Regierungskritisches Onlineportal in Ungarn bangt um Existenz

Die große regierungskritische ungarische Nachrichten-Website Index.hu sieht sich wegen geplanter Umstrukturierungen in ihrer Existenz bedroht. Die Pläne setzten das Medium unter „so enormen Druck von außen, dass es das Ende der Redaktion in ihrer jetzigen Form“ bedeuten könnte, schrieb Chefredakteur Szabolcs Dull in einem auf der Website veröffentlichten offenen Brief.

„Wir wollen eine Nachrichtenseite, auf der nicht Politiker und Abgesandte der Regierung oder wirtschaftliche Akteure über Inhalte entscheiden können“, schrieb Dull, der die „kommenden Tage“ als entscheidend für das „Schicksal von Index“ bezeichnete. Den offenen Brief unterzeichneten auch dutzende weitere bekannte Journalisten.

Index.hu ist die meistbesuchte Nachrichten-Website in Ungarn und eine der letzten unabhängigen Stimmen in der ungarischen Medienlandschaft. Die Regierung von Ungarns rechtspopulistischem Ministerpräsidenten Viktor Orban steht seit langem wegen der Beschneidung der Pressefreiheit in der Kritik. In den vergangenen Jahren hatte die Regierungspartei Fidesz einen Großteil der Medien unter die direkte Kontrolle der Regierung gebracht und in der Stiftung KESMA zusammengeführt. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RoG/RSF) steht Ungarn nur noch auf Platz 89 von 180.

Das Internationale Presse Institut (IPI) reagierte am Montag besorgt auf die Entwicklungen. „Index ist eine besonders wichtige Stimme für unabhängige Nachrichten in Ungarn. Das Untergraben seiner Unabhängigkeit würde den Resten der Pressefreiheit (in Ungarn, Anm.) einen großen Schlag versetzen und den Weg zur weiteren Dominanz und Kontrolle der ungarischen Regierung über öffentliche Nachrichten und Informationen ebnen“, wurde IPI-Vizedirektor Scott Griffen in einer Aussendung zitiert.

Die ebenfalls unabhängige Nachrichtenplattform 24.hu hatte am Sonntag aus Umstrukturierungsplänen bei Index.hu zitiert. Demnach könnte der Verlag einen Großteil der inhaltlichen Produktion auslagern. Vielen Mitarbeitern könnte daher die Kündigung drohen, zudem würde die innere Struktur der Redaktion gleichsam „gesprengt“.

Die Leitung habe dies mit einem Rückgang der Werbeeinnahmen durch die Coronakrise begründet. Im März hatte der Orban-Unterstützer und einflussreiche Geschäftsmann Miklos Vaszily 50 Prozent der Anteile der Agentur Indamedia gekauft, die Index.hu mit Werbeeinnahmen versorgt. Vaszily ist auch der Vorsitzende des regierungsnahen TV-Senders TV2.

Der Warnung der Index-Redaktion widersprach der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung MFA, der Eigentümerin von Index.hu, Laszlo Bodolai. Es gebe „keinen Grund zur Panik“, sagte er am Sonntagabend dem Fachportal „Media 1“.

Bei den Outsourcingplänen habe es sich lediglich um Vorschläge eines Beraters gehandelt, diese seien jedoch von der Direktion von Index bereits abgelehnt worden. Das „Konkurrenzmedium“ 24.hu habe die Redaktion „irregeführt“, so Bodolai. „Media 1“ wollte auch Chefredakteur Dull zu Bodolais Aussagen befragen, dieser verwies jedoch lediglich auf die Mitteilung der Redaktion.

2018 hatte Index.hu unter der Adresse https://szabadindex.eu/ („Freies Index“) eine Anzeige installiert, die die aktuelle Unabhängigkeit der Redaktion anzeigen soll. Diese kennt drei Stufen: grün für „unabhängig“, gelb für „in Gefahr“ und rot für „nicht unabhängig“. Nun wurde die Anzeige erstmals auf die Stufe gelb gestellt.

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