letzten Tage der Menschheit“ vor der Übergabe der Verantwortung an die selbst geschaffene künstliche Intelligenz brechen an, und noch immer ist die Frage ungelöst: Wartet am Ende ein Ausweg oder eine Sackgasse? Oder sind wir nicht ohnedies längst in einer Endlosschleife gefangen? Dieses Schicksal immerhin erspart Edelbauer ihren Lesern. Ihre absolut lesenswerte Geschichte hört auf Seite 430 auf. Sie hört aber nicht auf, einen zu beschäftigen…

(S E R V I C E – Raphaela Edelbauer: „DAVE“, Klett-Cotta, 432 Seiten, 25,70 Euro)

Wie ist Ihre Meinung?