Rare Kunst

Sie sind lang und schlank, aus Holz und mit Griff- und Blaslöchern und an den Enden mit schönen Drechselarbeiten versehen: Seitlpfeifen. Und wer's gelernt hat, der kann ihnen die herrlichsten Töne entlocken: Leopold Schiendorfer (52) beherrscht das Drechseln und das Spielen. Zu Besuch beim Seitlpfeifenmacher in Bad Ischl, der kurz vorm Pfeifertag viel zu tun hat.

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Text und Fotos: Melanie Wagenhofer

Denn an Maria Himmelfahrt (15. August) treffen sich die Seitlpfeifer traditionell auf einer Alm im Salzkammergut, wo dann ordentlich aufgespielt wird. Heuer ist das die Weißenbachalm in Bad Aussee. Und der Leopold Schiendorfer ist natürlich mit dabei, spielend und mit einer Kiste voll Seitlpfeifen, für die er Interessenten sucht.
Angefangen hat das mit der Seitlpfeife 1972 bei ihm, als Schiendorfer sieben war und sein Vater den bekannten oö. Volksmusikexperten Alois Blamberger, weithin als „Bla-Lois“ bekannt, gefragt hat, ob er denn dem Leopold und seinem Bruder nicht Unterricht im Seitlpfeifenspielen geben würde. Der nahm sich der Brüder wie auch vieler anderer Kinder an und unterrichtete sie in dem besonderen Instrument. „Bei uns im Salzkammergut wird traditionell zu Schützenfesten aufgespielt“, erklärt Schiendorfer, „meist zu dritt oder auch zu zweit, dann ist ein Trommler mit dabei. Jodler und Lieder werden dreistimmig, Schnelleres wie Landler, Schleuniger und Märsche von zwei Pfeifern und einem Trommler dargeboten.“ Der Brauch gehe auf das Militär zurück, in k.u.k-Zeiten wurden, bevor es Blasmusikkapellen gab, die Kompanien von Trommlern und Pfeifenspielern begleitet. Heute seien die Seitlpfeifer traditionell beim Schützenmahl mit dabei, das den Abschluss der Saison bei den Schützenvereinen bilde, so Schiendorfer. Dort wird nicht nur der erfolgreichste Schütze der Saison gewürdigt, sondern auch um den Tagessieg geschossen. Weil die Schützen erst am Abend erfahren sollen, wer der Gewinner ist, hält ein sogenannter Zieler den ganzen Tag die Spannung aufrecht: Der ist in ein rotweißrotes Gwandl gehüllt und zeigt an, wie viele Punkte der Schütze gemacht hat, indem er darauf mit Figuren wie Purzelbaumschlagen reagiert oder tanzt. Und manchmal dabei blufft. Die Seitlpfeifer spielen je nach Zieler-Aktion bestimmte Stücke.

Vom Pfeifenspieler zum Schwegelbauer

Waren Seitlpfeifen früher weit verbreitet, so sind sie in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts fast völlig von der Bildfläche verschwunden, es fehlte an Nachwuchs. Engagierte Leute wie der Bla-Lois und Leopold Kalss haben den Pfeifertag ins Leben gerufen, um die schöne alte Tradition am Leben zu erhalten. Mit dem Aufwind, den Brauchtum allgemein in den letzten Jahren erlebe, erfahren auch die hölzernen Flöten, auch Schwegel genannt, wieder mehr Aufmerksamkeit, so der Schwegelbauer.
Dem Leopold Schiendorfer war das Spielen der Seitlpfeife jedoch nicht genug: In den 1990er-Jahren erlernte er vom Linzer Flötenbauer Dietmar Derschmidt das Schwegelbauen und produziert seither jährlich 20 bis 30 Stück. Die beiden Männer zählen zu den letzten, die die seltene Kunst noch beherrschen. Schiendorfer baut auch traditionelle Trommeln.
Vier bis fünf Arbeitsstunden stecken in so einer Seitlpfeife, Schiendorfer fertigt sie hauptsächlich aus heimischen Harthölzern wie Zwetschke, Birne, Apfel, Nuss oder Holunder. Ein sehr gutes Instrumentenholz sei auch die recht widerstandsfähige Eibe. „Je härter und dichter das Holz, umso voluminöser der Klang“, erklärt Schiendorfer. Das Holz wird zunächst in vier Zentimeter dicke Bretter geschnitten und daraus dann Vierkantstäbe. Aus vier Ecken werden mittels Bandsäge acht, so nähert man sich der gewünschten runden Form der Flöte an, die entsteht dann endgültig in der Drechselbank, wo auch kunstvolle Enden herausgearbeitet werden.
Der nächste Schritt verlangt äußerste Genauigkeit, auch Geduld und Ruhe gehören zu den Anforderungen beim Seitlpfeifenbauen: Von Hand wird mit einem Löffelbohrer ein Loch durch die Flöte gebohrt, das den nötigen Hohlraum schafft. Die Bohrung wird mit Öl konserviert, damit das Instrument nicht austrocknet. Eine Kunst, das gerade und gleichmäßig hinzubekommen. Der Durchmesser der Bohrung spielt bei der Stimmung der Pfeife eine Rolle. Kleine Korrekturen sind noch auf der Drechselbank möglich.
Verschiedene Bohrlehren, hölzerne Stäbe mit Markierungen, zeigen an, in welchem Abstand das Blasloch und die sechs Grifflöcher zu setzen sind. Die Löcher werden auf das Instrument übertragen und dann gebohrt. „Je größer das Blasloch, umso höher der Ton“, erklärt Schiendorfer. Mit einem feinen Messer werden die Löcher nachgeschärft und mit Schleifpapier bearbeitet, so dass alles glatt ist. Zum Schluss werden sie mit einem speziellen Wachs (Carnauba) versiegelt.
Fünf Millimeter vor das Blasloch wird ein Korkstoppel gesetzt, so entsteht der Klangraum. Nun kann hineingeblasen und durch Öffnen und Schließen der Grifflöcher verschiedene Töne erzeugt werden. Es folgt die Feinjustierung, der Instrumentenbauer hört, wie die Töne schwingen und kann durch Ausschaben noch Kleinigkeiten verändern. Perfekt gestimmt ist die Seitlpfeife dann praktisch „ewig“ haltbar. Es gibt Pfeifen, die schon hundert Jahre auf dem Buckel haben, auch Schiendorfer hat seine allererste noch.
Mittlerweile spielen nicht nur alle vier Kinder Schiendorfers Seitlpfeife, das Interesse an den Instrumenten reicht bis nach Deutschland und die Schweiz, wo der Kunsthandwerker, der auch Krippen und Pokale schnitzt, Kundschaft hat. So eine Pfeife kostet zwischen 80 und 150 Euro. Gespielt wird heute neben dem Salzkammergut noch in einigen Gegenden in Tirol, Bayern, Südtirol und im Salzburger Raum. Schiendorfer hat ein „Pfeifenbiachl“ herausgegeben, in dem er Noten, die früher mündlich weitergegeben wurden, festgehalten hat, darunter Stücke, die ihm noch der Bla-Lois beigebracht hat. Mit der Musikhauptschule Gosau hat er vor einigen Jahren ein Projekt gestartet, im Rahmen dessen eine Pfeiferschule entstanden ist und eine ganze Klasse das Pfeifenspiel erlernt hat. Für Nachwuchs sollte also gesorgt sein…

Info: Tel. 06132/28 138
https://holzkunst-schiendorfer.jimdo.com