Regionalität im Trend

Durch die Corona-Krise legen Menschen bei Lebensmitteln mehr Wert auf Regionalität – Bauern haben sich 2020 bewährt, so Hiegelsberger

Gemeinde- und Agrarlandesrat Max Hiegelsberger
Gemeinde- und Agrarlandesrat Max Hiegelsberger © Wakolbinger

Investitionen der Gemeinden und der Landwirtschaft sind der Motor schlechthin für ländliche Wertschöpfung. Das sagt Gemeinde- und Agrarlandesrat Max Hiegelsberger im VOLKSBLATT-Gespräch.

Und er zeigt sich überzeugt davon, dass in der Corona-Krise noch mehr Menschen die verlässliche Arbeit der Bäuerinnen und Bauern zu schätzen gelernt haben.

VOLKSBLATT: Wie geht es den Gemeinden im Land nach dem Corona-Jahr 2020?

HIEGELSBERGER: Wir haben mit Jänner 2018 das Finanzierungssystem umgestellt, und ich habe damals gesagt, es wird zwei Jahre dauern, bis man die Wirkung in den Gemeinden spürt. 2020 haben wir gesehen, dass das System so gegriffen hat wie geplant. Wir haben als Land den finanzschwachen Gemeinden stärker unter die Arme greifen können und haben den Gemeinden insgesamt eine höhere Planungssicherheit geben können. Das ist in der Corona-Krise zugute gekommen.

Wie sind die Gemeinden finanziell durch dieses Jahr gekommen?

Ab dem Sommer hat man natürlich schon die Auswirkungen gespürt. Da geht es zuerst einmal darum, den ordentlichen Haushalt zu stabilisieren und damit die Gehälter, die Kindergärten und Ähnliches. Was dann zu einer Stabilität geführt hat, war das Signal der Bundesregierung mit dem ersten Hilfspaket – aber nur deshalb, weil das Landespaket auf die Bundesgelder genau zugeschnitten war und diese etwa mit dem Ertragsanteile-Ausgleich ergänzt hat.

Wie sieht es mit den Investitionen der Gemeinden aus?

Durch die solide Finanzgebahrung und die Hilfen hat im vergangenen Jahr aus finanziellen Gründen nichts gestoppt werden müssen. Und die Planungen für 2021 zeigen, dass die Investitionen in der vorgesehenen Form durchgeführt werden können.

Können damit regionale Betriebe aufatmen?

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Das ist deshalb wesentlich, damit gerade in ländlichen Gemeinden der Arbeitsmarkt und die gesamte Wirtschaft nicht noch mehr unter Druck geraten.

Wie hat sich das Agrarjahr 2020 gestaltet?

In Bezug auf die Krisenfestigkeit hat die Landwirtschaft schon immer zu jenen Segmenten gehört, die auch mit schwierigen Situationen umgehen können. Das hat sich auch 2020 gezeigt. Die Direktvermarktung hat enorm an Bedeutung gewonnen, vor allem im ersten Lockdown. In manchen Bereichen hat sich das hohe Niveau gehalten. Der zweite Lockdown wird dieses hohe Niveau noch festigen, was zu langfristig höheren Umsätzen führen wird. Beim Thema Regionalität und Bio im Handel hat sich gezeigt, dass der Boom auch enorm war. Offenbar haben sich viele Menschen damit beschäftigt, wo gute Nahrung herkommt.

War das auch in der Gastronomie spürbar?

Ich habe Rückmeldungen von Wirten, die sagen, bei ihnen haben auch jene Kunden Speisen abgeholt, die sie zuvor noch nie als Gäste hatten. Das persönliche nahe Umfeld ist für einen Teil der Bevölkerung durch Corona interessanter geworden. Das kann uns in der Landwirtschaft natürlich helfen, weil noch mehr Menschen wissen, dass wir das ganze Jahr über in allen Regionen beste Lebensmittelqualität liefern können.

Spiegelt sich das auch im Bereich Genussland OÖ wider?

Ja, wir hatten 2020 sicher das beste Jahr im Genussland, auch im Hinblick auf den Umsatz der Mitgliedsbetriebe. Im Handel war die Nachfrage sehr groß.

Sind Sie mit den Preisen im Handel zufrieden?

Da muss man differenzieren: Beim Genussland, also beim verarbeiteten Produkt, sind wir zufrieden. Da haben wir auch eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem Handel. In der klassischen Urproduktion und damit bei Fleisch und Milch, wo Oberösterreich enorm stark ist, ist es anders: Bei Milch haben wir eine Stabilität auf mittlerem Niveau. Aber die Fleischmärkte sind extrem unter Druck.

Was braucht es da künftig, um die Situation zu verbessern?

Da brauchen wir eindeutige Signale von Handel und Gastronomie. Der Handel spricht von 2020 als einem der besten Umsatzjahre. Die Bauern bleiben in Oberösterreich bei Schweine- und Rindfleisch auf einem Minus von zirka 60 Millionen Euro im Vergleich zu 2019 sitzen. Da stimmt das Verhältnis nicht.

Der Oberösterreich-Plan soll das Land nach Corona wieder stark machen. Welchen Part kann die Landwirtschaft da übernehmen?

Da geht es um wichtige Investitionen der Landwirtschaft. Denn 80 Prozent der von landwirtschaftlichen Betrieben vergebenen Aufträge gehen in die Region. Dafür braucht es freilich Stabilität im Rechtsrahmen. Denn wenn sich alle paar Jahre Richtlinien im Stallbau verändern, sorgt das für Verunsicherung. Da sind auch die permanenten Forderungen der NGOs ein Spiel auf dem Rücken der Bauern. Wir haben in der vergangenen Periode von 2015 bis 1. Jänner 2020 zirka 180 Mio. an Förderungen vergeben und damit rund eine Milliarde an Investitionen ausgelöst. Da sieht man, dass die Stabilisierung der Wertschöpfung in ländlichen Regionen und damit der Arbeitsplätze stark über landwirtschaftliche Investitionen läuft.

Was steht heuer agrarpolitisch auf der Agenda?

Es laufen derzeit Verhandlungen über eine Entlastung am Schweine- und Rindermarkt. Da geht es um Umsatzentschädigungen in der Corona-Zeit. Im Corona-Hilfsfond sind bereits Urlaub am Bauernhof und Direktvermarktung, weil sie von Schließungen betroffen sind. Aber es gibt natürlich auch indirekte Ausfälle, weil Zulieferungen an den Gastro-Bereich wegfallen. Da soll es analog zu anderen Branchen Ersatz geben.

Was ist beim Thema GAP in Planung?

Bei der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU sind wir in der Finalisierung des nationalen Rahmens. Da geht es uns in Oberösterreich darum, dass wir zum Umweltschutz stehen, dass aber unsere Vorleistungen Anerkennung finden müssen. Wir sind schließlich bei den Umweltleistungen deutlich über jedem anderen Land der EU. Und Betriebe, die Ernährung sichern, müssen weiter Ernährung produzieren können.

Das heißt, es geht um den Schutz der Familienbetriebe?

Die Anforderung muss eine Regelung sein, die eine bäuerliche Struktur berücksichtigt und nicht auf Großbetriebe abzielt. Denn die Corona-Krise hat gezeigt, dass familiengeführte Betriebe am stabilsten und nachhaltigsten sind.

Wofür setzt man sich auf EU-Ebene weiters ein?

Wir brauchen unbedingt die Herkunftskennzeichnung, zumindest in der verarbeiteten Ware und natürlich auch in der Gemeinschaftsverpflegung. Der nächste logische Schritt muss dann die Gastronomie sein. Ich plädiere dafür: alle Allergen-Bezeichnungen streichen und dafür in der Gastronomie die Herkunftskennzeichnung etablieren – mit Anreizsystemen, nicht mit Schikane der Gastronomie. Ich danke auch der Gastronomie für die gelebten Partnerschaften.

Ein agrarischer Höhepunkt ist die Landwirtschaftskammerwahl in Oberösterreich am 24. Jänner. Welche Erwartungen haben Sie an diesen Urnengang?

Der Bauernbund ist seit dem Zweiten Weltkrieg agrarpolitisch die bestimmende Kraft in Oberösterreich. Und wir haben zeigen können, dass wir jenes Bundesland geworden sind, das mit Abstand am meisten Milch, Rindfleisch und Schweinefleisch produziert. Das heißt, die Rahmenbedingungen wurden so gesetzt, dass sich die Betriebe gut darin bewegen können. Dazu kommt: Die Landwirtschaftskammer ist viel mehr als eine Interessenvertretung. Denn die Serviceangebote können sich enorm sehen lassen, und auch das trägt die Handschrift des Bauernbundes. Ich hoffe schon, dass dies sichtbar wird und sich bei der Wahl niederschlägt.

Mit Gemeinde- und Agrarlandesrat MAX HIEGELSBERGER sprachen Christian Haubner und Christoph Steiner

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